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Zur Religionstheorie Georges Batailles – ein systematisches Resümee

veröffentlicht am 6. Januar 2026 in:
Dieses Resümee ist die ursprüngliche Zusammenfassung der Analyseeinheiten der Untersuchung des Religionsbegriffs Georges Batailles und zählt zu der ungekürzten Fassung der Dissertation vor ihrer Publikation. Hier wird die Genese des Begriffs nachgezeichnet und die systematische Anlage seiner Religionstheorie in Kürze erläutert.

Zur Genese des Religionsbegriffs bei Batailles

Die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Theologie abkoppelnden Religionsdiskurse spiegeln sich in der Entwicklung eines atheologischen Religionsbegriffs von Bataille wider. Bereits vor dem Erscheinen seines religionsphilosophischen Werkes Atheologische Summe werden die Grundlagen seiner sogenannten „azephalischen Theologie“ im Umfeld der Forschungsakademie des Collège de Sociologie erarbeitet. Die wissenschaftlichen Ansätze dieser Religionsakademie können insofern als bedeutende Vorläufer von Batailles „Neuer Mystischer Theologie“ bewertet werden, als es das erklärte Ziel der neuen Religionsforscher ist, die Spuren religiöser Erfahrung in der Moderne weiterzuverfolgen.

Das Collège de Sociologie wird von Bataille als eine dezidiert nachtheologische Forschungseinrichtung dargestellt. Den Beginn dieser nachtheologischen Phase verortet er bei Hegel und Nietzsche. Entsprechend begreift er die neuartige wissenschaftliche Auseinandersetzung als Fortführung einer bereits begonnenen atheologischen Wissenschaftsperiode, die den Übergang in eine säkulare, nachchristliche Epoche markiert.

Das Wissenschaftsverständnis des Collège zielt darauf ab, das Religiöse beziehungsweise das Sakrale neu zu bestimmen, und zwar im Schnittpunkt von subjektiver und objektiver Erfahrung. Der Forschungsrahmen sieht daher ausdrücklich interdisziplinäre Methoden vor, die Philosophie, Ethnologie, Psychologie und Soziologie miteinander verbinden. Gerade die Verschränkung geisteswissenschaftlicher und positivistischer Disziplinen soll eine einseitige Betrachtung religiöser Phänomene vermeiden.

Die religionswissenschaftliche Grundthese des Collège lautet, dass die äußere Form einer Religion als Gemeinschaftskonstrukt ohne die innere Erfahrung des Subjekts nicht angemessen beschrieben werden kann. Umgekehrt lassen sich innere religiöse Erfahrungen nicht erklären, ohne ihre objektiven Bezugsverhältnisse zu untersuchen. Religiöse Erfahrungen unterscheiden sich dabei von anderen Erfahrungsformen insofern, als sie den gegenständlichen und funktionalen Charakter eines Bezugsobjekts zu überschreiten versuchen. Ziel ist es folglich, die spezifische Qualität religiöser Innerlichkeit zu bestimmen und diese Erfahrungsqualität auch in zunehmend entreligionisierten Gesellschaften aufzuspüren.

Nach dem paradigmatischen „Tod Gottes“ ist es in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts obsolet geworden, Religion theologisch über den Bezug auf einen gegenständlich gedachten Gott zu erfassen. Die durch die Abwesenheit Gottes entstehenden Leerstellen bilden jedoch neue sakrale Räume, in denen sich das Subjekt weiterhin in religiösen Bezügen erlebt. Die Nachtheologie des Collège versteht sich als Versuch, diese „neuen“ Räume des Göttlichen innerhalb religiöser Erfahrung systematisch zu erkunden.

Auch Batailles spätere religionsphilosophische Auseinandersetzung unterscheidet sich grundlegend von theologischen Ansätzen. In Auseinandersetzung mit anthropologischen Erkenntnissen richtet sie sich nicht auf ein Gottesbild, sondern auf jene Modi, in denen sich das Göttliche als Attribut des menschlichen Bewusstseins manifestiert. Religion verlagert sich damit in die Immanenz des Menschen. Sie erscheint in Batailles Theorie als intrinsischer Faktor des Heiligen, der sich in unterschiedlichen religiösen Traditionen ebenso zeigt wie in nichtreligiösen Kontexten. Zentral ist für Bataille die Frage, anhand welcher Kriterien sich der religiöse Faktor einer Religion ausweisen lässt, sodass sie dem Wesen der Religion entspricht.

Jenseits naturalistischer oder exklusivistischer Religionsvorstellungen, die Religion entweder biologistisch-anthropologisch oder dogmatisch-metaphysisch bestimmen, vertritt Bataille eine inklusivistisch-pluralistische Position. Die Differenzierung des religiösen Faktors in verschiedene Religionsformen ist für ihn keine bloße Funktion wechselnder kultureller und geografischer Umstände. Diese Umstände evozieren vielmehr die jeweilige Gestalt und die kulturellen Muster einer Religion. Der intrinsische religiöse Faktor erhält sich in rituellen Praktiken, religiösen Handlungen sowie teilweise in Mythen und Liturgien, die jedoch aufgrund ihres kanonisierten und verschriftlichten Charakters die Reinform religiöser Erfahrung nicht mehr enthalten.

Der inklusivistische Anspruch Batailles gründet in einem Religionsbegriff, der Religion primär als innere Erfahrung versteht. Diese äußert sich in Dimensionen wie Intimität, Kontinuität, Ekstase und Selbstverlust. Diese vorrationale Grundlage bildet zugleich den Impetus dessen, was Bataille als kommunikativ-mystische Erfahrung des Göttlichen beschreibt. Der pluralistische Gedanke in seinen religionsphilosophischen Ausführungen hebt die Vielgestaltigkeit religiöser wie nichtreligiöser Gemeinschaftsbildungen hervor, ohne damit eine Pluralität von Wahrheiten zu legitimieren. Im Zentrum steht vielmehr die Anerkennung der Kontingenz religiösen Erlebens.

In der vorliegenden Arbeit wurde aufgezeigt, dass Batailles zentrale Begriffe in einem inneren Zusammenhang stehen und damit eine eigenständige Systematik ausbilden. Diese systematischen Ebenen wurden nicht nur durch die Analyse der jeweiligen Begriffsbestimmungen herausgearbeitet, sondern ebenso durch ihre Erscheinungsformen innerhalb historischer Kontexte der Religionsentwicklung veranschaulicht. Trotz der von Bataille vorgenommenen Dekonstruktion theologischer Rahmen lassen sich in seinem Werk deutlich christlich motivische Voraussetzungen erkennen, die diese Systematik mittragen. So operiert Bataille etwa intensiv mit den religiösen Motiven des Paradieses und des Sündenfalls, wenn er die tiefste Sehnsucht des Menschen als ein Streben nach „Wiederherstellung der Intimität“ beschreibt.

Seine Bestimmung der inneren Dimension der Religion als einer nackten, entblößten und zugleich doppelten Erfahrung greift erkennbar das Motiv der schambehafteten Erkenntnis der eigenen Nacktheit auf, die im biblischen Narrativ zugleich mit dem Anbruch von Freiheit einhergeht. Das zentrale Motiv der Suche nach einer Restitution der paradiesischen Urszene konfiguriert sich folglich auf mehreren Ebenen seines Religionsverständnisses, etwa in seinem Mystikbegriff ebenso wie in seiner Konzeption des Opfers. Zwar stützt Bataille seine Argumentation auf anthropologische Erkenntnisse, die kollektive, unbewusst verankerte Erfahrungskonstanten als Ausgangspunkt menschlicher Handlungskraft bestimmen, doch verneint er den religiösen Charakter dieser Sehnsuchtsquelle keineswegs. Im Gegenteil: Eine im Individuum disponierte Sehnsucht ist für ihn per se ein religiöses Begehren.

Diese Begehrensakte können sich im Zuge ihrer kulturellen Ausgestaltung als Moral, Kultur oder Ästhetik verkleiden, doch Bataille geht davon aus, dass ihnen stets eine verborgene religiöse Dimension zugrunde liegt. Auch die Kategorie der „Sünde“, verstanden als Denkfigur der Transgression oder Übertretung, nimmt in seiner Religionstheorie eine zentrale Stellung ein. Mit ihr werden zum einen die Übergänge zwischen Tier, Mensch und Gott thematisiert, zum anderen wird das Gewissen als spezifisch menschliche Fähigkeit der Selbsttranszendenz und Selbstautorisierung als genuin religiös bestimmt.

Die von Bataille intendierte psychoanalytische Soziologisierung des religiösen Intimitätsstrebens ist selbst Ausdruck einer Säkularisierung des Religionsbegriffs. Pierre Klossowski bringt diese Entwicklung treffend auf den Punkt, wenn er die Hermeneutik der Psychoanalyse als moderne Nachfolge religiöser Selbstvergewisserungserfahrungen charakterisiert: „Schuldig sein oder nicht sein, das ist das Dilemma, das der zeitgenössische Mensch so tief empfindet, daß er die Psychoanalyse erfinden mußte, um sich zu einer schuldigen Existenz zu zwingen […]. In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse nur eine Säkularisierung der christlichen Gewissenprüfung.“

Bataille wendet sich mit seiner Religionsauffassung gegen die Annahme, dass der säkularisierte Umgang mit Schuld zwangsläufig eine Abgabe von Selbstverantwortung an innerweltlich-transzendente Autoritäten nach sich zieht. Im säkularen Modell Klossowskis erscheinen Psychoanalytiker als religiöse Ersatzexperten, als moderne „Gewissensprüfer“. Batailles Souveränitätstheorie zielt demgegenüber darauf ab, das Prinzip religiösen Expertentums als hegemoniale Struktur zu entlarven und die religiöse Dimension als emanzipative Ressource gegenüber solchen Machtverhältnissen zu stärken. Das souverän-religiöse Subjekt bezieht die Verantwortung für sein Dasein nicht mehr aus übergeordneten Instanzen wie Gott, Staat oder wissenschaftlichem Expertentum.

Souveräne Subjekte erkennen zwar ihre Einbindung in kollektive Strukturen und übergeordnete Instanzen an, definieren ihr Selbstverständnis jedoch nicht über diese gegenständlichen Beziehungen. Sie gestehen sich vielmehr ein, „mitschuldig“ zu werden, sobald sie den Wert ihrer eigenen Existenz auf nützliche Dingbeziehungen reduzieren. In diesem Sinne erscheinen die Opferpraktiken frühzeitlicher Kulturen als selbstverantwortende Entschuldigungshandlungen, die das Verhältnis zwischen Existenz und Funktion neu justieren. Batailles religiöse Selbstvergewisserungserfahrung der Moderne geht jedoch über diese archaischen Rituale hinaus und lässt sie als nicht mehr wirksame Praktiken hinter sich.

An ihre Stelle setzt er die triadische Liminalitätserfahrung des Tierisch-Menschlich-Göttlichen, die sich in der individuellen Selbsttranszendenz vollzieht. Diese religiöse Transformationsleistung ermöglicht es dem Menschen, innere Ressourcen als autoritative Quellen menschlichen Handelns im Einklang mit dem Kollektiv zu aktualisieren. Zugleich überschreitet Bataille mit dieser Konzeption die anthropologische Bestimmung des Menschen, da sich die selbsttranszendierende Selbstvergewisserung des Subjekts nicht in der Affirmation des anthropologisch Gegebenen vollzieht, sondern im Versuch, diese Begrenztheit zum Göttlichen hin aufzuheben. Gerade diese Überschreitung des anthropologischen Paradigmas verleiht seiner Religionstheorie ihren genuin religionsphilosophischen Rang.

Bataille beschreibt den funktional nicht einholbaren Mehrwert eines erfassten Sinnes als surrealistischen Überbau des Realen, als das Überwirkliche im Wirklichen. Diese Dimension ist nicht übernatürlich, sondern unbestimmt. Gerade diese epistemische Offenheit verweist für Bataille im Paradigma der „Abwesenheit Gottes“ auf eine religiöse Dimension. Die erkannte Abwesenheit Gottes bedeutet nicht dessen Negation, sondern eröffnet einen Raum für freiheitliche Selbstbestimmung durch religiöse Erfahrung.

Mit seinen Schlüsselkonzeptionen zu Mystik, Intimität, Kommunikation und Ritual versucht Bataille, die religiöse Ebene anhand der Figur des Heiligen gegen eine rein funktional-logische Bestimmung abzugrenzen. Darüber hinaus entfaltet er mit dem Konzept der Souveränität aus der religiösen Dimension heraus eine Analyse der eigentlichen Ressource menschlicher Handlungskraft. Auf diese Weise entzieht sich Batailles Religionsbegriff auch den funktionsreduktiven Säkularisierungsstrategien der Psychoanalyse, die Klossowski als problematischen Horizont des modernen Religionsbegriffs diagnostiziert. Für Bataille ist Religion mehr als psychologische Disposition oder Gewissenserfahrung; sie ist nicht einfach ein Epiphänomen des menschlichen Geistes. Im Zentrum seiner Religionstheorie steht die signifikante Beziehung zwischen Stofflichem und Nicht-Stofflichem, zwischen Materie und Geist. Weder reduziert Bataille das Geistige auf das Materielle noch das Materielle auf das Immaterielle. Die Religion knüpft an das Heilige als heterogene Lebenskraft an, die als Vermittler für das menschliche Bewusstsein fungiert.

Das Heilige zeigt sich in doppelter Weise: es ist sowohl anziehend als auch abstoßend. Heilige Phänomene eröffnen daher eine Realität, die das menschliche Bewusstsein nicht primär intellektuell, sondern empfindend erfasst. Ein exemplarisches Phänomen ist der sexuelle Verkehr, den Bataille in seiner erotischen Konzeption, etwa anhand archaischer Stammespraktiken, analysiert. Ethnologische Untersuchungen zeigen, dass selbst die frühesten bekannten Kulturen auf die Ambivalenz erotischer Praktiken irritiert reagierten. Das parallele Empfinden von Obszönität und Anziehung, Gewalt und Liebe machte Sexualität zu einem gemeinschaftlich regulierten Bereich. Ähnliche Regeln galten für Exkremente, Leichen, Menstruationsblut, Krankheit, Verletzungen und alles, was heterogen, entsetzlich oder radikal andersartig erschien. Solche Phänomene wurden als heilig erkannt und durch Rituale, Gebote und Verbote in das kulturelle Leben integriert. Bataille erklärt, dass diese Vorschriften nicht aus rational-moralischen Überlegungen hervorgingen, sondern aus einer intuitiven Ethik erster Ordnung, die aus der wahrgenommenen Abstoßung des Heiligen erwuchs.

Das Heilige behält trotz dieser lebensweltlich relevanten Funktionen seinen widersprüchlichen Charakter. Die Kontraste zwischen Anziehung und Abstoßung verschmelzen nie vollständig, und die unauflösbare Ambivalenz bleibt bestehen. In Batailles Worten kann man daher vom „Unmöglichen des Heiligen“ sprechen. Die unvereinbare Ambivalenz – als Nebeneinander von Gut und Böse, Materiellem und Immateriellem – bildet den Kern seiner Religionsauffassung.

Mit der Theorie des Heiligen postuliert Bataille eine Seinsgewissheit, die unmittelbar im Heiligen selbst liegt und vom Subjekt nicht erst reflexiv begründet werden muss. Das Heilige ist mitteilsam; es vermittelt dem Bewusstsein direkt eine Erfahrungsdimension. Am Heiligen nimmt das Subjekt auf empathisch-kommunikative Weise teil – Bataille spricht von einer unhintergehbaren Partizipation an Lebensprozessen. Kulturbedingt mag sich der Umgang mit dem Heiligen ändern, doch die religiöse Triebkraft bleibt über verschiedene Konfigurationen hinweg dieselbe. Sein pragmatischer Mystikbegriff impliziert daher nicht, dass Subjekte ihre Wahrheiten konstruieren; lediglich die Bedingungen, unter denen menschliche Handlungen stattfinden, variieren und führen zu unterschiedlichen Perspektiven.

Die Religion vermittelt für Bataille Bewusstsein über sich selbst: Sie zeigt, dass das subjektive religiöse Erleben anders strukturiert ist als profan-funktionale Erfahrung. Zugleich weiß das mystisch-religiöse Selbst, dass es bestimmten Begehrensstrukturen unterworfen ist, die sich einer naturwissenschaftlichen oder anthropologischen Totalerfassung entziehen. Obwohl das Subjekt dem Ganzen ausgesetzt ist, erfährt es sich dennoch als einzelner Fokus des Geschehens. Dieses komplexe intuitive Selbstverständnis entsteht ausschließlich durch religiös-mystische Erfahrung und bildet die Grundlage für Batailles Konzept der subjektivierten Religion, verstanden als individualisierte Kollektiverfahrung. Unter „Kollektiv“ fasst er nicht nur das menschliche Kollektiv, sondern sämtliche Erfahrungsaspekte lebender Organismen und des Universums als unendlich großen Erfahrungsraum zusammen.

Nicht die Letztbegründung durch Selbstreflexion verschafft dem religiösen Subjekt sein Selbstbewusstsein, sondern der dauerhafte, intime Bezug zum „Göttlichen“. Dieses Göttliche ist ein Aspekt, vermittelt durch das Heilige, der das Selbstbewusstsein temporär durch unproduktive, nicht-funktionale Werte ergreift und transformierend mitgestaltet.

Religion als Instanz des Nicht-Stofflichen und Geistigen wird so gegenüber dem Materiellen hervorgehoben, da die tiefe Subjektivität des Individuums überhaupt erst die Erfahrung materieller Realitäten ermöglicht. Materielle Erfahrung bleibt primär Vergänglichkeitserfahrung, kontrastierend zum Kontinuitätserleben subjektivierter Perspektiven. Diese geistige Betonung realisiert sich im Einverleiben der Materie: in der Nahrungsaufnahme, Verwertung von Rohstoffen, Konsumtion von Dingen durch Kunst, Arbeit und Kultur. Im Einverleiben und Verbrauchen realisiert sich die Verinnerlichung von Werten. Im weitesten Sinne betrifft diese Form der Konsumtion auch ideell-vergegenständlichte Werte wie Gott, Freiheit, Gleichheit und Solidarität, die ebenso der „Verinnerlichung“ durch Verbrauch unterworfen sind.

Abschließend unterscheidet Bataille zwei Entwicklungsbewegungen der Menschheit: eine rationale Bewegung des Fortschritts und der funktionalen Optimierung sowie eine religiöse Bewegung der „Ent-Wickelung“, die rationale Verfestigungen zeitweise auflöst. Erst im Zusammenspiel beider Pole wird menschliche Entwicklung möglich.

So präsentiert Bataille eine Religionstheorie, in der die polaren Bewegungen von Sein und Werden durch rationales Voranschreiten und Rückbindung an ein religiöses Element spannungsvoll ausgeglichen werden. Der religiöse Pol zieht das Subjekt zum Ursprung geistig-immanenter Dimensionen zurück, während der rationale Pol das Bewusstsein steigert. Die religiöse Bewegung kehrt das Subjekt jedoch nicht in ein infantiles Selbst zurück, sondern führt es zu einer verwandelten Ursprungsversion seines Selbst, vergleichbar einer Kreisbewegung, in der Anfang und Ende aufeinander treffen. Am Ende dieser Bewegung steht die Wende vom „Tier zum Menschen“. Rational gesteigertes Bewusstsein wird immer wieder durch religiöse Immanenzsuche gehemmt, um zu verhindern, dass das Subjekt gänzlich im funktionalen Dasein aufgeht.

Das Subjekt in der Wende vom „Tier zum Menschen“, wie Bataille prognostiziert, soll gerade diese, sich in einem rein-funktionellen Dasein erfüllen wollende, Selbstbewegung unterbinden. Doch ist für Bataille auch unverkennbar, dass die „gelingende“ Wendung nur dann vonstatten gehen kann, wenn der Mechanismus der Selbsterhöhung über Funktionen von der Menschheit auch als eine zu unterbrechende Bewegung bewusst erkannt wird.