Was ist das Nichts? – Über die Grenzen des Seins und die Form der Leere

Wenn man aus dem Leben, Universum, Ganzen alles, aber wirklich alles abzieht, was bleibt dann? Das Nichts. Nichts ist nichts – so sagt man. Wenn Nichts nichts ist, dann bedeutet das, dass aus dem Nichts auch nichts kommt.

LESEZEIT | 5 Min.

Nichts bedeutet, dass selbst der Begriff „Nichts“ nicht mehr existiert. Man würde sagen, das wäre dann Leere, aber selbst die Leere ist ein Gegensatz zu etwas Vorhandenem. Das Nichts kann also nicht die Leere sein, denn die Leere ist etwas. Daher: Wieso können wir diesen Begriff überhaupt denken, wenn er ontologisch nicht möglich ist?

Hegel: Wir können das Nichts denken, weil es als Bewegung in uns gegenwärtig ist. Das Denken negiert, unterscheidet – das Denken selbst ist die Negation.

Sartre: Das Bewusstsein selbst ist eine Form des Nichts. Wir können das Nichts denken, weil wir es sind – ein Mangel im Sein.

Heidegger: Das Nichts „zeigt sich“ im Erschrecken, in der Angst, in der Erfahrung, dass alles Seiende sich entzieht. Wir denken es nicht, es begegnet uns.

Kant hätte gesagt: Wir können es denken als Begriff der Negation, aber nicht erfahren. Es ist ein Grenzbegriff, kein Gegenstand.

Die Urfrage: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?

Diese Frage – Leibniz’ Frage – ist der eigentliche Beginn der Philosophie. Nicht: Was ist das Sein?, sondern: Warum überhaupt Sein? Warum gibt es etwas – mich, die Worte, die ich schreibe, das Licht auf dieser Tastatur – und nicht vielmehr nichts?

Diese Frage hat keine empirische, keine logische, keine religiöse Antwort. Sie öffnet sich ins Unbegründbare. Naturwissenschaftlich lässt sich diese Frage nicht beantworten. Sie ist eine Frage des Geistes. Auch wenn wir diese Frage als geistige Wesen stellen können, markiert sie gleichzeitig die Grenze des Denkbaren. Die Frage nach dem Nichts trägt eine gewaltige und eigentümliche Kraft:

Sie macht uns bewusst, dass alles, was existiert, auch nicht existieren könnte.

Sie führt uns vor Augen: Das Sein sei nicht notwendig – es sei irgendwie Zufall. Ein vielleicht.

Doch immer noch gilt: Aus dem Nichts kann auch nur nichts kommen. Daher: Selbst Zufälligkeit kann ihren Ursprung NICHT im Nichts haben.

Das Nichts als Möglichkeit – Hegel

Hegel hat diese Leere nicht verdrängt, sondern zur Bedingung gemacht. Am Anfang seiner Wissenschaft der Logik stellt er zwei Begriffe nebeneinander: reines Sein und reines Nichts. Beide sind, so Hegel, „dasselbe“. Ein Satz, der auf den ersten Blick wie ein Sophismus klingt – und doch einen ungeheuren Gedanken enthält: Das reine Sein, gedacht ohne jede Bestimmung, ohne Qualität, ohne Inhalt, ist so leer, dass es nicht vom Nichts zu unterscheiden ist.

Doch gerade in dieser Spannung geschieht etwas: Das Denken erkennt, dass Sein und Nichts nicht statisch sind, sondern sich ineinander bewegen. Aus dieser Bewegung entsteht das Werden.

Das Nichts ist also nicht bloß Abwesenheit, sondern die dialektische Unruhe, aus der das Seiende hervorgeht. Das Sein ist nicht einfach da; es ereignet sich, indem es sich ständig vom Nichts unterscheidet. In dieser Lesart ist das Nichts kein Ende, sondern ein Anfang – die formlose Ursuppe des Werdens, der Ort, an dem alles noch möglich ist.

Für mich ist dieser Ort des Anfangs nicht das Nichts, sondern etwas anderes. Dazu am Ende mehr.

Heidegger: Das Nichts nichtet

Ein Jahrhundert später kommt Martin Heidegger und verschiebt den Ton: Er fragt nicht, was das Nichts ist, sondern wie es sich zeigt. In seiner berühmten Rede Was ist Metaphysik? schreibt er: „Das Nichts selbst nichtet.“

Das klingt zunächst wie ein Sprachspiel, ein Versuch, das Unaussprechliche grammatikalisch zu bändigen. Aber Heidegger will etwas anderes sagen: Das Nichts ist nicht ein Gegenstand unter anderen, es „existiert“ nicht. Es ereignet sich in der Grenzerfahrung, in der uns das Seiende entgleitet – etwa in der Angst, in der Müdigkeit, im Verlust In solchen Momenten zieht sich das Vertraute zurück, und alles erscheint in seiner bloßen „Daheit“.

Das Nichts, sagt Heidegger, öffnet das Feld des Seins. Es ist die stille Bedingung dafür, dass das Sein überhaupt zur Sprache kommen kann. Man könnte sagen: Das Nichts ist die Transparenz, durch die das Seiende sichtbar wird – die Leere, in der das Sein aufscheint.

Das Nichts „nichtet“ – das heißt, es entzieht, es macht frei, es lässt sein.

Sartre: Das Nichts im Bewusstsein

Jean-Paul Sartre treibt diesen Gedanken nach innen. In Das Sein und das Nichts beschreibt er das Bewusstsein als eine Art Loch im Sein. Das Bewusstsein ist kein Ding, kein fester Punkt; es ist Negation. Es ist, indem es nicht ist, was es ist – und nicht ist, was es sein will.

Das Bewusstsein, so Sartre, trägt das Nichts in sich – es ist das, was die Welt verneinen, unterscheiden, befragen kann. Darum ist der Mensch frei: weil er in sich eine Lücke trägt, eine Leere, die nicht gefüllt werden kann. Doch diese Freiheit ist kein Trost. Sie ist eine Zumutung. Denn wer frei ist, kann sich nicht hinter dem Sein verstecken. Er muss entscheiden, und in jeder Entscheidung verfehlt er etwas anderes.

Das Nichts wird bei Sartre zur Bedingung der Existenz – und zur Quelle ihrer Tragik.

Kant und das Nichts als regulative Idee

Kants Aussage, dass wir etwas als Begriff der Negation denken können, aber nicht erfahren, verweist auf seine Unterscheidung zwischen dem, was wir empirisch erfassen können, und dem, was reine Gedankenformen des Verstandes sind.

Ein Begriff der Negation beschreibt, was etwas nicht ist, etwa „Unendlichkeit“ oder „Freiheit“ im metaphysischen Sinn. Solche Begriffe können wir zwar im Denken konstruieren und logisch bearbeiten, doch sie entziehen sich jeder sinnlichen Anschauung.

Sie sind daher Grenzbegriffe, die an der Grenze dessen stehen, was Erfahrung liefern kann, und zeigen uns, dass unser Verstand Konzepte bilden kann, die über die Welt der Sinne hinausgehen. Das Nichts ist demnach ein Grenzbegriff, der das Denken strukturiert und reguliert.

Das Nichts als Begriff und Erfahrung

Zusammenfassend ist das Nichts also nicht ein tatsächliches Vorhandensein. Das Nichts lässt sich nicht als kosmische Kategorie denken, sondern als leises Durchsickern in den Fugen des Alltags. In Momenten, in denen die Welt einen Augenblick lang durchsichtig wird – und man ahnt, dass alles, was ist, auch anders sein könnte. Oder gar nicht.

Das Nichts zeigt sich in der Abwesenheit, im Verlust, in einer unheimlichen Stille Aber es ist kein bloßer Mangel. Es ist eine Form des Wissens, die nicht wirklich ist – ein Erkennen ohne Objekt.

Nichts ist nichts – Warum es stattdessen was anderes gibt

Und doch, am Ende all dieser Gedanken – nach Hegel, Heidegger, Sartre – bleibt die Frage stehen: Gibt es das Nichts überhaupt? Nein. Denn schon der Gedanke daran ist ein Etwas. Schon die Abwesenheit hat eine Form, eine Textur, eine Spur. Das Nichts existiert nicht. Aber wir können es denken.

Das Nichts ist eine Projektion des Denkens, das seine eigene Grenze spürt und diese Grenze „Nichts“ nennt.

So wie Heidegger es treffend beschreibt, ist das Nichts vielmehr ein Gefühl und ein Bewusstseinszustand in uns, das uns als Kontrast zum Seienden begegnet. Der Tod ist der Faktor, der das Gefühl des Nichts immer wieder in uns hervorholt.

Das Nichts gibt es nicht. Aber es gibt etwas, das ihm ähnelt: die unbegrenzte Potentialität. So wie bei Hegel das Sein und das Nichts ein und dasselbe sind, so scheint mir, dass beide – im Moment ihrer Einheit – jene unbegrenzte Potentialität bilden, aus der alles Leben hervorgeht. Die Unterscheidung zwischen Sein und Nichts ist dabei keine substantielle Trennung zweier Entitäten, sondern eine in sich geteilte Spannung innerhalb eines einzigen Seinszustands – ein großes Sein, das sich selbst in Gegensatz setzt, um zu werden.

Die unbegrenzte Potentialität ist dem Nichts ähnlich: formlos, dunkel, unbestimmt. Aber sie ist nicht leer. Sie ist die Ursuppe des Wirklichen, der noch unentschiedene Zustand, in dem alles möglich ist – die Substanz des Werdens, bevor etwas wird.

Das Nichts ist die Maske dieser Potentialität – ihr Schatten in unserem menschlichen Bewusstsein. Während das Nichts stillsteht, bewegt sich die Potentialität unaufhörlich. Sie ist das noch Ungeschehene, das in Aktion tritt und künftig werden will. In der unbegrenzten Potentialität ist nicht das „Nichts“ enthalten, sondern „Alles“.

Das Nichts gibt es nicht. Aber es gibt das, was es ewig imitiert: die unbegrenzte Potentialität.

Link kopieren