Im Fadenkreuz Gottes: Die Winchesters und der Kampf um freien Willen in Supernatural

veröffentlicht am 11. Dezember 2025 in: ,
In der verrückten Mystery-Serie "Supernatural" sind die sympathischen Brüder Dean und Sam Winchester über 15 Staffeln die Superhelden: sie kämpfen, retten die Welt, besiegen Dämonen, Engel und Monster aller Art. Sie sind die Auserwählten Gottes, die Hauptfiguren seines kosmischen Drehbuchs. Sie sind außerordentlich begabt in der Kampfkunst, sie treffen mutige Entscheidungen, sie tragen die Bürde des Schicksals auf ihren Schultern – und für uns, die Zuschauer, sind sie fast alles, was zählt.

Doch nach 13 Staffeln kommt die Erkenntnis, die alles verändert: Gott hat sie nicht als Helden erschaffen, um das Gute zu schützen. Sie waren Figuren in seinem Spiel. Marionetten in einem Drehbuch, dessen Regeln er nach Belieben verändert. Warum? Weil Gott eben Gott ist. Er tut, was er will. Willkür ist vorprogrammiert. Bei Supernatural werden wir Zeuge seiner Phantasien, die sich im Nachhinein als sehr viel beliebiger herausstellen als wohlwollend geführt und geplant.

Zuerst werden wir auf die falsche Fährte geführt. Wir glauben, dass Gott eigentlich ein ganz okayer Typ ist, der es lediglich satt hatte, die Menschen ständig zu disziplinieren, weil sie so ungestüm und unbelehrbar sind. So weit, so gut. Man entwickelt Verständnis für Gott. Wir selbst wissen ja, wie Menschen sein können und entsprechend zeigen wir sogar Nachsicht dafür, dass sich Gott entschied, sich für einige hundert Jahre aus dem Weltgeschehen zurückzuziehen. Doch nach und nach enthüllen sich einige Geheimnisse, die auch ein Gott für sich pflegt. Da gibt es zum Beispiel Gotts Schwester – namentlich die Finsternis – vor der sich nun jede Kreatur auf der Erde fürchtet – so auch Lucifer und der König der Dämonen, die ja nun selbst die meist gefürchteten Entitäten sind.

Doch wir verfolgen diese Geschichte mit größtmöglicher Spannung weiter. Jedes noch so scheinbar unüberwindbare Hindernis wird von den Brüdern Dean und Sam Winchester geradezu meisterhaft gelöst. Doch dann wird es irgendwann ernüchternd: Jede Entscheidung, die sie treffen, jeder Moment von Mut oder Opferbereitschaft, den beide ohne Zweifel und mit beneidenswertem Optimismus zeigen, entpuppt sich am Ende nur als Teil eines Plans, dessen einziges Ziel ist, Gottes „Unterhaltung“ und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Ironie: Gott liebt die beiden zu sehr. Dean und Sam sind seine Lieblingsfiguren in seinem Spiel. Mitgefühl ist eigentlich nicht so seine Stärke, doch die zwei sind ihm so ans Herz gewachsen, dass er sie lieber unnötig so lang wie möglich quält als gleich ein Schachmatt zu setzen.

Die Komik dabei ist bitter: Gott, der Schöpfer, erscheint als ein Wesen mit Humor, manchmal verspielt, manchmal grausam. Für ihn sind Leid, Tod und Verrat nicht Tragödien, sondern Züge im Spiel. Dean und Sam sind dabei die tragikomischen Helden, die ahnungslos ihre Rollen erfüllen – bis sie, erschöpft und zornig, erkennen, dass sie nie wirklich frei waren. Gott benutzte sie die ganze Zeit. Dean und Sam glaubten an sich selbst, die Kraft der Liebe, den Familienzusammenhalt (Sam glaubte zeitweise sogar an Gottes Güte) und dass sich daraus all diese wundersamen Dinge ergaben. Doch nein – sie waren nur die Puppen Gottes und merkten es nicht einmal.

Diese Erkenntnis ist philosophisch: Der Mensch denkt, er handle autonom, wählt zwischen richtig und falsch, kämpft für Liebe, Freundschaft, Familie. Doch in der göttlichen Perspektive ist alles reduziert auf ein Spiel der Kräfte, ein Experiment, Chaos oder Unterhaltung. Die Grausamkeit Gottes wird sichtbar in seiner Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden, das er orchestriert – und gleichzeitig in der Ironie, dass wir es nur durch die Augen seiner „Spieler“ erleben.

Für Dean und Sam beginnt hier die eigentliche Tragik – und die Komik: Sie sind Helden, doch diese Heldenhaftigkeit ist absurd, eine Konstruktion, die ihre eigene Macht und Moral ständig relativiert. Sie kämpfen, opfern sich auf, weinen und lachen – und alles wirkt im göttlichen Maßstab wie ein Würfelspiel, dessen Würfel jemand anderes wirft.

Diese Serie hat etwas Parabelhaftes für unser menschliches Dasein: Das Leben – und Gott – sind weder absolut gerecht noch rein böse. Sie sind paradox. Wir erkennen unsere Rollen oft zu spät, entdecken die Marionettenfäden erst, wenn wir schon so vieles erlebt haben, immer im Glauben, wir würden das aus uns selber tun. Aber in dieser nachträglichen, desillusionierenden Erkenntnis liegt auch ein Funken Freiheit: Wer die Regeln des Spiels erkennt, kann zumindest bewusst entscheiden, wie er innerhalb dieses Spiels handelt – mit Mut, Mitgefühl oder Trotz. So wie Dean und Sam es tun. Sie kämpfen nicht nur gegen Dämonen oder das offensichtliche Böse, sondern gegen das eine Schicksal, das ihnen von Gott auferlegt wurde. Sie weigern sich, bloße Figuren in einem Drehbuch zu bleiben, hinterfragen jede Vorgabe und suchen ihren eigenen Weg.

Gerade in diesem Widerstand offenbart sich die Menschlichkeit der Brüder: Sie akzeptieren nicht die Rolle, die ihnen zugeschrieben wird, sondern handeln aus Bewusstsein und Verantwortung – selbst wenn das Scheitern unausweichlich scheint. Ihre Freiheit besteht nicht darin, alles kontrollieren zu können, sondern darin, sich selbst zu behaupten, Entscheidungen zu treffen und die Grausamkeit und Komik des Spiels nicht einfach hinzunehmen. Immer mit dem Bewusstsein, gelenkt zu werden, und parallel gegen diese Lenkung zu sein und das Eigene zu entwerfen. Ein Kampf gegen Windmühlen, würde man sagen, doch dieser Bewusstseinskampf an sich ist schon Ausdruck einer Freiheit, auch wenn der Kampf verloren ist.

Bei Supernatural färbt sich dieser unglaubliche Widerstandsgeist auch auf andere Wesenheiten ab. Schließlich entscheidet sich sogar ein hierarchisch weit über den Menschen stehender Engel (ein nicht wegzudenkender, himmlischer Sidekick im Supernaturalnarrativ) dazu, selbst Mensch zu werden; inspiriert von der Idee des freien Willens und von der Tapferkeit, die die Menschen Dean und Sam verkörpern. Sie sind Helden, nicht weil sie unfehlbar sind, sondern weil sie die Tragik des göttlichen Spiels erkennen und trotzdem an den freien Willen glauben und weitermachen. Supernatural ist ein moderner Sisyphos, nur in einem viel kosmischerem Ausmaß – in Gottes Ausmaß.

Im Übrigen hat auch Lucifer seine Sternstunden. Während sich alle Engel und Menschen gegen ihn verbrüdern, weil er das ultimative Böse verkörpert, kämpft Lucifer einen einsamen Kampf gegen die eigentliche Quelle des Bösen: seinen Vater, Gott höchstpersönlich. Und am Ende verstehen wir sogar, warum. Wie sagt man so schön: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die schreckliche Grausamkeit haftet nicht nur Lucifer an.

Das Ende von Supernatural verläuft dennoch ganz anders als erwartet. (Kleiner Spoiler: Es gibt da noch einen vielversprechenden Anwärter auf Gottes Posten… Wer wissen möchte, wen ich meine, sollte sich die Serie ansehen. Sie ist zwar lang und hat einen doppelspurigen Erzählstil, doch es lohnt sich, sich darauf einzulassen.)

Minimalistin

"Philosophie ist Nachdenken über Dinge, die man besser nicht wüsste."

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