Philosophie und die Frauen: Die halbe Menschheit als Sonderfall

Die Geschichte der Philosophie lässt sich so zusammenfassen: Männer, die sich für sehr wichtig halten, reden zu anderen Männern, die sich ebenfalls für sehr wichtig halten. Oder, in der Sprache der Disziplin: Ein enger Zirkel selbsternannter Vernunftsubjekte verhandelt das Wesen der Welt, während ein beträchtlicher Teil der Menschheit – Frauen – als Randphänomen, Sonderfall oder pädagogisches Problem behandelt wird.

LESEZEIT | 5 Min.

Die Geschichte der Philosophie ist – betrachtet man ihre kanonischen Figuren – eine nahezu ausschließlich männliche Erzählung. Von der antiken Metaphysik bis zur deutschen Idealphilosophie, von der Moralphilosophie der Aufklärung bis zur Existenzphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts dominieren männliche Autoren nicht nur quantitativ, sondern normativ: Sie definieren, was als Vernunft gilt, wer als rationales Subjekt zählt und welche Lebensformen philosophische Relevanz besitzen. Frauen erscheinen in diesen Texten selten als denkende Subjekte, dafür umso häufiger als Gegenstände der Theorie – und meist als defizitäre.

Aristoteles’ berühmte Charakterisierung der Frau als „verstümmelter Mann“ ist keine bloße biologistische Entgleisung, sondern Teil einer umfassenden Ontologie, in der Form (eidos) über Materie herrscht und Aktivität über Passivität. Kant, der die Autonomie der Vernunft zum höchsten moralischen Prinzip erhebt, spricht Frauen zugleich eine voll entwickelte rationale Urteilskraft ab und verortet sie im Reich des Geschmacks und der Anmut. Hegel integriert Frauen zwar in die sittliche Ordnung, jedoch ausschließlich als Hüterinnen der Familie, nicht als Subjekte des objektiven Geistes. Schopenhauer schließlich radikalisiert diese Tradition, indem er Frauen explizit als moralisch und intellektuell minderwertig beschreibt – mit einer Aggressivität, die kaum philosophisch, sondern ressentimentgeladen wirkt.

Diese Misogynie ist kein Randphänomen, sondern strukturell: Philosophie konstituiert sich historisch als Diskurs rationaler Universalität, während sie gleichzeitig festlegt, wer Zugang zu dieser Universalität hat. Frauen werden dabei systematisch dem Partikularen, Emotionalen, Körperlichen zugeordnet – also genau jenen Sphären, von denen sich die Philosophie seit Platon abzugrenzen versucht.

Und doch liegt hier ein Paradox, das eine bloße Abrechnung zu kurz greifen lässt.

Denn während sich Philosophie institutionell und autoritativ historisch als männlich dominiertes Projekt etabliert hat, lebt sie inhaltlich von Fragestellungen, Kompetenzen und Perspektiven, die traditionell als „weiblich“ kodiert wurden: der Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen, der Reflexion von Gefühlen und Empfindungen sowie der Auseinandersetzung mit Ethik und sozialem Miteinander. Philosophische Bereiche wie Sozialphilosophie, Phänomenologie oder Erkenntnistheorie sind ohne Formen des Verstehens wie Intuition, Perspektivität, empathische Sensibilität und differenziertes Mitfühlen kaum denkbar. Diese Denkformen setzen keine distanzierende Objektivierung voraus, sondern eine sensible Selbst- und Weltwahrnehmung, Einfühlung und relationales Denken. In diesem Sinne widerspricht die inhaltliche Praxis der Philosophie ihrer eigenen, historisch männlich konnotierten Selbstbeschreibung.

Philosophie unterscheidet sich grundlegend von jenen Disziplinen, die historisch als klassische Männerfächer gelten – etwa Mathematik, Chemie, Technik, Ingenieurwesen oder Naturwissenschaften. In diesen Bereichen wird Erkenntnis über Messbarkeit, formale Strenge, Reproduzierbarkeit und technische Kontrolle abgesichert. Philosophie hingegen operiert nicht primär mit Zahlen, Experimenten oder Konstruktionen, sondern mit Deutungen, Argumentationen und der reflexiven Verschiebung von Perspektiven. In dieser Hinsicht steht die Philosophie in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zu den traditionell als „männlich“ konnotierten Technik- und Ingenieurwissenschaften. Ihr Gegenstand ist nicht allein die Welt als berechenbares Objekt, sondern der Mensch als soziales, sprachliches und moralisches Wesen. Gerade hier wird sichtbar, dass philosophisches Denken auf Erfahrungsräume angewiesen ist, in die gerade die Frauen historisch gedrängt wurden und gleichzeitig lange als philosophisch nachrangig galten.

Die Abwesenheit des Weiblichen bedeutet daher nicht seine Abwesenheit aus dem philosophischen Denken selbst. Vielmehr ist es in Form impliziter Voraussetzungen und Methoden sowie thematischer Schwerpunkte präsent – jedoch ohne Anerkennung, teils sogar unter expliziter Leugnung. Die Philosophie bedient sich weiblich konnotierter Denkformen, während sie weibliche Subjekte systematisch ausschließt. Darin liegt jener berüchtigte blinde Fleck, eine Form struktureller Betriebsblindheit. (Eine scharfe Trennung zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen existiert nicht; sie ist das Ergebnis historisch gewachsener Zuschreibungen. Umso wichtiger ist es, jene als „weiblich“ markierten Denkformen wahrzunehmen, von denen die Philosophie wesentlich lebt.)

Die Ironie dieser Konstellation ist schwer zu übersehen: Eine Disziplin, die sich der Kritik von Vorurteilen, der Reflexion von Macht und der Suche nach Wahrheit verschrieben hat, reproduziert über Jahrhunderte hinweg eines der stabilsten sozialen Vorurteile überhaupt. Dass ausgerechnet die Philosophie so lange blind gegenüber der eigenen Geschlechterordnung blieb, ist kein Zufall. Wer sich von Anfang an für universal, genial und objektiv hält, hinterfragt selten die Bedingungen seiner eigenen Universalität.

Festzuhalten ist, dass Philosophie trotz dieser Männerdominierung kein bloßes „Männerfach“ ist, das nun um Frauen erweitert werden müsste. Die Philosophie selbst ist ein widersprüchlicher Denkraum, der vom Weiblichen durchdeterminiert ist – jedoch unter Bedingungen der Verschleierung der eigenen Denkstrukturen. Wer Philosophie ernst nimmt, kann diese Geschichte nicht ignorieren. Und wer sie weiter betreiben will, muss anerkennen: Die angeblich reine Vernunft war nie geschlechtslos. Sie war nur einseitig repräsentiert und zensiert.

Ich wurde mehrfach gefragt, ob es in der Geschichte der Philosophie denn überhaupt Stimmen gegeben habe, die Frauen nicht abwerteten oder ihnen zumindest Gleichwertigkeit zusprachen. Die Antwort ist ernüchternd. Auch dort, wo offene Misogynie ausbleibt, bleibt die Hierarchie meist erhalten. Nietzsche etwa, so radikal seine Kritik an Moral und Konventionen auch ist, entkommt diesem Muster nicht: Seine Äußerungen über Frauen sind widersprüchlich, ironisch gebrochen und doch von Projektionen durchzogen.

Wie die meisten antiken Philosophen zu Frauen standen, lässt sich nur eingeschränkt rekonstruieren. Bei Denkern wie Diogenes oder Sokrates stammen zentrale Teile ihres philosophischen Wirkens nicht aus eigenen Schriften, sondern aus späteren Überlieferungen, Kommentaren und Berichten Dritter. Diese indirekte Tradierung erschwert es, ihre tatsächlichen Positionen zur Geschlechterfrage zuverlässig zu bestimmen.

Nachzuvollziehen ist, dass sich erst mit der psychoanalytisch geprägten Philosophie der Fokus zumindest teilweise zu verschieben beginnt. Freud und seine Nachfolger reproduzieren zwar zahlreiche Geschlechterstereotype, erkennen jedoch etwas Entscheidendes an: dass das Problem weniger bei den Frauen liegt als in den Konflikten, Abhängigkeiten und Verdrängungen männlicher Subjektivität. Spätere Denker wie Lacan – ebenso wie psychoanalytisch beeinflusste Philosophen wie Georges Bataille – vertiefen diese Einsicht, indem sie die männliche Subjektposition selbst zum Problem erklären. Einen entscheidenden Bruch markiert schließlich der Existentialismus bei Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die erstmals eine Theorie vorlegen, in der Frauen ausdrücklich als existenzielle Subjekte ernst genommen werden.

Diese Verschiebungen im philosophischen Denken sind eng mit Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen verknüpft. In entsprechenden historischen Phasen lassen sich erste Formen weiblicher Emanzipation beobachten – nach Jahrhunderten, in denen Frauen innerhalb patriarchaler Ordnungssysteme auf klar definierte soziale Rollen festgelegt waren. Weitgehend unthematisiert bleibt jedoch die strukturelle Voraussetzung dieser Entwicklungen: Frauen übernahmen und übernehmen bis heute in hohem Maße reproduktive und soziale Arbeit, die die Entstehung und Stabilisierung jener gesellschaftlichen Bedingungen ermöglicht, unter denen männliche Bildungs- und Erkenntnissubjekte überhaupt erst hervortreten konnten. Geburt, Erziehung und Fürsorge bildeten die materielle und soziale Grundlage nicht nur für jene „großen Denker“, die später den philosophischen Kanon prägten, sondern für alle Menschen, die geboren und versorgt werden müssen.

Ein bemerkenswerter Gegenentwurf zur verbreiteten Frauenfeindlichkeit seiner Zeit findet sich bei Gottfried Wilhelm Leibniz. Anders als viele seiner Zeitgenossen betrachtete er Frauen nicht als intellektuelle Ausnahme oder pädagogisches Randphänomen. Leibniz unterstützte Frauen konkret in ihrer wissenschaftlichen Arbeit und setzte sich für ihre institutionelle Anerkennung ein. So würdigte er Maria Margarethe Kirch ausdrücklich als herausragende Wissenschaftlerin und verteidigte ihre Kompetenz auch gegen den Widerstand akademischer Institutionen. Darüber hinaus erkannte er in der englischen Naturphilosophin Anne Conway seine persönliche philosophische Vordenkerin, deren Ideen seine eigene Metaphysik nachhaltig beeinflussten. Leibniz’ Haltung wirft damit eine grundlegende Frage auf: warum es ihm möglich war, Frauen als philosophische Subjekte anzuerkennen, während ein Großteil der philosophischen Tradition daran scheiterte.

Die Philosophie erweist sich zusammenfassend weniger als zeitloser Raum reiner Vernunft denn als historisch situierter Diskurs mit blinden Flecken. Die Exklusion von Frauen ist nicht als bloßer Denkfehler einzelner Philosophen zu verstehen, sondern als systematische Ausgrenzung des Weiblichen. Dass es mit Leibniz Ausnahmen gab, zeigt jedoch, dass diese Ordnung weder notwendig noch unveränderlich war. Philosophie steht heute vor der Aufgabe, ihre eigenen Voraussetzungen ernsthaft zu hinterfragen, um die Bedingungen ihres Denkens überhaupt zu sehen und zu klären. Die Geschlechterfrage ist dabei kein zeitgenössischer Trend, sondern eine grundlegende philosophische Frage, die von Beginn an bestand – weil sie stets die Hälfte der Menschheit betraf.

Link kopieren