Die Erfahrung des Unmöglichen
In der Philosophie Georges Batailles nimmt das Nichtwissen eine radikal andere Stellung ein. Für ihn ist Nichtwissen keine Grenze, sondern eine aktive Erfahrung, eine Bewegung des Überschreitens - eine Erfahrung des Unmöglichen.


Bataille spricht von einem „Wissen des Nichtwissens“, das nicht in Erkenntnis mündet, sondern in Erfahrung. Dieses Nichtwissen ist nicht negativ, sondern zunächst einmal einfach nur sich selbst bezeichnend ein Zustand, in dem Denken und Wissen überschritten werden.
Das Unmögliche als Denkfigur bei Bataille – Was bedeutet das?
Das Wissen des Nichtwissens ist unmöglich, weil sie
- nicht objektivierbar ist,
- nicht mitteilbar im gewöhnlichen Sinn,
- nicht in ein Subjekt-Objekt-Schema passt.
Sobald man das Nichtwissen versteht, erklärt oder besitzt, ist sie nicht mehr die originäre Erfahrung des Nichtwissens. Sie entzieht sich dem funktionalen Verstehen – deshalb ist sie unmöglich für das funktional-formale Wissen.* Anmerkung
Die unmögliche Erfahrung ist das, was geschieht, wenn Erfahrung nicht mehr Erfahrung von etwas ist.
Das Unmögliche ist unser strukturelles Dasein
Wir leben weit häufiger in Zuständen unmöglicher Erfahrungen, als wir gemeinhin annehmen. Unser aller Dasein entfaltet sich nicht ausschließlich innerhalb einer eindeutig festgelegten Wirklichkeit, sondern in einem Geflecht von Möglichkeitsebenen, die sich überlagern und uns fortwährend alternative Wirklichkeitsentwürfe anbieten.
Diese Pluralität gründet in einer grundlegenden Erfahrung des Unmöglichen: darin, dass mehrere Möglichkeiten zugleich formal existieren, obwohl wir nur eine geteilte Realität bewohnen.
Das Unmögliche zeigt sich hier nicht als spektakuläres und besonderes Gefühl, sondern als fast schon selbstverständliche alltägliche Struktur unseres Seins – als das Wissen darum, dass die Wirklichkeit immer weniger ist als das, was möglich gewesen wäre. In dieser Differenz zwischen Möglichkeit und Aktualität entsteht Nichtwissen: nicht als Mangel, sondern als permanenter Horizont, der unser Handeln, Entscheiden und Denken begleitet.
Das Unmögliche liegt nicht jenseits unseres Alltags, sondern ist strukturell in unserem Dasein selbst angelegt: Wir bewegen uns permanent in überlappenden Möglichkeitsräumen, obwohl wir faktisch nur eine aktualisierte Wirklichkeit teilen.
Das Prinzip des Nichtwissens im philosophischen Minimalismus
Das Nichtwissen bezeichnet jene noch unbekannten Dimensionen des Seins, die sich jeder begrifflichen Erfassung entziehen. Es schärft den multipel ausgerichteten Möglichkeitssinn und unterbricht die Selbstverständlichkeit des Gegebenen. Nichtwissen ist hier kein Defizit, sondern eine kreative Leerstelle: ein offen gehaltener Ort – in das Leben selbst eingeschrieben – an dem Kontingenzen sichtbar werden und „Andere Welten“ denkbar bleiben. Gerade weil es nicht geschlossen werden kann, wirkt das Nichtwissen generativ – als Bedingung für das Auftauchen des Anderen, des Unvorhersehbaren.
Dieses aktive Nichtwissen kann nicht durch Wissen gefüllt werden, es ist kein Vorzustand zum Wissen, es ist selbst aktiv und ein Prinzip der Offenheit. Es ist ein gesetztes Schweigen, das nicht auf Auflösung zielt, sondern auf Dauer: eine Leerstelle, die bestehen bleibt, um das Leben und Denken kontigent zu halten.
So ist Nichtwissen ein Ausdruck innewohnender Kräfte, die von uns selbst ausgehen: Kräfte, die das Denken an den Rand seines eigenen sinnhaften Zusammenbruchs führen, nämlich dorthin, wo Nichtwissen als diametraler Ort dem Wissen gegenübersteht. Als Grenze zeigt sich Nichtwissen dabei als ein dynamischer Prozess – nicht als Stillstand, sondern als ständiges Sich-Öffnen gegenüber dem, was noch nicht ist.
„Ich weiß nichts, also bin ich“ – Das Nichtwissen als Existenzerfahrung
Darum verstehe ich im Prinzip des philosophischen Minimalismus das Denken als einen Akt, Wissenskonstrukte zu dekonstruieren und zum Nullpunkt des Geistes zurückzukehren. „Ich weiß nichts, also bin ich“ – Erst im Nullpunkt des Nichtwissens – dort, wo Wissen suspendiert und Nichtwissen aktiv gehalten wird – entsteht echtes Denken: offen, frei und, fähig, neue Möglichkeitsräume und Andere-Welten zu erahnen.
LESE TEIL 1: Das philosophische Prinzip des Nichtwissens
*Während Bataille hier vornehmlich von der oszillierenden Bewegung zwischen der Ordnung der Vernunft und des Funktionalen und der Nicht-Ordnung des verdrängten und dunklen Raums des Unberechenbaren spricht, und das Unmögliche unter anderem als etwas beschreibt, das die Wahrheit der Ordnung als noch „unbestimmte Wirklichkeit“ unterbricht – erweitere ich diese Perspektive auf den Aspekt des Unmöglichen als Kontingenzerleben im weitesten Sinne. Auch die Kontingenz spielt bei Bataille eine Rolle, jedoch führt er sie lediglich in seinem literarisch-essayistischen Werk „Das Unmögliche“ aus. Der Begriff der Kontingenz nimmt dabei nicht die Dimension einer systematischen Gestaltung an, wie es bei seiner Theorie zur unproduktiven Selbstverausgabung und Transgression der Fall ist.




