
Nietzsches philosophische Anti-Philosophie (und warum Gesundheit ein schlechtes Kriterium ist)
Ich las Nietzsche in ungesundem Maße.
Und je tiefer ich in seine Gedankenwelt eintauchte, desto überzeugender schien sie mir, gerade in ihrer Radikalität und ihrem Pathos gegen das Abgenutzte. Doch zwischen der Leidenschaft für das Leben und dem Misstrauen gegen das Denken, zwischen der Verachtung des Systems und der eigenen systematischen Schärfe begann etwas zu reiben – und ich bemerkte: genau aus dieser Reibung heraus entstehen die kritischen Linien seines Denkens.
Nietzsches sogenannte Anti-Philosophie ist eine der schärfsten Selbstbefragungen, die die Philosophie hervorgebracht hat. Sie richtet sich nicht gegen das Denken überhaupt, sondern gegen eine bestimmte Form des Denkens: gegen eine Philosophie, die sich vom Leben abkoppelt, Erfahrung durch Wahrheit ersetzt und aus Abstraktion moralische Autorität gewinnt. Nietzsche spricht hier nicht von außen. Er misstraut der Philosophie, weil er sie kennt.
Sein Verdacht ist konsequent. Philosophie ist für Nietzsche kein neutrales Erkenntnisinstrument, sondern Ausdruck von Instinkten und kulturellen Zuständen, von Kraft ebenso wie von Erschöpfung. In Zeiten kultureller Schwäche, dort, wo Bindungen brüchig werden und Orientierung fehlt, kann Philosophie gefährlich sein. Sie lehrt zu zweifeln, zu unterscheiden, zu abstrahieren – Fähigkeiten, die nicht stabilisieren, sondern Anlass zu noch größeren Zweifeln geben. Nietzsche nimmt deshalb die Gegner der Philosophie ernst. Nicht als Anti-Intellektuelle, sondern als eine Art Kulturdiagnostiker. Für sie ist Philosophie kein Heilmittel, sondern ein Reizstoff, der bestehende Entzündungen vertieft.
In diesem Sinne erklärt Nietzsche Philosophie zum Luxus gesunder Kulturen. Erst wo ein Volk stark, geschlossen und lebensfähig ist, darf es sich Reflexion leisten. Als Gegenbild nennt er die Römer, die in ihrer Blütezeit weitgehend ohne Philosophie auskamen. Ihre Ordnung beruhte nicht auf Denken, sondern auf Handlung, Disziplin und Macht. Philosophie erscheint hier nicht als Voraussetzung kultureller Größe, sondern als entbehrlich – vielleicht sogar als störend. Produktiv ist sie für Nietzsche nicht als Heilung, sondern allenfalls als Verstärkung bereits vorhandener Stärke.
Dieser Gedanke ist unbequem, trifft aber einen wunden Punkt. Die moderne Philosophie hat sich zu oft als Rettung verstanden: als moralische Instanz, als letzte Erkenntnisform, als Ersatz für verlorene Gewissheiten. Nietzsches Rückgriff auf die vorsokratische Tragödie erinnert daran, dass Denken aus dem Leben hervorgeht und nicht umgekehrt. Das ist keine Ablehnung des Denkens, sondern eine Erinnerung an seine Herkunft.
Problematisch wird Nietzsches Argumentation dort, wo er Philosophie an die Gesundheit eines „Volkskörpers“ bindet. Gesundheit ist selbst fragile Konstruktion. Und Gesellschaften sind keine Organismen mit eindeutiger Diagnose. Sie sind widersprüchlich, fragmentiert, spannungsvoll. Sie sind nie einfach gesund oder krank, sondern produzieren beides zugleich. Der Begriff eines gesunden Volkes beschreibt weniger einen Zustand als ein Ideal – und oft ein gefährliches. Er verschleiert, dass jede Ordnung auf Ausschlüssen beruht und Stabilität meist durch Verdrängung erkauft wird.
Auch Nietzsches römisches Beispiel bleibt ambivalent. Die Römer waren nicht gesund im Sinne innerer Harmonie, sondern funktional stabil durch Expansion, Disziplin und Gewalt. Ihre philosophische Zurückhaltung war weniger Ausdruck geistiger Reife als Resultat einer Ordnung, die sich nicht hinterfragen musste. Dass etwas funktioniert, sagt wenig darüber aus, ob es gesund ist.
Der Begriff der Gesundheit selbst ist daher ein schlechtes Kriterium. Von kollektiver Gesundheit zu sprechen heißt fast immer, individuelles Leiden zu übergehen. Kollektive Gesundheit ist kein neutraler Zustand, sondern das Ergebnis von Normierung. Die Psychoanalyse hat gezeigt, dass Menschen nicht trotz, sondern durch das Kollektiv neurotisch werden. Gesellschaften erzeugen Zwangsformen des Zusammenhalts, die vom Individuum verinnerlicht werden. Oder, wie mein ehemaliger Psychologie-Lehrer zu sagen pflegte: Erst durch Neurosen werden wir sozial.
Was als gesund gilt, ist häufig nur das erfolgreich Verdrängte. Jede Ordnung, die sich selbst für gesund hält, produziert Opfer: Erfahrungen, Lebensformen, Denkweisen, die nicht integrierbar sind. Philosophie richtet sich oft genau auf diese Ränder. Sie stört nicht, weil sie zerstört, sondern weil sie sichtbar macht, was übersehen werden soll.
Philosophie ist kein therapeutisches Verfahren, aber auch kein Luxusgut. Sie heilt nicht, aber sie klärt. Sie legt offen, unter welchen Voraussetzungen Gesellschaften denken, welche Begriffe sie benutzen, welche Werte sie stillschweigend voraussetzen. Das ist ungemütlich, besonders für jene Gemeinschaften, die sich für sehr „gesund“ halten.
Nietzsche beteuert, Philosophie kann isolieren. Ja. Und daher ist es entscheidend, was aus dieser Isolation gemacht wird. Problematisch wird sie eigentlich erst dort, wo sie zur metaphysischen Haltung erhoben wird, wo Absonderung als höherer oder besserer Zustand gilt. Als Zustand hingegen ist Vereinzelung nicht pathologisch, sondern oft Voraussetzung bestimmter Erfahrungen: Zweifel, Selbstprüfung, Desillusionierung.
Isolation ist kein Privileg der Philosophie. Jede intensive Tätigkeit kann sie erzeugen – auch jene, die äußerlich vollkommen integriert erscheint. Der tägliche Gang ins Büro schützt nicht vor innerer Vereinzelung.
De facto ist man nie wirklich isoliert – auch wenn es den Anschein hat. Wer gut mit sich allein sein kann, der hat etwas Wesentliches verstanden. (Natürlich streite ich nicht ab, dass daraus auch eine gewisse Misanthropie erwachsen kann – daran muss nicht das philosophische Denken schuld sein.) Auf der anderen Seite: Es kann durchaus förderlich sein, die Praktiken des gesellschaftlichen Verhaltens nicht mitzumachen, eine passive Sabotage zu praktizieren. Sie ist friedlich und subversiv.
Nietzsches Misstrauen gegenüber dem metaphysischen Denken ist zwar verständlich, aber Abstraktion ist nicht lebensfeindlich per se. Sie ermöglicht es, Erfahrungen zu denken, die dem Unmittelbaren entzogen sind: Zeit, Verantwortung, Schuld, Möglichkeit, Freiheit, Liebe. Ohne diese reflexive und anschauende Arbeit wird das Leben nicht freier, sondern anfälliger für Ideologie, falsche Moral oder Macht. Wenn Philosophie diese Arbeit nicht leistet, übernehmen sie andere – und das wiederum kann missbräuchlich genutzt werden.
Im Grunde ist es doch auch so, dass Philosophie gerade nicht nützlich ist. Die Frage „Was nutzt mir das?“ hat für mich persönlich keine Relevanz. Denn es geht vielmehr darum, sich aus dem Kalkulationsdenken zu befreien – darum, einen Raum zu eröffnen für das Unnütze, für das reine Anschauen und Begreifen, jenseits wissensförmiger Funktionsstrukturen, die letztlich nur unsere konstruierte Welt widerspiegeln.
In diesem Sinne ist es, wie Nietzsche es einmal formulierte: Es braucht mehr Muße und mehr Kühnheit, unlogisch zu argumentieren – gegen das Logische und das Funktionale.
Nietzsches Anti-Philosophie und seine Kritik an Wahrheit, System und Metaphysik operieren somit auch stets mit den Mitteln, die er angreift. Er kann die Philosophie nicht verlassen, ohne sie weiterzuführen. Darin liegt seine Stärke – und seine Grenze. Er zeigt, dass Denken gefährlich ist, aber auch, dass man sich dieser Gefahr nicht entziehen kann, ohne sich selbst preiszugeben. Philosophie ist daher immer mit Risiko verbunden, mit Selbstüberschreitung und möglichem Verlust – wer sich aussetzt, hat etwas zu verlieren. Sie erfordert Mut. Und Nietzsche hatte diesen Mut. Darin liegt seine Größe (Wie kein anderer wusste er auch sich selbst zu korrigieren).
Heute sagt man, dass sein Denken von einem Meer an Widersprüchen geprägt ist – und das verdeutlicht die Lebendigkeit seines Denkens, das sich niemals künstlich glättet:
Nietzsche ist ein Meer von Widersprüchen und oft wird man von den Wellen seines Denkens fortgespült.“
Elmar Schenkel bei Forschung und Lehre
In diesem Sinn ist Philosophie (oder Anti-Philosophie) ein riskantes Zwischenreich, das von starken Wellen des Denkens hin- und hergetrieben ist. Es geht immer darum zu wissen, dass man im Ozean selbst nur eine Welle von Vielen ist. Und gerade darin behält die Philosophie – mit Nietzsche und gegen ihn – ihren einzigartigen Charakter.


