Schon ein flüchtiger Vergleich mit anderen Lebewesen zeigt, wie erstaunlich ungerüstet der Mensch in der Welt steht. Dem Tier stehen Werkzeuge zur Verfügung, die evolutionär feinjustiert sind: Krallen, Panzer, Hörner, schnelle Reflexe, kräftige Kiefer und Reißzähne, dichtes Fell, instinktgeleitete Reaktionsprogramme und ein sicherer Platz in der Natur.

Der Mensch hingegen wirkt wie ein Stück Ton, das in die Welt gesetzt wurde, um sich selbst zu formen. Er besitzt keine schützende Behaarung, keine natürlichen Körperteile wie Krallen oder Reißzähne, die als Waffe dienen könnten; sein Neugeborenes ist hilfloser als fast jedes andere Tier. Orientierung, Nahrungssuche, Schutz vor Gefahren – alles muss er mühsam lernen, meist über Jahre hinweg und fast immer in sozialen Zusammenhängen.
Der biologische Mangel ist hier nicht nur ein Defizit: Er markiert den Ausgangspunkt, an dem der Mensch gezwungen wird, sich selbst zu entwerfen, seine Umgebung zu strukturieren und Kultur zu schaffen. Arnold Gehlen zeigt, dass diese fragilen Anfänge die Voraussetzung für alles Menschliche sind.
Gehlen und die Frage der menschlichen Sonderstellung
Gehlen Arnold zerschlägt die Vorstellung, der Mensch sei die Krone der Natur. Er ist nicht überlegen durch seine Stärke oder seine Instinkte – vielmehr zeichnet ihn seine biologische Unfertigkeit aus. Diese Unfertigkeit bedeutet für Gehlen keinen Makel im moralischen Sinne, sondern eine existenzielle Bedingung: Der Mensch muss handeln, gestalten, ordnen, um zu bestehen.
Wo Tiere auf instinktive Programme zurückgreifen können, steht der Mensch permanent vor offenen Situationen. Jeder Reiz, jedes Ereignis verlangt Reflexion, Interpretation und Entscheidung. Es gibt keine automatische Handlungsvorgabe; nichts schützt ihn von Natur aus. Gerade diese radikale Offenheit erzeugt Druck, zwingt aber auch zu Kreativität. Gehlen interpretiert diese Sonderstellung nicht als Schwäche, sondern als Ursprung der menschlichen Kultur: Nur ein ungeschütztes, unspezialisiertes Wesen kann institutionelle, symbolische und technische Ordnungen hervorrufen, die seine biologische Mängelhaftigkeit ausgleichen.
Gehlens Menschenbild: Instinktarmut als Weltoffenheit
Im Menschenbild von Gehlen nimmt die Instinktarmut einen zentralen Platz ein. Der Mensch ist kaum vorprogrammiert, er ist offen, ungebunden und ständig gefordert, sich selbst zu orientieren. Während Tiere innerhalb eines engen Spektrums von Reiz und Reaktion leben, ist der Mensch ein Wesen der unbegrenzten Möglichkeiten. Er reagiert nicht automatisch – er interpretiert. Er plant, er gestaltet, er erfindet Bedeutungen.
Diese Instinktarmut erzeugt eine paradoxe Freiheit: Der Mensch ist auf der einen Seite verletzlich, auf der anderen Seite schöpferisch. Er muss nicht nur Nahrung und Schutz finden, sondern auch Sinn, Ordnung und Struktur in eine chaotische Welt bringen. Sprache, Symbolik, Kunst, Moral – all dies sind Reaktionen auf die Tatsache, dass der Mensch nicht auf Instinkte zurückgreifen kann, sondern seine Umwelt selbst formen muss. Gerade durch das Fehlen festgelegter Verhaltensprogramme entsteht die Weltoffenheit, die ihn kulturell einzigartig macht.
Arnold Gehlen – Der Mensch ein Mängelwesen
Wenn Arnold Gehlen die Menschen Mängelwesen nennt, meint er nicht eine simple biologische Schwäche. Er beschreibt die fundamentale Unfertigkeit der menschlichen Existenz. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, instinktiv in der Welt zu bestehen; er ist ein Wesen, das sich selbst und seine Umwelt formen muss.
Die drei zentralen Mängel, die Gehlen herausstellt, greifen ineinander:
- Biologische Unspezialisiertheit: Keine natürlichen Waffen, keine Schutzmechanismen, keine festgelegten Anpassungen an bestimmte Lebensräume.
- Instinktiver Mangel: Verhalten ist nicht automatisiert; jede Situation erfordert Reflexion und Entscheidung.
- Handlungsdruck: Der Mensch muss permanent tätig werden, seine Umwelt gestalten und Strukturen erschaffen, die ihn entlasten.
Aus diesen Mängeln entsteht nicht nur Herausforderung, sondern auch Potenzial: Die Notwendigkeit, Defizite auszugleichen, treibt die Entwicklung von Technik, Symbolik und Kultur an. Mangel wird zum Motor menschlicher Evolution.
Arnold Gehlens Anthropologie: Kultur als Kompensation
Arnold Gehlens Anthropologie betrachtet Kultur als Antwort auf die biologische Unzulänglichkeit des Menschen. Institutionen, Normen, Sprache, Familie und Technik sind keine Luxusgüter, sondern Überlebensstrategien. Sie stabilisieren Verhalten, reduzieren die Komplexität des Alltags und ermöglichen Orientierung in einer Welt, die ohne sie chaotisch und überfordernd wäre.
Gehlen zeigt: Institutionen sind künstliche Instinkte. Sie übernehmen die Funktion von biologischen Sicherheiten, die der Mensch nicht besitzt, und schaffen Handlungsspielräume, die seine Freiheit erweitern. Ohne diese künstlichen Entlastungen wäre menschliches Leben kaum denkbar – genau diese Abhängigkeit von Kultur macht ihn zugleich zu einem Schöpfer und zu einem sozialen Wesen.
Vom Mängelwesen zum Möglichkeitswesen
Das Bild, das Gehlen zeichnet, mag zunächst ernüchternd wirken: Der Mensch ist verletzlich, instinktarm, auf Kultur angewiesen. Doch gerade diese Mängel sind es, die ihn außergewöhnlich machen. Sie erzeugen den Raum, in dem Freiheit, Kreativität und Gestaltungskraft entstehen.
Der Mensch ist nicht vollständig, aber er kann sich selbst vervollständigen. Nicht geschützt, aber fähig, Schutzsysteme zu entwickeln. Nicht instinktsicher, aber fähig, Regeln, Normen und Bedeutung zu erschaffen.
Gehlen zeigt: Das Mängelwesen ist zugleich ein Möglichkeitswesen. Aus biologischer Fragilität erwächst kulturelle Stärke. Aus Unsicherheit entsteht Freiheit. Und gerade weil der Mensch auf nichts fest vorgefertigtes zurückgreifen kann, wird er zum Architekten seiner eigenen Existenz.
Gehlens Anthropologie – Kultur als zweite Natur des Menschen
Doch während Gehlen den Menschen als instinktarmes Mängelwesen beschreibt, drängt sich die Frage auf: Hat der Mensch wirklich keine Instinkte – oder unterdrückt er sie nur zugunsten des sozialen Lebens? Vielleicht ist es nicht so sehr ein völliges Fehlen biologischer Programme, sondern eine bewusste oder unbewusste Modulation. Aggression, Sexualität, Territorialität – all dies sind biologische Triebe, die der Mensch nur scheinbar „überwindet“, indem er sie in sozial akzeptierte Bahnen lenkt, kanalisiert oder sublimiert. Die biologische Ausstattung des Menschen ist also keineswegs nutzlos; sie ermöglicht Reflexion, Planung, Empathie und Kooperation – Fähigkeiten, die für komplexe Gesellschaften notwendig sind. Der Mensch ist auch ein Tier.
Kultur ist in diesem Licht nicht nur Kompensation, sondern eine zweite Natur, die auf den Rohstoff unserer biologischen Möglichkeiten aufbaut. Institutionen, Normen und symbolische Systeme sind kein bloßer Ersatz für fehlende Instinkte, sondern die Evolution unserer Instinktlenkung: die Fähigkeit, Triebe zu verfeinern, zu transformieren und in kreative und soziale Leistung umzuwandeln. Gehlens Mängelwesen mag ungeschützt erscheinen, doch gerade die Lücke zwischen biologischem Potenzial und kultureller Gestaltung eröffnet uns die Freiheit, über uns selbst hinauszuwachsen. Vielleicht ist der Mensch weniger unvollständig als von Natur „anders angelegt“ – ein Wesen, das Instinkt, Vernunft und Kultur zu einem einzigartigen Möglichkeitswesen verschmelzen lässt.
Der Mensch als biologisches Mängelwesen – Ist das wahr?
Die Vorstellung, dass der Mensch biologisch unvollständig oder mangelhaft sei, erweist sich bei näherer Betrachtung als problematisch. Jedes Lebewesen kommt mit dem vollständigen Potenzial seiner Art auf die Welt – nichts fehlt ihm im biologischen Sinne. Anders zu sein heißt nicht, unvollständig zu sein; unsere Andersartigkeit markiert kein Defizit, sondern eine andere Form der Vollständigkeit. So wie wir dem Tier nicht unterstellen, es sei geistlos, nur weil es den menschlichen Maßstab nicht erfüllt, können wir dem Menschen nicht unterstellen, ihm fehle etwas Biologisches. Eine Definition, die auf „Mangel“ basiert, erfasst das Wesen eines Lebewesens nur unzureichend: Sie projiziert eine Leerstelle in etwas, das naturgemäß ganz ist. Biologisches Leben funktioniert nur, weil jedes Wesen von Anfang an mit allem ausgestattet ist, was es benötigt – Mängel sind eine theoretische Konstruktion, keine empirische Realität.
Allerdings ist das psychologische Selbstempfinden, mangelhaft zu sein, gerade im Vergleich zur kraftvollen Tierwelt, durchaus sehr real. Menschen erleben ihre biologische Fragilität, Verletzlichkeit und Instinktarmut bewusst und reflektiert – ein Gefühl, das tief in unsere Selbstwahrnehmung und unsere kulturelle Erfahrung eingeschrieben ist. Diese Spannung zwischen biologischer Vollständigkeit und subjektivem Empfinden von Mangel prägt unser Denken, Handeln und unsere unaufhörliche Suche nach Kultur, Ordnung und Sinn.


