
Heinsohns sakralsoziologische Analyse: Wenn eine Gesellschaft zu viele Söhne hat
Wo Generationen von Söhnen nachrücken, schneller, als Gesellschaften sie binden können, wird Gewalt zur Sprache des Ungenutzten. Heinsohns These: Demografie entscheidet, wann Geschichte explodiert. Ein Beispiel für das energetische Überschuss-Modell.
Gunnar Heinsohns: Der Grund hinter Krieg, Terror und Massengewalt
Was wäre, wenn Kriege nicht aus Ideologien entstehen, nicht aus Religion, nicht aus Hunger – sondern aus Kinderzimmern? Wenn die eigentliche Ursache von Gewalt nicht in gelenkter Politik, sondern in Bevölkerungspyramiden liegt? Der deutsche Demograf und Genozidforscher Gunnar Heinsohn hat genau das behauptet – und damit eine der provokantesten Theorien der letzten Jahrzehnte vorgelegt.
Heinsohn knüpft an eine Idee an, die der französische Soziologe Gaston Bouthoul bereits 1970 formulierte. Bouthoul suchte nach einer „Weltformel des Krieges“ – Heinsohn griff diesen Ansatz auf, entwickelte ihn weiter und überprüfte ihn empirisch an über 70 Ländern. Das Ergebnis, so Heinsohn, sei erschreckend konsistent: Überall dort, wo Gesellschaften über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg extrem hohe Geburtenraten aufweisen, wird es gefährlich.
Konkret bedeutet das: Wo Frauen im Schnitt sechs bis acht Kinder bekommen – also drei bis vier Söhne –, können nur ein oder zwei dieser Söhne mit stabilen gesellschaftlichen Positionen versorgt werden. Die übrigen, ehrgeizig, körperlich leistungsfähig und im besten Kampfesalter, bleiben übrig. Sie wandern aus – oder sie holen sich ihren Platz mit Gewalt. Heinsohns Formel ist brutal klar: Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet.
Der Youth Bulge: die Beule in der Bevölkerungspyramide
In der internationalen Forschung wird dieses Phänomen als Youth Bulge bezeichnet. Gemeint ist eine demografische Ausbuchtung: Wenn mindestens 30 Prozent aller Männer zwischen 15 und 29 Jahre alt sind – oder mindestens 20 Prozent zwischen 15 und 25 –, entsteht eine gefährliche Altersstruktur. Die Bevölkerungspyramide bekommt eine Beule dort, wo Gewalt statistisch am wahrscheinlichsten ist.
Heinsohn betont: Ein Youth Bulge ist kein Randphänomen. Europa selbst lebte vier Jahrhunderte lang damit. Nach der Pest begann ab dem 15. Jahrhundert eine massive demografische Aufrüstung. Die Hexenverfolgung zerstörte gezielt das Wissen von Hebammen – und damit große Teile der damaligen Verhütungskompetenz. Die Folge: Die Geburtenrate stieg von zwei bis drei Kindern pro Frau im Mittelalter auf dauerhaft sieben bis acht Kinder. Europa produzierte über Generationen hinweg einen permanenten Überschuss an jungen Männern – und erlebte genau in dieser Zeit Kolonialkriege, Religionskriege, innere Gewalt und Expansion nach außen.
Für Heinsohn ist das kein Zufall, sondern ein Muster: Gewalt endet erst, wenn der demografische Druck nachlässt. Entweder durch sinkende Geburtenraten – oder durch Töten.
Töten als demografischer Entlastungsmechanismus
Was folgt aus einem Youth Bulge? Laut Heinsohn fast zwangsläufig eine Eskalation: Kriminalität, Bürgerkriege, Revolutionen, Genozide an Minderheiten, internationale Kriege oder Kolonisierungen. Die Formen variieren, die Funktion bleibt gleich: Der Überschuss an jungen Männern wird „abgetragen“.
Das klingt zynisch – doch Heinsohn besteht darauf, dass es sich um eine nüchterne Beschreibung handle, nicht um eine Rechtfertigung. Gewalt sei kein moralisches Versagen, sondern ein struktureller Effekt. Sie höre genau dort auf, wo der demografische Druck nachlasse.
Ein Lehrbeispiel dafür ist für Heinsohn der Libanon. Zwischen 1975 und 1990 tobte dort ein Bürgerkrieg mit rund 150.000 Toten – in einem Land mit nur drei Millionen Einwohnern. Sechs Religionsgruppen standen sich gegenüber. Doch Heinsohn fragt: Warum gerade dann? Diese Gruppen existierten vorher – und existieren nachher. Der entscheidende Faktor sei die Altersstruktur gewesen. Als die Geburtenrate von fast sechs Kindern pro Frau auf unter zwei sank, endete auch das Töten. Es war schlicht kein „Personal“ mehr da, um weiter Krieg zu führen.
Und die Töchter?
Eine häufige Rückfrage lautet: Was ist mit den Frauen? Heinsohn beantwortet sie ungewöhnlich klar. Überzählige Töchter hätten sich historisch kaum an Massengewalt beteiligt. Erst im 20. Jahrhundert, etwa in Lateinamerika zwischen 1950 und 2000, tauchten Frauen in nennenswertem Umfang als Kombattantinnen auf – etwa als Guerilleras. Doch selbst dort lag ihr Anteil an Tötungen bei unter fünf Prozent. Das entspreche ziemlich genau dem Frauenanteil unter wegen Tötungsdelikten verurteilten Gefängnisinsassen. Für Heinsohn bleibt Gewalt damit strukturell männlich – nicht kulturell, sondern demografisch.
Islamismus als Vorwand, nicht als Ursache
Besonders kontrovers wurde Heinsohn, als er diese Logik auf den Nahen Osten und den Islamismus anwandte. Seine These: Der Islam ist nicht die Ursache der Gewalt, sondern ihre Verkleidung. Koran-Schändungen, religiöse Beleidigungen, Gotteskriege – all das liefere nur den symbolischen Anlass. Die eigentliche Triebkraft sei der demografische Überschuss.
Heinsohn verweist darauf, dass sich die muslimische Welt im 20. Jahrhundert verzehnfacht habe – von rund 150 Millionen auf 1,5 Milliarden Menschen innerhalb von hundert Jahren. Um 1950 lag die durchschnittliche Geburtenrate in vielen islamischen Ländern bei sechs bis acht Kindern pro Frau. Die zwischen 1950 geborenen Söhne waren um 1970 zwanzig Jahre alt – und genau in den folgenden Jahrzehnten, zwischen 1970 und 1990, explodierten dort die internen Konflikte.
Selbst Figuren wie Osama bin Laden, so Heinsohn, hätten das erkannt. Spät in seinen Reden spreche er kaum noch von Theologie, sondern von der „Jugend Allahs“. Der Kampf richte sich nicht primär gegen Ungläubige, sondern um die Mobilisierung einer riesigen, jungen männlichen Masse.
Eine unbequeme Theorie
Heinsohns Ansatz ist umstritten. Kritiker werfen ihm Monokausalität vor, historische Vereinfachung, politische Gefährlichkeit. Und doch lässt sich sein Befund nicht einfach wegwischen: Demografie wirkt langsam, aber gnadenlos. Sie kündigt Konflikte an, lange bevor sie ausbrechen. Wer Bevölkerungspyramiden liest, sieht oft mehr als derjenige, der auf Schlagzeilen starrt.
Vielleicht ist das die eigentliche Provokation dieser Theorie: Dass viele Kriege weniger überraschend sind, als wir glauben. Dass sie sich jahrelang aufbauen – nicht in Moscheen, Kirchen, oder Parteizentralen, sondern in Geburtsstatistiken. Und dass Gewalt dort entsteht, wo Gesellschaften mehr Söhne hervorbringen, als sie integrieren können.
Oder, wie Heinsohn es sinngemäß formuliert: Solange der Überschuss da ist, wird getötet. Erst wenn er verschwindet, kehrt Ruhe ein.
Wer war Gunnar Heinsohn
Gunnar Heinsohn war ein deutscher Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen, der vor allem als Soziologe und freier Publizist wirkte. In jüngerer Zeit werden seine Arbeiten auch von sogenannten alternativen Medien erneut aufgegriffen. Obwohl Heinsohn seine Theorie medial im Fernsehen und diversen Talkshow-Formaten vorstellte, galt seine Theorie als umstritten.
Heinsohn betonte ausdrücklich, dass die von ihm beschriebenen Folgen eines Überschusses junger Männer prinzipiell in jeder Gesellschaft auftreten können und historisch auch in europäischen Ländern, einschließlich Deutschlands, zu beobachten gewesen seien. Seine Theorie zielt daher nicht auf spezifische Religionen oder kulturelle Wertvorstellungen ab. Vielmehr verstand er Gewalt als Ergebnis sozialer und demografischer Dynamiken, die unabhängig von religiösen oder kulturellen Normsystemen wirksam werden.
Sakralsoziologische Relevanz
Gunnar Heinsohns Arbeit lässt sich als Beitrag zu einer sakralsoziologisch informierten Gesellschaftsanalyse lesen, insofern sie die tief liegenden Triebkräfte kollektiven Handelns in den Blick nimmt. Gewalt erscheint bei ihm nicht als ideologischer Irrtum, sondern als Ausdruck eines sozialen Drucks, der sich der unmittelbaren normativen Verständlichkeit entzieht.
Gerade darin liegt die Provokation seines Ansatzes: Die von ihm beschriebene Gewalt ist nicht sinnvoll im Rahmen moralischer Kategorien zu erfassen, sondern folgt einer Logik, die jenseits von Rechtfertigung und Verurteilung operiert. Sie entsteht dort, wo demografische Dynamiken kollektive Spannungen und energetische Überschüsse erzeugen, für die eine Gesellschaft keine integrierenden Formen mehr bereitstellen kann.
Heinsohns Theorie verweist damit auf eine Dimension gesellschaftlicher Wirklichkeit, in der Gewalt weniger als intendierte Handlung denn als strukturelles Ereignis erscheint – eines, das sich rational beschreiben, aber kaum normativ einhegen lässt.
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