
Was die Welt im Innersten zusammenhält – Zur Sakralsoziologie Georges Batailles
Die Hauptthesen der Sakralsoziologie lauten: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus Spannung. Triebhafte Kräfte lassen sich ordnen, jedoch niemals vollständig rationalisieren. Was ausgeschlossen und verdrängt wird, bleibt sozial wirksam. Im Spiel von Anziehung und Abstoßung formiert sich das Sakrale.
Was ist Sakralsoziologie?
In der Sakralsoziologie und der Theorie der Heterologie geht es um die Untersuchung triebhafter Kräfte, die sich gesamtgesellschaftlich formieren und unterhalb rationalisierter Ordnungen wirksam bleiben. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Kräfte nicht nur die sichtbaren sozialen Strukturen prägen, sondern gerade auch jene Bereiche beeinflussen, die der direkten Wahrnehmung entzogen sind. Bataille geht dabei von dem Grundsatz aus, dass irrationale, affektive Energien niemals vollständig in rationale Formen überführt werden können. Sie entziehen sich der vollständigen Integration in funktionale Ordnungen und werden daher gesellschaftlich verdrängt, ausgeschieden und in gesonderte Bereiche ausgelagert.
Durkheim geht in seiner Religionssoziologie davon aus, dass das Sakrale eine homogenisierende Funktion erfüllt. Religiöse Vorstellungen, Rituale und Symbole erzeugen demnach ein kollektives Bewusstsein, in dem gemeinsame Normen, Werte und Bedeutungen verankert werden. Durch diese geteilten Vorstellungen stabilisiert sich der soziale Zusammenhalt, da Individuen ihre Handlungen an einer gemeinsamen moralischen Ordnung ausrichten. Das Sakrale wirkt bei Durkheim somit primär integrativ, indem es Differenzen überdeckt und eine einheitliche soziale Identität hervorbringt.
Batailles Sakralsoziologie dagegen setzt bei der Annahme an, dass Gesellschaften nicht primär durch geteilte Normen stabilisiert werden, sondern durch ein dynamisches Kräftefeld von Anziehung und Abstoßung. Gegen Durkheims Homogenisierungsthese betont Bataille, dass das Sakrale gerade dort wirksam wird, wo eine Gesellschaft Grenzen zieht und Bestandteile aus dem „homogenen“ Bewusstsein aussondert. Eine Gesellschaft bildet demnach einen kulturell verdrängten Raum aus, in den abgestoßene und verfemte Elemente eingelagert werden.
Dieser verdrängte Bereich umfasst Phänomene, die starke körperliche und affektive Extremreaktionen auslösen: Verletzungen, Ausscheidungen, Fäkalien, Krankheiten, Erotik, aber auch Tod und Gewalt. Die Abstoßung solcher Inhalte bedeutet jedoch nicht, dass sie sozial bedeutungslos wären. Im Gegenteil: Weil sie verdrängt werden, bleiben sie als affektive Spannungsträger präsent und wirken als heimlicher sakraler Kern sozialer Ordnung.
In der Moderne zeigt sich diese Logik auch institutionell. Macht und Gewalt werden in staatlichen Apparaten gebündelt, etwa in Polizei und Gefängnissen, die unerwünschte oder als gefährlich markierte Elemente überwachen und kontrollieren. Andere Formen des Ausgeschlossenen werden ebenfalls räumlich und organisatorisch separiert – etwa in Krankenhäusern oder Bordellen – während marginalisierte Randgruppen jene Zonen des Heterogenen verkörpern, die die profane Normalität abstößt. Für Bataille wird so sichtbar: Gesellschaftliche Einheit entsteht weniger durch gemeinsame Ideale als durch die gemeinsame Abgrenzung gegenüber dem, was als unrein, bedrohlich oder unassimilierbar gilt.
Eine Gesellschaft wird folglich nicht durch eine einfache, unmittelbare Anziehung zusammengehalten, sondern durch eine abstoßende Kraft, die auf paradoxe und dramatische Weise Anziehung erst hervorbringt. Tod, Gewalt und die mit ihnen verbundenen Phänomene bilden einen sakralen Kern, der nicht integrierbar ist und gerade deshalb eine besondere soziale Wirksamkeit entfaltet. Dieser Kern wirkt abstoßend, weil er die Grenzen des gesellschaftlich Erträglichen, Rationalisierbaren und Nützlichen markiert. Zugleich fungiert er als Gravitationszentrum sozialer Beziehungen, um das sich kollektive Affekte organisieren.
Die Individuen, die sich von diesem sakral-abstoßenden Zentrum distanzieren, tun dies nicht vereinzelt, sondern formieren sich in Gruppen und Einheiten, die durch die gemeinsame Abwehr solidarisiert werden. Der soziale Zusammenhalt entsteht somit nicht aus positiv geteilten Werten, sondern aus einer geteilten Aversion gegenüber bestimmten Phänomenen. Wird etwa Gewalt als grundsätzlich abstoßend empfunden, so stiftet nicht die abstrakte Norm des Friedens gesellschaftliche Einheit, sondern die kollektive Abwehr gegenüber dem Gewaltsamen selbst. Die Solidarität gründet in der gemeinsamen Abgrenzung von dem, was als bedrohlich, destruktiv oder unassimilierbar gilt.
In diesem Sinne ist das Sakrale bei Bataille kein harmonisierendes Prinzip, sondern ein konflikthaftes Spannungszentrum. Es bindet Gemeinschaften nicht durch Übereinstimmung, sondern durch die gemeinsame Ausrichtung auf einen negativen Bezugspunkt. Der soziale Zusammenhang wird dadurch nicht trotz, sondern gerade wegen der Abstoßung hergestellt. Das Sakrale erweist sich somit als eine Kraft, die Gemeinschaft über Trennung, Einheit über Ausschluss und Ordnung über das Verdrängte konstituiert.
Theorie der Heterologie
Warum gestaltet sich in der Theorie der Heterologie alles über die Prinzipien von Anziehung und Abstoßung? Bataille macht mit diesem Modell sichtbar, dass gesellschaftliche Wirklichkeit von zwei grundlegenden Bewegungen durchzogen ist. Die erste ist eine unbewusste, triebhafte Bewegung, die sich als psychoenergetische Kraft äußert. Diese Bewegung ist nicht rational gesteuert, sondern folgt affektiven, libidinösen und oft gewaltförmigen Impulsen. Ihr steht eine zweite Bewegung gegenüber, die ordnend, rationalisierend und auf Nützlichkeit ausgerichtet ist. Sie gewährleistet die gesellschaftlichen Formen, innerhalb derer diese Triebenergien kanalisiert, gezügelt und funktional nutzbar gemacht werden.
Der Mensch bewegt sich nach Bataille permanent im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Bewegungen – zwischen Trieb und Ordnung, zwischen Überschuss und Funktion. Entscheidend ist jedoch Batailles weiterführende Frage, was mit den Triebkräften geschieht, nachdem sie gesellschaftlich kanalisiert worden sind. Können sie vollständig in funktionalen Bewegungen aufgefangen und neutralisiert werden? Batailles Antwort lautet eindeutig: nein. Eine vollständige Rationalisierung des Triebes ist unmöglich, da dem Trieb ein irreduzibles Gewaltmoment innewohnt, das sich der funktionalen Ordnung entzieht.
Dieses Gewaltprinzip muss daher aus der arbeitenden, nützlichen Gesellschaft ausgelagert werden. Es manifestiert sich in fixierter und institutionalisierter Form in staatlichen Apparaten wie Polizei, Militär, Gefängnissen und Krankenhäusern. Diese Institutionen übernehmen die Aufgabe, das nicht integrierbare Moment der Gewalt zu bündeln, zu kontrollieren und räumlich wie symbolisch von der profanen Alltagsordnung zu trennen. Dennoch bleiben stets libidinöse Reste und energetische Überschüsse zurück, die sich nicht funktionalisieren lassen.
Diese Überschüsse werden gesellschaftlich und kulturell verdrängt und als heterogene Anteile ausgeschieden. Sie erscheinen als Tabus, als Abfall oder als moralisch verfemte Phänomene, deren sich eine funktionierende Gesellschaft fortwährend zu entledigen sucht. Doch diese Verdrängung bedeutet kein Verschwinden. Vielmehr behalten die ausgeschiedenen Kräfte ihre Wirksamkeit und können zyklisch in machtvoller Form wiederkehren – etwa in sozialen Unruhen, Revolutionen, Massenbewegungen oder kollektiven Gewaltausbrüchen.
Dasselbe Prinzip gilt auch für individuelle Gewaltformen. Wo triebhafte Energien keinen gesellschaftlich vermittelten Ausdruck finden, brechen sie im Privaten oder Pathologisierten hervor. Die Dynamik von Anziehung und Abstoßung bildet bei Bataille somit kein bloßes metaphorisches Modell, sondern beschreibt die grundlegende Struktur sozialer Wirklichkeit: Gesellschaft entsteht aus dem Versuch, Triebenergien zu ordnen, und bleibt zugleich von jenen Kräften bedroht, die sich dieser Ordnung entziehen.
Zusammenfassung
Zusammengefasst wird eine Gemeinschaft oder Gesellschaft nicht durch Homogenisierung stabilisiert, sondern durch die Verwaltung und soziale Kanalisierung von Triebenergien. Es sind nicht die vernünftig formulierten und oberflächlich geteilten Normvorstellungen, die den sozialen Zusammenhalt gewährleisten, sondern die ihnen zugrunde liegenden Kräfte der Kohäsion, die sich vor allem in gemeinsamer Aversion artikulieren. Gesellschaftliche Einheit entsteht demnach weniger durch Konsens als durch die kollektive Ausrichtung auf das, was abgestoßen, ausgeschlossen oder kontrolliert werden muss.
Bataille versteht Gesellschaft folglich als ein energetisches Balancierungsmodell, in dem die Kräfte der Einzelnen gebündelt, miteinander fusioniert und zugleich voneinander getrennt sowie abgesondert werden. Soziale Ordnung entsteht in diesem Modell nicht durch die Auflösung von Spannungen, sondern durch ihre Regulierung: Triebhafte Energien werden kanalisiert, institutionalisiert oder verdrängt, ohne jemals vollständig neutralisiert werden zu können. Es ist der kollektiv geteilte Abscheu und nicht die kollektiv geteilte Norm, der die soziale Zusammenziehung begründet.
BEISPIEL FÜR SAKRALSOZIOLOGISCHE FORSCHUNG



