War Nietzsche ein Frauenfeind? Mit Blick auf sein Denken und seine Philosophie eindeutig Ja – und das sogar selbsternannt. Der folgende sorgfältig erarbeitete und lesenswerte Essay von Roland R. Maxwell untersucht das Frauenbild von Friedrich Nietzsche und geht der Frage nach, ob er als Frauenhasser, Antifeminist oder lediglich als Kind seiner Zeit zu verstehen ist. Grundlage der Analyse sind insbesondere Also sprach Zarasuthra, Jenseits von Gut und Böse, Götzen-Dämmerung. Im Folgenden werden die Inhalte der Ausarbeitung samt einiger Zitate in Kürze rekonstruiert. Im Anschluss erfolgt meine resümierende Betrachtung.
Also sprach Zarathustra – die Frau als Dienerin und Spielzeug
Der Ausgangspunkt ist das berühmte Zitat:
„Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“
Dieses wird häufig als Beweis für Nietzsches Frauenfeindlichkeit herangezogen. Der Essay weist jedoch darauf hin, dass der Satz nicht direkt von Zarathustra stammt, sondern von einem „alten Weib“ ausgesprochen wird. Ich möchte an dieser Stelle noch hinzufügen, dass es auch ein Hinweis auf das berüchtigte Bild mit Lou Andreas-Salomé sein kann. Dennoch bleibt der inhaltliche Kontext problematisch.
Im Kapitel „Von alten und jungen Weibern“ wird ein deutlich hierarchisches Geschlechterbild präsentiert: Die Frau dient dem Mann. Ihre Hauptaufgabe ist das Gebären von Kindern – idealerweise des „Übermenschen“. Der Mann ist für Krieg und Kampf bestimmt. Die Frau sorgt für Erholung, Haushalt und Erziehung.
Zarathustra beschreibt die Frau als „Spielzeug“, wenn auch als „gefährliches Spielzeug“. Ihr Gemüt sei ruhig und oberflächlich, während das des Mannes tief, stürmisch und kraftvoll sei. Die Frau könne diese „Tiefe“ höchstens ahnen, aber nicht begreifen. Zentrale Aussagen sind: Die Frau sei ohne den Mann nicht vollständig. Sie habe keine eigene „Tiefe“. Ihre Rolle sei klar biologisch und dienend definiert.
Jenseits von Gut und Böse – offene Polemik gegen Emanzipation
Während „Zarathustra“ noch symbolisch und poetisch formuliert ist, wird Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse deutlich direkter. In einem Aphorismus bringt er die Ablehnung der weiblichen Selbstständigkeit offen zum Ausdruck:
Aphorismus 232:
„Das Weib will selbständig werden […] das gehört zu den schlimmsten Fortschritten der allgemeinen Verhäßlichung Europas.“
Hier wird die aufkommende Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts als kultureller Verfall dargestellt. Emanzipation erscheint nicht als Fortschritt, sondern als Degeneration. Weiter heißt es:
„Das Weib hat so viel Grund zur Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches […]“
Frauen werden als oberflächlich, kleinlich, unbescheiden, wissenschaftlich ungeeignet beschrieben. Was die Wahrheit und Frauen angeht, formuliert Nietzsche diesbezüglich besonders scharf:
„Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder […] als Wahrheit – seine große Kunst ist die Lüge.“
Hier wird Frauen grundsätzlich Wahrheitsunfähigkeit unterstellt. Ihr Wesen bestehe im „Schein“ und in der „Schönheit“.
Ablehnung weiblicher Vorbilder
Nietzsche kritisiert Frauen, die sich auf starke historische Persönlichkeiten berufen, etwa: Madame Roland, Madame de Staël, George Sand, die sich gerade durch ihre sozialkritische und feministische Arbeit auszeichneten.
Er bezeichnet sie polemisch als:
„drei komische Weiber“
Sie seien für ihn die „besten unfreiwilligen Gegen-Argumente gegen Emanzipation“. Besonders George Sand wird beleidigend beschrieben. Der Essay interpretiert dies als Ausdruck von Spott, Abwehr oder möglicherweise gekränktem männlichem Stolz.
Gleichberechtigung als „Dummheit“
In Aphorismus 238 wendet sich Nietzsche explizit gegen Gleichberechtigung:
„gleiche Rechte, gleiche Erziehung, gleiche Ansprüche und Verpflichtungen“
Wer so denke, sei „flachköpfig“. Zwischen Mann und Frau müsse eine „ewigfeindselige Spannung“ bestehen. Noch deutlicher wird es, wenn er fordert, man solle die Frau:
„als Besitz, als verschließbares Eigentum“
denken. Emanzipation führe zur „Entweiblichung“ der Frau, zu kulturellem Verfall und letztlich zu einer Gefahr für Europa.
Angriff auf männliche Unterstützer der Emanzipation
Nietzsche greift nicht nur Frauen, sondern auch deren Unterstützer an. Männer, die sich für Frauenrechte einsetzen, nennt er:
„gelehrte Esel“,
„Frauen-Freunde“,
„Weiber-Verderber“.
Die Förderung weiblicher Selbstständigkeit mache Frauen zu „Freigeistern und Literaten“ – was er als kulturellen Schaden betrachtet. Unter anderem begründet Nietzsche das damit, dass den Frauen wie einst die Ehrfurcht vor den Männern (durch verbale und körperliche Züchtigung) nicht mehr gelehrt werde. Mit dem hier zum Ausdruck kommenden Frauenbild rückt Nietzsche dem konservativen Christentum unfreiwillig näher, als ihm vermutlich lieb gewesen wäre.
Resümee des Autors
Der Autor kommt zu einem eindeutigen Fazit. Nietzsche vertritt ein streng hierarchisches Geschlechtermodell und Frauen werden als intellektuell unterlegen dargestellt. Die Hauptfunktion der Frau sei Mutterschaft und Dienst am Mann. Emanzipation wird als kulturelle Bedrohung interpretiert, Gleichberechtigung wird als Dummheit oder Degeneration bezeichnet.
Aus heutiger Sicht ist dieses Frauenbild klar frauenfeindlich. Zwar war das 19. Jahrhundert insgesamt patriarchal geprägt, doch Nietzsche formuliert seine Ablehnung besonders polemisch. Der Essay schließt daher mit dem Urteil: Nietzsche war – gemessen an heutigen Maßstäben – eindeutig frauenverachtend und lehnte Frauenemanzipation entschieden ab.
Meine Betrachtung
Die Passagen Nietzsches überraschen nicht. Als „Frau“ ist man es gewohnt, verachtet zu werden – überall, ob Religion, Philosophie oder Gesellschaft. Zwar heißt es, Nietzsche habe insbesondere mit seinem Werk Also sprach Zarathustra den Verstand verloren; letztlich jedoch spricht aus ihm jener kollektive männliche Anteil, der die Frau als Feind und Gegenbild zum eigenen Geschlecht verstand. Er brachte lediglich zum Ausdruck, was sich im dunklen Unbewussten schon immer gegen das Weibliche aufbäumte.
Meines Erachtens ist es offensichtlich, dass hierfür auf psychoanalytischer Ebene triebtheoretische Gründe zugrunde liegen: Die heteronormative Anziehung zum Weiblichen ist nicht nur sehr stark, sie ist auch zutiefst ambivalent. Sie ist geladen und nicht harmonisch, in sich gestört und destruktiv. Hier begegnen wir wieder Denkern wie Bataille oder Lacan, die das dunkle Begehren als „unerfüllbar“ beschrieben haben. Lacan und Bataille wissen um die gestörte Begehrensstrukturen – und was daraus resultieren kann, wenn sie gar nicht erkannt werden. Gerade Batailles schonungslose Offenheit macht verständlich, warum aus der Perspektive einer unbewussten männlichen Subjektivität das „Weibliche“ als Opfer herhalten muss.
Diese von Nietzsche als negativ dargestellte „Entweiblichung“ des Weiblichen bedeutet nichts anderes, als dass die Frau nicht mehr Opfer sein will. Im Gesamtüberblick ist ersichtlich, dass das psychodynamische Verhältnis zwischen männlich und weiblich von pathologischen Macht- und Herrschaftsgedanken durchdrungen ist. Man muss davon ausgehen – wie Nietzsche es richtig formuliert –, dass zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen eine „ewig feindliche Spannung“ als Gesetz erscheint: rational kaum zu ergründen, beinahe metaphysisch anmutend. (Evolutionsbiologen würden vielleicht sagen, sie sei zum Überleben notwendig.) Doch jenseits solcher Deutungen bleibt festzuhalten: Diese Spannung existiert – daran habe ich keinen Zweifel. Und sie hat sich in ihrer geschichtlichen Ausprägung tatsächlich feindselig ausgespielt, und alles andere als „notwendig“ und „ordnungsweisend“ gezeigt. Da Frauen sich zu wehren wussten, sah man sich gezwungen, sie stets strafend zur Ordnung zu rufen. Was man hier Ordnung nennen könnte, ist angewandte Gewalt.
Zum Schluss: Nietzsches größter Widerspruch
Nietzsche wäre nicht Nietzsche, hätte er nicht diese vielen, wechselnden Ansichten. Zur Rettung seines „widersprüchlichen Denkens“ werden noch weitere Zitate angeführt. Im Folgenden sieht er das vollkommene Weib noch über dem vollkommenen Mann stehen:
„Das vollkommene Weib ist ein höherer Typus des Menschen als der vollkommene Mann: auch etwas viel Selteneres.“
Gewissermaßen traut er hier dem Weiblichen etwas zu, was sogar das Männliche übersteigt. Der Übermensch als höherer Typus ließe sich hier sogar als weiblich denken.
Nietzsches großer Widerspruch über die „Frau“ wird auch in dem folgenden Zitat verdeutlicht, denn hier setzt er die Wahrheit mit dem Weib gleich, was er oben in einem anderen Zitat noch widerlegen wollte:
Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist – ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? Dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen.
Nietzsche-Kenner und Experten wissen, dass sein Denken über das Weibliche durch einen inneren ambivalenten Bruch gekennzeichnet ist:
Das Weibliche im Bild der „Natur“ und des „Leibes“ als Gegenbild zur „Vernunft“ wurde von Nietzsche stets bewundert. Die Weiblichkeit diente bei ihm häufig als Ausdruck ursprünglicher Naturkräfte – als etwas Instinktives, Lebendiges, der Vernunftlogik Vorgelagertes. Und gerade jene rationalen, systematischen Denkstrukturen, die er scharf kritisierte, stehen bei ihm oft im Gegensatz zu einer vitalen, dionysischen Kraft, die er nicht nur mit dem Männlichen, sondern auch mit dem natürlich Weiblichen verbindet.
In dieser Perspektive ist Weiblichkeit in Nietzsches Denken auch implizit nicht nur negativ belastet, sondern durch die radikale Nähe zum Leben selbst gekennzeichnet, als Kontrast zu starren Moral- und Vernunftkonstruktionen.
Sein Denken ist und bleibt unauflöslich widersprüchlich – und doch rührt dieses Wirrwarr daher, dass noch nicht durchsichtig geworden ist, dass die klare Zuordnung zum Männlichen und Weiblichen gar nicht existiert; ebenso wie die Scheidung von Geist und Leib oder von Natur und Vernunft selbst nur eine menschliche gedachte Grenze ist. Analytische Grenzziehungen sind Werkzeuge, um sich etwas näher und genau anzuschauen – und trotzdem bleiben sie „hinzugedacht“ und höchstmöglich deskriptiv. Sie sind keine Wahrheiten. Und Nietzsches Denken reflektiert genau diesen Seiltanz des überschreitenden Hin- und Herschwankens entlang jener konstruierten Grenzziehungen.
In Jenseits von Gut und Böse bemängelt Nietzsche außerdem, fast auf komödiantische Art, auch die angeblich fehlenden Kochkünste der Frau, die er auf „mangelnde Vernunft“ zurückführt – und hier wird wieder deutlich, dass Nietzsche seine sonst verhasste Vernunftstruktur erneut aufgreift, um doch ein Exempel zu statuieren.
Durch schlechte Köchinnen — durch den vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser.
Auch solche Widersprüche zeigen, dass selbst ein Nietzsche nicht frei von einer „Vernunftsehnsucht“ war und dass auch er ein ständiger Grenzüberschreiter blieb: zwischen Instinkt und Vernunft, zwischen Leib und Geist.
Diese angeblich so männliche „Freigeisterei“ und das „Literatentum“ erscheinen mir eher als das Feld der „weiblichen“ Künste – wobei ich „weiblich“ nicht biologisch verstehe, sondern als analytische Grenzkategorie. Dieses Feld steht dem Logisch-Rationalen gegenüber. (Das ist auch eine Feststellung von Nietzsche selbst, der die Musik von Wagner in seiner Abneigung als verführerisch „Ewig-Weiblich“ darstellte und sich in seiner neu entdeckten „Männlichkeit“ von sich stoßen wollte.) Es ist wohl eher so, dass literarische Männer ihre „weibliche“ Seite ausleben und es natürlich nicht sehen wollen. Denn in einem gewissen Jargon des „Männerdenkens“ soll das Weibliche nicht als Konkurrenz – wie unter Männern – auftreten, sondern lieber als brav, versorgend, sexuell dienlich und nützlich. Die Furcht des Männlichen vor der Macht des Weiblichen war stets groß, noch größer jedoch die Angst vor der Abweisung durch das Weibliche. Und ich schätze, dass das Nietzsche auch bewusst war.
Der Link zum Autorenartikel:
Nietzsche und die Frauen – Ein Essay



