
Eine Frau ist ein Symptom des Mannes – Jacques Lacans Formel für Liebe und Glaube
„Eine Frau ist ein Symptom des Mannes“ – Lacans Formel irritiert und fordert zur Klärung heraus. Der folgende Artikel zeigt, dass es dabei nicht um eine Aussage über Frauen als solche geht, sondern um die Struktur von Glaube, Wahrheit und Beziehung. Die Formel eröffnet einen präzisen Zugang zur Logik der Liebe und der männlichen Subjektivität im Lacanschen Denken.
Der hier rekonstruierte Text von Rolf Nemitz auf der Seite lacan-entziffern.de nimmt Lacans Satz „Eine Frau ist ein Symptom des Mannes“ zum Ausgangspunkt: Zuerst wird die entsprechende Passage aus Lacans Seminar 22 (RSI, Sitzung vom 21. Januar 1975) übersetzt und kommentiert; anschließend schaut der Autor auf spätere Stellen bei Lacan, auf Deutungen in der Sekundärliteratur sowie auf typische Verschiebungen in der Rezeption. Am Ende erfolgt meine Schlussbetrachtung zu Lacans These.
„Eine Frau“ und „die Frau“: Lacans Unterscheidung
Ein erster, langer Schritt besteht darin, Lacans bekannte Formulierung „Die Frau existiert nicht“ präzise zu lesen. Lacan unterscheidet zwischen „eine Frau“ bzw. „Frauen“ und „die Frau“ im Sinn eines Allgemeinen, also der Rede von „der Frau schlechthin“.
Der Artikel arbeitet heraus, dass Aussagen über „die Frau“ logisch wie Allsätze funktionieren (Alle Frauen sind x), während „Frauen“ bei Lacan gerade mit einem „nicht-alle“ verbunden werden. Entscheidender Punkt ist: Aus der Form eines Allsatzes folgt keine Existenzbehauptung; und im Fall von „die Frau“ wird die Existenz eines solchen Wesens (Wesen der Frau) zurückgewiesen – mengentheoretisch als „leere Menge“ formuliert.
Erinnerung an das Lacansche System
Um das Folgende schneller nachzuvollziehen, soll hier noch die psychoanalytische Methode von Lacan angeführt werden, die nicht Teil des Autorenartikels ist. Für Lacan gelten diese drei Dimensionen:
Das Imaginäre – die Welt der Bilder, des Narzissmus, der Selbstidentifikation.
Das Symbolische – die Ordnung der Sprache, der Gesetze, der gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen.
Das Reale (und Unbewusste) – das Unaussprechliche, das, was sich jeder symbolischen Einordnung entzieht.
„Der Mann“ als „definierbare Menge“ und die Rolle von Φ (Phi)
Von der Unterscheidung zwischen „Die Frau“ und „Eine Frau“ wechselt der Text zur Frage, für wen sich die Frage „Was ist eine Frau?“ überhaupt stellt. Lacan beantwortet das asymmetrisch: Diese Frage stellt sich „für den Anderen“ der Frau, also für den Mann. Der Artikel interpretiert Lacans Bemerkung, es gebe für ihn „eine definierbare Menge“, als Hinweis darauf, dass „die Menge der Männer“ über eine bestimmte symbolische Markierung definiert wird: Φ, den Phallus.
Wichtig ist dabei die Differenz zu JΦ (phalliche Jouissance): Φ ist nicht einfach gleichzusetzen mit JΦ, d.h. einer konkreten Lust, sondern fungiert als Signifikantstruktur, die im Schema (borromäische Ringe) in einer spezifischen Weise „außen“ steht bzw. „ex-sistiert“. (Siehe das Bild auf der Website des Autors.) Der Autor entfaltet außerdem Lacans rhetorische Geste, eine Frage nach dem Phallus aufzuwerfen und nicht zu beantworten, als performativen Hinweis auf Φ als „fehlenden Signifikanten“ bzw. als „Frage ohne Antwort“, die mit der fehlenden unbewussten Repräsentation der Geschlechterdifferenz zusammenhängt.
Das Symbol Φ steht für den Phallus als Signifikanten der Nicht-Identifizierbarkeit. Er ist kein eindeutig festlegbarer Begriff, sondern gerade dadurch gekennzeichnet, dass er nicht vollständig symbolisiert werden kann.
Der fehlende Signifikant bedeutet: Es gibt keine Repräsentation für das Weibliche im Unbewussten des Mannes. Darum kann das laut Lacan auch nicht der phallische Selbstgenuss sein, also kein JΦ.
„Eine Frau ist ein Symptom“: Was damit (und was nicht) gemeint ist
Auf dieser Grundlage kommt Lacans Schlüsselpassage: Für denjenigen, der „mit dem Phallus belastet ist“, ist eine Frau ein Symptom. Damit ist nicht eine triviale Psychologisierung gemeint in dem Sinne, dass eine Frau ein echtes pathologisches Symptom des Mannes darstellt, sondern eine strukturelle Bestimmung im Rahmen von Lacans RSI-Topologie: Das Symptom ist im Diagramm mit dem Unbewussten und dem Symbolischen verschaltet; und wenn der Mann „eine Frau zum Symptom macht“, rückt zugleich das phallische Genießen (JΦ) als durch Kastration geformte, untersagte bzw. umgeformte Lust ins Spiel.
Der Dreh- und Angelpunkt: Ein Symptom ist etwas, woran man glaubt
Den eigentlichen Begründungskern des Artikels bildet eine überraschend simple, aber folgenreiche lacanianische Definition: Am Symptom fällt auf, dass er nicht real ist im Sinne eines tatsächlichen Vorhandenseins, sondern dass man daran glaubt; und wer analytische Hilfe sucht, tut dies, weil er überzeugt ist, das Symptom könne „etwas sagen“ und müsse nur entziffert werden.
Der Autor rekonstruiert daraus Lacans Argument in einer strengen Kurzform: Wenn ein Symptom etwas ist, woran man glaubt, und wenn „für den Mann“ eine Frau etwas ist, woran er glaubt, dann ist „für den Mann“ eine Frau ein Symptom. Entscheidend ist also nicht primär Sexualpraxis oder „Funktionalität“ im Alltag, sondern die Struktur eines Glaubens, der auf Sinn und Wahrheit zielt: das Vertrauen, dass „es etwas zu sagen gibt“, das sich als wahr oder falsch auszeichnen kann.
Liebe als Glaubensform und der „Stopfen“ gegen das Loch des Nicht-Verhältnisses
In der Fortführung zeigt der Artikel, dass dieses Symptom-Glauben von Lacan mit Liebe verbunden wird. Lacan formuliert, dass man, um „an eine Frau“ zu glauben, ihr glaubt, also glaubt, was sie sagt; genau das nennt er Liebe.
Der Text entfaltet daraus eine spezifische Pointe: Weil es bei Lacan „kein sexuelles Verhältnis gibt“, wird Liebe als ein „Stopfen“ beschrieben, der das vom Symbolischen (Ordnung) hervorgebrachte Loch im Realen (Unbewusstes des Mannes) notdürftig abdichtet. Der Glaube an „die Eine“ (dass es „Eine“ gibt, die zählt) stabilisiert Zugehörigkeit und „Gesellschaft“ – man ist nicht mehr allein –, ist aber zugleich etwas, das radikal fraglich bleibt, weil es auf einer Blindmachung beruhen kann. Am Ende dieses Gedankengangs steht eine feine Unterscheidung, die der Artikel ausdrücklich macht: Zwischen „einer Frau glauben“ (ihr glauben) und „an eine Frau glauben“ (sie als „die Eine“ setzen) besteht ein Zusammenhang, aber es ist nicht dasselbe.
Spätere Verwendungen bei Lacan: Asymmetrie statt Spiegelung
Der Artikel zeigt danach, dass Lacan selbst die Formel später aufnimmt und zugleich die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern betont. In einer Genfer Diskussion über das Symptom wird Lacan gefragt, ob man umgekehrt sagen könne, der Mann sei das Symptom der Frau. Lacans Antwort verschiebt die Perspektive: Frauen verstünden sehr gut, dass „der Mann ein seltsamer Vogel“ sei; und er setzt noch eine provokante Pointe darauf, indem er sagt, Frauen seien die besseren Analytikerinnen. Der Autor schreibt dazu:
Inwiefern ist für Frauen der Mann kein Symptom? Insofern er für sie ein eigenartiger Vogel ist, ein seltsamer Kauz. Das ist also, umgangssprachlich formuliert, das Gegenteil davon, an jemanden zu glauben: ihn für einen schrägen Vogel zu halten.
In Seminar 23 (Das Sinthom) wird die Grundthese dann wiederholt und zugespitzt: Für jeden Mann ist eine Frau ein Sinthom, während der Mann für eine Frau etwas anderes sei, bis hin zu Formulierungen wie Kummer oder Verwüstung. Für den Autor des Artikels zeigt sich darin: Die Beziehung ist nicht einfach reziprok, und Lacans ursprüngliche Formulierung lebt genau von dieser Nicht-Spiegelbarkeit.
Zwischeneinschub: Lacanscher Begriff Sinthom
„Sinthom“ ist ein Begriff von Jacques Lacan, eingeführt in seinem Seminar XXIII („Le sinthome“, 1975–1976). Er ist absichtlich falsch geschrieben und keine Rechtschreibvariante von „Symptom“. Lacan greift auf eine archaische französische Schreibweise zurück („sinthome“), um etwas Neues zu markieren:
Symptom:
- etwas, das gedeutet werden kann
- Ausdruck eines verdrängten Konflikts
- kann sich durch Analyse auflösen
Sinthom:
- nicht auflösbar
- kein Zeichen, das „verstanden“ werden muss
- eine stabilisierende Konstruktion des Subjekts
- etwas, woran ein Subjekt hängt, um nicht zu zerfallen
Schlussbetrachtung und Resümee des Autors
In der Rezeption von Lacans obiger Darstellung schrieb Colette Soleur:
Wie Lacan sagt, macht der Mensch Liebe mit seinem Unbewussten. Das ist die These, die 1973 formuliert wurde und die in den ganzen folgenden Seminaren nachhallt, insbesondere in der berühmten Formel vom 21. Januar 1975, wo es heißt, dass für einen Mann ‚eine Frau ein Symptom‘ ist. Anders gesagt, ein Körper, der sich dem Partner hingibt, damit dieser, vermittels seines Unbewussten, seine Mehrlust entnimmt.
Diese Rezeption ist laut dem Autor nicht richtig. Auch andere Rezeptionen, die er anführt, zum Beispiel von Zizek, scheinen nicht genügend. Den Unterschied macht er daran fest, dass die genannten Referent:innen nicht zwischen Glaube/Liebe und sexuellem Verhältnis unterscheiden. Während zu der „einen Frau“ als Symptom kein sexuelles Verhältnis (kein JΦ) bestehen kann, ist im obigen Zitat eher angedeutet, dass das Symptom ein Lustmehrwertstifter dieses sexuellen Verhältnisses ist. Das verneint der Autor.
Weil es nach Lacan kein sexuelles Verhältnis gibt, kann sich Beziehung zwischen den Geschlechtern nicht als direktes, strukturell abgesichertes Verhältnis vollziehen. An die Stelle dieses fehlenden Verhältnisses tritt der Glaube: Man glaubt an jemanden, das heißt, man glaubt, dass diese Person etwas Wahres oder auch etwas Falsches sagen kann, dass ihr Sprechen Bedeutung und Wahrheit trägt. Dieses Glauben ersetzt das nicht existierende sexuelle Verhältnis. Das „Nicht-Verhältnis“ ist ein vom Symbolischen erzeugtes Loch im Realen, und der Glaube an den Anderen wirkt wie ein Stopfen, der dieses Loch notdürftig verschließt.
Indem man an „Eine“ glaubt – an eine bestimmte Person als die Eine –, entsteht zugleich der Glaube, es gebe „Die“, also „die Frau“ als solche. Der Glaube an eine konkrete Frau stützt somit die Illusion, es gebe ein sexuelles Verhältnis zur Frau überhaupt. Dabei ist „eine Frau“ nicht identisch mit „der Frau“ im allgemeinen Sinn, sondern sie fungiert für den Mann als die Eine, durch die der Glaube an „die Frau“ überhaupt erst möglich wird.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen „einer Frau glauben“ und „an eine Frau glauben“. Beides hängt zusammen: Der effektivste Weg, eine Frau als die Eine zu setzen und an sie zu glauben, besteht darin, ihr zu glauben, also ihrem Sprechen Wahrheit zuzuschreiben. Liebe erscheint hier als eine Form des Glaubens an Wahrheit.
Lacans These beruht insgesamt auf einer Verbindung von Phallus und Wahrheit. Für jene Subjekte, die durch die Beziehung zum Phallus (Φ) bestimmt sind – das heißt für die männliche Position –, richtet sich der Bezug zu Frauen wesentlich auf die Frage der Wahrheit. Der Mann glaubt der Frau, um an sie zu glauben, und genau in dieser Struktur des Glaubens wird eine Frau für den Mann zu einem Symptom.
Schlussbemerkung zum Artikel
Zur regulativen Funktion von Glauben bei Kant und Lacan
Oder: Wie „eine Frau“ die Funktion der Gottesidee übernimmt
Der akribische und lesenswerte Artikel zeigt präzise, worauf Lacan mit seiner Formel „Eine Frau ist ein Symptom des Mannes“ abzielt. Er unterscheidet deutlich zwischen einem sexuellen Verhältnis im strengen Sinn – das es bei Lacan nicht gibt – und einer Struktur von Wahrheit und Glauben, durch die sich männliche Subjektivität organisiert. In diesem Rahmen beleuchtet der Text gerade nicht eine biologische oder natürliche Anziehung zwischen Mann und Frau, sondern das mehrdeutige, symbolisch vermittelte Verhältnis, das sich an der Stelle des fehlenden sexuellen Verhältnisses bildet.
An Lacans Vorgehensweise fällt mir dabei eine bemerkenswerte Nähe zu Kants Begriff Gottes auf, sofern man beide nicht ontologisch, sondern funktional liest. Bei Kant übernimmt Gott keine empirisch nachweisbare, sondern eine regulative Funktion der Vernunft. Gott kann weder bewiesen noch erfahren werden; er wird vielmehr vorausgesetzt, um moralisches Handeln und die Idee einer möglichen Einheit von Tugend und Glückseligkeit überhaupt sinnvoll denken zu können. Die Gottesidee strukturiert das praktische Denken, ohne selbst Gegenstand von Wissen zu sein.
Eine vergleichbare Struktur findet sich bei Lacan in der Figur von „einer Frau“. Auch sie ist kein Objekt eines realen, abgesicherten Verhältnisses, sondern eine notwendige Setzung im Feld des Glaubens. Da es bei Lacan keine symbolische Repräsentation des Weiblichen als Ganzes gibt und kein sexuelles Verhältnis existiert, kann sich der Mann zur Frau nur über eine Glaubensstruktur verhalten. Er muss sie als die Eine voraussetzen, um Liebe, Wahrheit und Sinn überhaupt organisieren zu können.
Der Vergleich zu Kant wird hier präzise: Wie Gott bei Kant nicht das Ergebnis eines Wissens, sondern eine notwendige Voraussetzung praktischer Orientierung ist, so ist „eine Frau“ bei Lacan nicht Gegenstand eines realen Verhältnisses, sondern wirkt – als Symptom – als strukturierende Instanz im Feld von Begehren und Wahrheit. Sie hält den Glauben an ein Verhältnis aufrecht, wo strukturell keines existiert. In beiden Fällen geht es nicht um Existenzbehauptungen, sondern um eine regulative Funktion, die Denken, Begehren und Sinnzusammenhang stabilisiert, indem sie eine Leerstelle überdeckt, ohne sie aufzuheben.
In diesem Sinn lässt sich der Vergleich auch umkehren. Wenn bei Lacan „eine Frau“ als Symptom des Mannes fungiert, dann kann man – in struktureller Analogie – sagen, dass Gott bei Kant als Symptom des Menschen erscheint. Im Sinne des lacanschen nicht-pathologischen Symptoms als Ausdruck einer notwendigen Glaubensstruktur, die dort entsteht, wo Wissen an seine Grenze stößt. Gott erscheint dann als Antwort auf eine Leerstelle, die nicht aufgehoben, sondern nur regulativ überdeckt werden kann. In dieser Perspektive ist Gott nicht Ursache des Sinns, sondern dessen Stütze – so wie „eine Frau“ bei Lacan, an der sich der Glaube an Wahrheit und Beziehung festmacht.
Hier ist der Artikel zu finden: „Eine Frau ist ein Symptom des Mannes„


