Im Rahmen einer Veranstaltung der Katholischen Akademie Berlin fand ein ausführliches Gespräch über die Aktualität der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels statt. Im Zentrum stand das neu erschienene Buch "Hegels Gott. Eine Provokation" von Prof. Dr. Rolf Schieder. Das Gespräch wurde zwischen Prof. Dr. Thomas M. Schmidt und dem Autor geführt. Im Folgenden wird die Diskussion in ihren zentralen Themen und Argumentationslinien zusammengefasst.
Zu Beginn des Gesprächs wurde die zentrale These entfaltet, dass Hegels Denken besonders geeignet sei, die widersprüchliche Struktur moderner Gesellschaften zu verstehen. Hegel werde häufig als totalitärer Systemdenker missverstanden; tatsächlich aber sei sein Denken wesentlich durch die Anerkennung von Widersprüchen geprägt. Leben, so eine zentrale hegelianische Einsicht, bedeute, Widersprüche auszuhalten und produktiv zu bearbeiten.
Hegel unterscheidet dabei strikt zwischen „Beobachten“ und „Begreifen“. Beobachten meint eine distanzierte Betrachtung der Wirklichkeit von außen, während Begreifen ein existenzielles Sich-Einlassen auf den Gegenstand voraussetzt. Wer begreift, wird vom Gegenstand selbst ergriffen; Erkenntnis ist daher ein dynamischer Prozess wechselseitiger Veränderung. Indem der Mensch die Welt in Gedanken fasst, transformiert er sie — und zugleich sich selbst.
Diese Dynamik führt notwendigerweise in Widersprüche. Für Hegel ist Widersprüchlichkeit keine Schwäche der Wirklichkeit, sondern deren Grundstruktur. Menschliche Existenz ist durch Entzweiung gekennzeichnet: zwischen Natur und Geist, Individuum und Allgemeinheit, Sein und Sollen. Philosophie besteht darin, diese Spannungen nicht zu negieren, sondern in einem Prozess der Vermittlung zu bearbeiten. Versöhnung bedeutet dabei nicht Auflösung aller Konflikte, sondern deren reflektierte Integration in einen fortlaufenden Prozess des Denkens.
Kritik am Skeptizismus und Verteidigung der Wahrheit
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs lag auf Hegels Kritik des Skeptizismus. Hegel richtet sich sowohl gegen naturalistische Determinismen, die menschliche Freiheit negieren, als auch gegen radikale Skepsis, die die Möglichkeit von Wahrheit bestreitet. Gegen beide Positionen verteidigt er die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Wirklichkeit zu erkennen und zu verändern.
Die Aufgabe der Philosophie besteht für Hegel darin, Wahrheit nicht als statischen Besitz, sondern als prozessuale Größe zu verstehen. Wahrheit ist kein fertiges Objekt, das „im Tresor“ aufbewahrt werden kann; sie entsteht im Verlauf dialektischer Auseinandersetzung. Dieser Prozess umfasst Negation und „Negation der Negation“: Jede Erkenntnis muss sich der Kritik aussetzen und über sich hinausgehen. Entscheidend ist jedoch, dass Kritik nicht in bloßer Negativität verharrt, sondern zu neuen Bestimmungen führt.
Die Verteidigung der Wahrheit wurde im Gespräch ausdrücklich mit gegenwärtigen politischen Herausforderungen verknüpft. Der Verlust eines gemeinsamen Wahrheitsbegriffs begünstige Relativismus und öffne extremistischen Tendenzen Raum. Hegels Denken könne hier als Gegenentwurf dienen: Es betone die Notwendigkeit gemeinsamer rationaler Verständigung und die Verantwortung des Subjekts, sich aktiv am Prozess der Wahrheitsfindung zu beteiligen.
Religion, Vernunft und die Krise der Moderne
Ein zentraler Teil des Gesprächs widmete sich Hegels Religionsphilosophie und ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Hegel diagnostiziert bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine „Gottesentsagung“ der Moderne. Diese zeigt sich sowohl in der Aufklärung, die Religion aus dem Bereich rationaler Erkenntnis verdrängt, als auch in theologischen Strömungen, die Religion auf subjektives Gefühl reduzieren.
Gegen beide Tendenzen verteidigt Hegel den Gedanken, dass Vernunft selbst ein „Gottesorgan“ des Menschen sei. Vernunft unterscheidet sich dabei vom bloßen Verstand: Während der Verstand sich mit endlichen Dingen und technischen Problemen befasst, richtet sich die Vernunft auf das Unendliche. Sie erkennt das Endliche als vom Unendlichen umfangen und versteht die Welt als Ausdruck eines umfassenden geistigen Zusammenhangs.
Diese Perspektive verleiht religiösem Denken eine neue Funktion. Religion ist nicht bloß Gefühl oder moralische Orientierung, sondern eine symbolische Darstellung grundlegender Wahrheiten über die Einheit von Endlichem und Unendlichem. Philosophisches Denken kann diese Wahrheiten begrifflich explizieren, ohne die religiösen Formen zu entwerten. Vielmehr betont Hegel die wechselseitige Abhängigkeit von Philosophie und Religion: Philosophie ohne religiöse Vorstellungswelt verliere den Bezug zum Leben; Religion ohne begriffliche Reflexion drohe provinziell zu werden.
Geist, Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung
Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Begriff des „Geistes“, der bei Hegel sowohl anthropologische als auch theologische Bedeutung besitzt. Geist bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich selbst und die Welt zu reflektieren und dadurch Veränderung zu bewirken. Gleichzeitig verweist er auf eine umfassendere geistige Dimension der Wirklichkeit, die in religiöser Sprache als göttlicher Geist beschrieben wird.
Der Geistbegriff verbindet Individualität und Allgemeinheit. Jeder Mensch ist einzigartig, zugleich aber Teil eines gemeinsamen geistigen Zusammenhangs. Diese doppelte Struktur begründet Verantwortung: Gesellschaftliche Veränderungen entstehen nicht durch abstrakte „Zeitenwenden“, sondern durch Veränderungen im „Zeitgeist“, der sich im Handeln einzelner Subjekte manifestiert. Der Begriff des Geistes macht deutlich, dass gesellschaftliche Entwicklungen ohne die aktive Beteiligung von Individuen nicht möglich sind.
Die Bibel als anthropologisches Narrativ des Menschen – Hegels Geist
Besonders eindrücklich zeigt sich Hegels Religionsdenken am Beispiel des Sündenfalls und des „Paradieses“, wie der Autor weiter im Gespräch erläutert. Die Frage lautet nun: Was hat es eigentlich mit dem theologisch verstandenen „Sündenfall“ auf sich und wie wird dieser in Hegels Interpretation umgedeutet? Der Autor erklärt dazu wie folgt:
„Hegel sagt: Das Paradies war ein Garten der Tiere und als der Mensch wusste, dass er kein Tier mehr ist, musste er das Paradies verlassen.“
Die Vertreibung aus dem Paradies beschreibe also nicht eine moralisch verfehlte Natur des Menschen, sondern sie markiere den Beginn menschlicher Freiheit. Der Mensch erkenne Gut und Böse — und damit sich selbst:
„Das Spannende an dieser Erzählung ist eben, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis isst und er erkennt, was gut und böse ist. Und was erkennt er als gut und böse? Sich selbst.“
Damit werde deutlich:
„Ich selbst bin sowohl gut als auch böse und ich habe eine Wahl.“
Der sogenannte „Sündenfall“ sei daher kein moralischer Absturz, sondern ein Fortschritt im Selbstbewusstsein:
„Deswegen kommen wir auch nicht zurück ins Paradies, sondern ins Reich Gottes.“
Das Paradies sei „ein Garten der Tiere“ gewesen; das Reich Gottes hingegen liege in der Zukunft und setze menschliche Freiheit voraus. Diese Deutung verbindet der Interviewte mit Hegels Verständnis von Subjektivität. Das Böse entstehe, wenn das Subjekt sich in sich selbst verschließe:
„Für Hegel ist das Böse immer das, wenn das Subjekt sich in sich verhaust.“
Demgegenüber stehe die Einsicht in die doppelte Struktur des Ich:
„Ich ist sowohl etwas höchst individuelles als auch etwas höchst allgemeines.“
Diese Einheit von Individualität und Allgemeinheit sei der Kern des Geistbegriffs. Der Geist verbinde das Einzelne mit dem Allgemeinen und begründe Verantwortung.
Die Bedeutung der Mystik in Hegels Philosophie
Im letzten Teil des Gesprächs verschiebt sich der Fokus noch einmal deutlich: von Hegel als Religionsphilosoph und Gesellschaftsdiagnostiker hin zu Hegel als mystisch inspirierter Denker. Dieser für mich bemerkenswert aufschlussreiche Abschnitt bildet zugleich eine Art gedanklichen Abschluss der Diskussion.
Der Moderator leitet diesen Teil in die Diskussion ein, indem er auf eine neue Frage zuspitzt: Wenn Hegel mit seinem Gottesbegriff sowohl die Theologie als auch die Philosophie provoziert, inwiefern ist seine Philosophie dann selbst von religiösen oder sogar mystischen Motiven geprägt? Und warum stößt gerade dieser Aspekt auf Skepsis bei vielen zeitgenössischen Philosophinnen und Philosophen? Der Interviewte formuliert daraufhin eine zugespitzte Deutung Hegels:
„Ich denke, wenn man Hegel verstehen will, sollte man ihn als einen philosophierenden Mystiker verstehen.“
Damit wird ein Perspektivwechsel vorgeschlagen. Hegels Vernunftbegriff sei kein rein technischer oder analytischer Begriff, sondern trage ausdrücklich mystische Züge. Der Interviewte betont:
„Sein Vernunftbegriff ist ein mystischer, er nennt es sogar auch ausdrücklich so.“
Mystik bedeute hier jedoch nicht irrationales Schwärmen, sondern eine Denkbewegung, die auf die Einheit von Differenzen zielt. Die Mystik versuche stets, Gegensätze nicht nur festzustellen, sondern in ihrer inneren Zusammengehörigkeit zu denken. Genau darin erkennt der Interviewte eine zentrale Struktur von Hegels Philosophie wieder.
Hegel erscheine somit als Denker, der philosophische Begrifflichkeit und mystische Intuition miteinander verbindet. Die Einheit von Endlichem und Unendlichem, Subjekt und Absolutem, Individuum und Allgemeinem sei nicht bloß ein logisches Problem, sondern zugleich eine spirituelle Erfahrung.
Der Moderator greift diese Deutung auf und stellt eine kritische Rückfrage: Wenn Hegels Philosophie tatsächlich solche mystischen und theologischen Elemente enthält, warum sollte sie dann für eine moderne, säkulare Philosophie noch relevant sein? Viele zeitgenössische Philosophinnen und Philosophen würden gerade solche Elemente als „Kryptotheologie“ betrachten und daher ablehnen.
Der Interviewte räumt ein, dass diese Skepsis verbreitet ist, sieht darin jedoch selbst ein Symptom der Gegenwart. Er verweist auf eine verbreitete Scheu, überhaupt noch über Gott zu sprechen. Diese Sprachlosigkeit habe kulturelle Konsequenzen. Über Jahrhunderte hinweg sei der Gottesbegriff in der westlichen Tradition Ausdruck des Allgemeinen gewesen — ein Bezugspunkt, der individuelle Perspektiven überstieg. Wenn dieser Bezugspunkt wegfalle, bleibe eine Vielzahl isolierter Einzelperspektiven zurück:
„Wenn jeder seinen eigenen Gott hat, dann ist am Ende auch jeder sein eigener Gott.“
In dieser Situation erscheine Hegels Denken als Herausforderung. Es erinnere daran, dass menschliche Gemeinschaft mehr brauche als bloße Individualität und pragmatische Kooperation. Ohne eine Vorstellung vom Allgemeinen verliere eine Gesellschaft ihre orientierende Mitte.
Robert Brandom und der „Geist“ im 21. Jahrhundert
In diesem Zusammenhang kommt auch der zeitgenössische Philosoph Robert Brandom zur Sprache. Der Interviewte bemerkt, dass Brandom zwar Religion weitgehend ausblende, zugleich aber von einem notwendigen „Jahrhundert des Geistes“ spreche. Dies deute darauf hin, dass selbst säkulare Philosophen nach Begriffen suchen, die Gemeinschaft und Sinn jenseits bloßen Moralismus ermöglichen. Der Interviewte formuliert eine Vermutung:
„Ich hatte so ein bisschen den Eindruck bei Brandom, dass er hofft, dass die Scientific Community vielleicht so etwas wird, was die Kirchen früher waren.“
Damit ist die Frage aufgeworfen, ob philosophische Gemeinschaften heute Funktionen übernehmen müssen, die früher religiöse Institutionen erfüllten: Sinnstiftung, Orientierung und die Ausbildung gemeinsamer Maßstäbe.
Gottesfrage als kultureller Schlüssel
Der Moderator greift diesen Gedanken auf und formuliert eine zugespitzte Diagnose: Vielleicht ließen sich viele gegenwärtige Krisen — politische Polarisierung, mangelnde Solidarität, Orientierungslosigkeit — nicht verstehen, ohne die „Gottesverlassenheit“ der Moderne zu thematisieren. Der Interviewte stimmt dieser Diagnose im Kern zu:
„Der Kern unserer politischen und gesellschaftlichen Krisen ist eine Gotteskrise.“
Dabei gehe es nicht zwingend um dogmatischen Glauben, sondern um den Verlust eines gemeinsamen transzendierenden Bezugshorizonts. Ohne eine solche Dimension bleibe gesellschaftliche Organisation bloße „Sozialtechnik“. Der Moderator bringt eine skeptische Perspektive ein: Selbst wenn man diese Diagnose teile, folge daraus nicht notwendig, dass Gott existiere oder zurückgewonnen werden könne. Der Interviewte antwortet mit einer typisch hegelianischen Wendung:
„Aber die Frage ist, wie finden wir ihn wieder?“
Hegel würde hier, so seine Interpretation, auf die innere Dimension des Geistes verweisen:
„Jeder von uns ist ein Gottesbeweis, sofern wir von unserem Geist Gebrauch machen.“
Die Suche nach Gott beginne nicht in äußeren Institutionen, sondern im Selbstverhältnis des denkenden Subjekts. (Und hier wird wieder der Bogen zur Mystik geschlagen.)
Diskussion und kritische Perspektiven
In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden verschiedene kritische Perspektiven eingebracht. Einige Beiträge betonten die Bedeutung von Pluralität und Konfliktkultur für ein zeitgemäßes Verständnis von Wahrheit. Andere warnten vor der Gefahr eines totalisierenden Wahrheitsbegriffs und plädierten für eine stärker kantisch geprägte Bescheidenheit in Erkenntnisfragen.
Auch die Grenzen von Hegels Denken wurden thematisiert, etwa sein Eurozentrismus und problematische Einschätzungen anderer Religionen. Der Referent räumte ein, dass eine zeitgenössische Rezeption Hegels notwendigerweise kritisch und selektiv sein müsse. Ziel könne nicht sein, „Hegelianer“ zu werden, sondern Hegels Texte als Ressource für gegenwärtige Selbstverständigungsprozesse neu zu lesen.
Youtube vom 28.04.2025: „Hegels Gott. Eine Provokation“
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