Eine Übung zur Möglichkeit, sich selbst zu verlieren
Es gehört zu den stillen Paradoxien menschlicher Existenz, dass wir unser Leben häufig damit verbringen, zu lernen, jemand zu werden, ohne jemals sicher zu wissen, ob dieses Gewordensein tatsächlich eine Entfaltung unseres inneren Wesens darstellt oder lediglich das Ergebnis jener zahllosen Prägungen ist, die sich im Laufe der Jahre unmerklich über unsere ursprünglichen Anlagen gelegt haben, bis wir schließlich nicht mehr unterscheiden können, wo unser eigenes Empfinden endet und wo die Erwartungen anderer begonnen haben, sich in unsere Selbstwahrnehmung einzuschreiben.
Friedrich Nietzsche formulierte in diesem Zusammenhang die ebenso rätselhafte wie kraftvolle Vorstellung eines Menschen, der „Schlange genug“↓ sei, um seine erste Natur so weit zur Reife zu bringen, dass er seine zweite Natur, jene durch Erziehung, Moral, Anpassung und gesellschaftliche Ordnung erworbene Schicht des Selbst, wieder abwerfen könne, so wie eine Schlange ihre Haut aus Notwendigkeit verliert, weil ihr Wachstum eine Häutung und das Abwerfen des Alten verlangt.
Diese Metapher besitzt eine eigentümliche Offenbarung, weil sie das innere Wachstum nicht als Anhäufung von Eigenschaften beschreibt, sondern als einen Prozess des Abstreifens und Verlierens. Jede Haut, die wir zurücklassen, bot uns einst Schutz, Zugehörigkeit und Orientierung, und nicht selten verteidigen Menschen jene alten Hüllen mit größerer Leidenschaft als ihre gegenwärtigen Überzeugungen, da sie unbewusst fürchten, dass ohne diese vertrauten Formen eine schwer auszuhaltende Leere und Destabilisierung entstehen könnte, in der sie sich selbst nicht mehr eindeutig erkennen und wahrnehmen.
Unsere erste Natur und zweite Natur
Der Mensch wird nicht nur geboren, sondern in gewisser Weise mehrfach hergestellt; zunächst durch jene erste Natur, die sich als ein schwer beschreibbares Geflecht aus Temperament, Empfänglichkeit, intuitiven Vorlieben und unerklärlichen Abneigungen zeigt, und sodann durch eine zweite Natur, die sich durch Sprache, Erziehung, Eltern, Schule, Gesellschaft moralische Ordnung, soziale Anerkennung, Beschämung, Erwartungsdruck und kulturelle Narrative formt, bis sie so selbstverständlich erscheint, dass sie sich als authentische Identität ausgibt, obwohl sie oft eher ein erlerntes Arrangement darstellt, das Stabilität verspricht, aber zugleich die Möglichkeit verdeckt, dass das eigene Leben auch in ganz anderen Richtungen hätte wachsen können.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht schlicht, wer wir sind, sondern in welchem Ausmaß wir mit den verschiedenen Versionen unserer selbst noch in lebendiger Verbindung stehen, oder ob wir längst begonnen haben, uns selbst als historische Figuren zu betrachten, deren Lebensentscheidungen wir zwar geerbt, aber innerlich vielleicht nie vollständig geteilt haben. Genau an dieser Stelle gewinnt der Gedanke des Philosophen Derek Parfit eine bemerkenswerte Relevanz, weil er die provokante These vertritt, dass personale Identität weniger eine unveränderliche Substanz sei als vielmehr ein Kontinuum psychologischer Verbundenheit, das sich im Laufe der Zeit verdichten, abschwächen oder sogar zerreißen kann, ohne dass wir diese Veränderung unmittelbar bemerken, da Erinnerung oft Kontinuität vortäuscht, wo innerlich längst Differenz entstanden ist.
Vor diesem Hintergrund lässt sich eine Form der Selbstprüfung denken, die nicht darauf abzielt, Antworten zu liefern oder ein stabiles Selbstbild zu festigen, sondern vielmehr die Sensibilität für jene leisen Verschiebungen zu wecken, in denen sich möglicherweise bereits zeigt, welche Teile unseres Lebens aus innerer Notwendigkeit gewachsen sind und welche lediglich aus Anpassung oder Übernahme entstanden sein könnten.
1. Frage: Wie sehr fühlst du dich verbunden?
Die erste dieser Fragen richtet sich auf jene schwer zu fassende Dimension psychologischer Kontinuität, die sich weniger im Wissen über die eigene Vergangenheit als vielmehr im emotionalen Verhältnis zu ihr zeigt, und sie lautet: Wie sehr fühlst du dich verbunden mit deinem früheren Selbst, insbesondere mit jener Person, die du mit fünfzehn Jahren warst, mit jener Version deiner selbst, die du mit zwanzig Jahren verkörpert hast, und mit den weiteren Lebensphasen, die zwischen damals und deinem gegenwärtigen Zustand liegen?
Diese Frage verlangt keine historische Analyse, sondern eine existentielle Resonanzprüfung, denn es macht einen tiefgreifenden Unterschied, ob man beim Gedanken an sein jüngeres Selbst ein Gefühl der Nähe, des Mitgefühls oder sogar der Loyalität empfindet, oder ob sich stattdessen eine subtile Fremdheit einstellt, die den Eindruck vermittelt, man betrachte eine Figur, deren Entscheidungen zwar biografisch mit einem verbunden sind, deren innere Beweggründe jedoch kaum noch nachvollziehbar erscheinen.
Wer sich fragt, ob er sich verbunden fühlt mit sich selbst mit fünfzehn oder zwanzig Jahren, untersucht nicht nur seine Entwicklung, sondern berührt die fundamentale Frage, ob das eigene Leben eher als fortlaufende Erzählung oder eher als lose Aneinanderreihung unterschiedlicher Existenzen erlebt wird.
2. Frage: Wovon wirst du angezogen oder abgestoßen?
Die zweite Frage führt tiefer in jene Bereiche des Selbst, die sich der rationalen Selbstbeschreibung entziehen, da sie sich auf jene rätselhaften Anziehungs- und Abstoßungsbewegungen richtet, die häufig unabhängig von bewusster Argumentation auftreten und dennoch einen bemerkenswerten Einfluss auf unsere Lebensentscheidungen ausüben. Wovon fühlst du dich angezogen, ohne erklären zu können warum, und wovon fühlst du dich abgestoßen, ohne dass dir eine klare Begründung zur Verfügung steht?
Diese scheinbar irrationalen Präferenzen besitzen oft eine überraschende erkenntnistheoretische Bedeutung, weil sie möglicherweise auf Schichten unseres Selbst verweisen, die älter sind als unsere reflektierten Überzeugungen und die sich in spontanen Faszinationen, in unerklärlicher Sympathie für bestimmte Lebensformen oder in instinktiver Ablehnung bestimmter sozialer Rollen äußern können. Wer den Mut besitzt, diesen Bewegungen Aufmerksamkeit zu schenken, könnte entdecken, dass sich in ihnen Hinweise auf jene erste Natur verbergen, die nie vollständig durch Erziehung ersetzt wurde, sondern lediglich überdeckt, verschoben oder diszipliniert worden ist.
Auch in diesem Fall frage dein 7-jähriges Ich, dein 15-jähriges und dein 30-jähriges – egal, welche dieser Identitäten du ansprechen willst –, ob es Situationen, Dinge, Menschen oder Orte gab, von denen du auf merkwürdige Weise angezogen oder abgestoßen wurdest, ohne dies sprachlich genau erklären oder dir bildlich vor Augen führen zu können. Und frage dich auch, ob sich dieses Verhältnis verändert hat, ob es stabil geblieben ist oder ob du sogar ganz neue Anziehungen und Abstoßungen entdeckt hast.
3. Frage: Was hast du schon alles verloren?
Die dritte Frage schließlich richtet sich auf die Dynamik des Verlustes, die jedes menschliche Leben begleitet, ohne dass wir uns ihrer Tragweite immer bewusst sind, denn während wir gewöhnlich dazu neigen, unsere Biografie als eine Geschichte der Erweiterung zu betrachten, könnte sich bei genauerem Hinsehen zeigen, dass Entwicklung ebenso sehr aus dem Ablegen innerer Haltungen besteht, wie aus dem Erwerb neuer Fähigkeiten. Was hast du im Laufe deines Lebens abgeworfen, und was ist an seine Stelle getreten?
Diese Frage zielt nicht auf äußere Veränderungen, sondern auf jene subtileren Transformationen, die sich in veränderten Wertvorstellungen, in der Verschiebung von Hoffnungen, in neu entstandenen Abhängigkeiten oder in verloren gegangenen Empfindlichkeiten zeigen, und sie verlangt eine besonders schwierige Form der Ehrlichkeit, da sie die Möglichkeit einschließt, dass wir nicht nur Hemmungen, sondern vielleicht auch ursprüngliche Begabungen oder Sehnsüchte abgelegt haben könnten, weil sie mit den Anforderungen unserer sozialen Umwelt schwer vereinbar waren.
In den Spuren unserer verlorengegangenen Eigenschaften und Haltungen können wir uns fragen, ob wir diese geopfert haben, um etwas Bestimmtes zu erreichen, oder ob diese Opferung vielmehr aus Resignation und Anpassungsdrang heraus geschah. Es kann auch sein, dass diese Verluste vielleicht sogar von uns selbst gewünscht waren und wir uns im Nachhinein glücklich schätzen, diese nicht mehr tragen zu müssen, obwohl die weittragende Bedeutung und Schönheit dieser verlorengegangenen Anteile in hohem Maße wünschenswert und erfüllend gewesen wären. In dieser aufrichtigen Selbstbeschau lassen wir einfach alles über uns ergehen – selbst den leisen Schmerz, die Peinlichkeit sowie das Bedauern –, doch erkennen wir dabei tieferliegende (Ab-)Gründe, die uns in ihrer Dunkelheit sonst nie offenbar werden.
Die Auswertung der „unmöglichen“ Selbstprüfung
Wer sich diesen Fragen aussetzt, begibt sich in einen Zustand, der weder eindeutig befreiend noch eindeutig bedrohlich ist, da das Abstreifen der zweiten Natur notwendigerweise eine Phase der Unsicherheit erzeugt, in der vertraute Maßstäbe an Überzeugungskraft verlieren, während neue Orientierungen noch keine stabile Form angenommen haben. In diesem Zwischenraum liegt jedoch möglicherweise jene seltene Gelegenheit, in der ein Mensch nicht nur über sein Leben nachdenkt, sondern beginnt, es neu zu hören, so wie man ein Instrument neu stimmt, nicht um eine endgültige Harmonie zu erreichen, sondern um jene Resonanz wiederzufinden, die anzeigt, dass Klang und Material einander entsprechen.
Endgültig lässt sich am Ende nicht entscheiden, ob jemand tatsächlich „Schlange genug“ geworden ist, da Selbstwerdung kein Zustand ist, sondern ein fortlaufender Prozess, der sich jeder endgültigen Feststellung entzieht, doch es könnte sein, dass sich ein Hinweis dort zeigt, wo ein Mensch den Mut entwickelt, seine eigenen Gewissheiten nicht mehr als unverrückbare Wahrheiten zu behandeln, sondern als vorläufige Häute, die einst notwendig waren, aber nicht zwingend für immer getragen werden müssen.
Die eigentliche Herausforderung besteht dann nicht darin, eine vollkommen neue Identität zu konstruieren, sondern darin, die Sensibilität dafür zu bewahren, ob das eigene Leben aus innerer Verbundenheit heraus wächst oder ob man sich lediglich an eine Form gewöhnt hat, die zwar Stabilität bietet, aber keine Antwort auf die leise, oft unbequeme Frage gibt, ob man sich in diesem Leben tatsächlich noch bewohnt fühlt.
Diese Selbstprüfung ist gewissermaßen eine unmögliche Prüfung, weil sie darin besteht, eine letzte, kaum aussprechbare Prüfung anzuvisieren, die sich jeder klaren Formulierung entzieht und dennoch im Hintergrund vieler Lebensentscheidungen wirkt: Lebst du ein Leben, mit dem du dich verbunden fühlst, oder ein Leben, mit dem du dich lediglich identifizierst, weil es sich im Laufe der Zeit als das plausibelste Narrativ deiner Existenz etabliert hat?
Das Doppelleben deines eigenen Werdens
Identifikation lässt sich erlernen, lässt sich verteidigen und lässt sich auch gegen Zweifel stabilisieren, während Verbundenheit eine leise, nicht erzwingbare Form innerer Zustimmung bleibt, die sich weder durch Argumente noch durch Erwartungen herstellen lässt, sondern nur dort entsteht, wo ein Mensch den Mut findet, so lange zu wachsen, bis das, was er geworden ist, nicht mehr nur das Ergebnis seiner Anpassung darstellt, sondern ein Ausdruck jener schwer greifbaren, eventuell nie vollständig erklärbaren Bewegung, die man das eigene Werden nennen könnte.
Vielleicht gehörst du zu diesen Menschen, die sich schon immer gleich empfinden und nicht den Eindruck haben, viel geopfert, viel verloren oder transformiert zu haben. Das ist in der Selbstprüfung auch eine gleichwertige und mögliche Antwort. Die innere Transformation des Menschen, die sich bei der Schlange in äußerlicher Form vollzieht, geschieht auch ohne unser bewusstes Zutun – daher ist es auf einer vordergründigen, oberflächlichen Ebene nicht entscheidend, ob du dich noch mit deiner ersten Natur identifizierst oder nicht. Es gibt weder richtige noch falsche Antworten und auch keine falschen Wege, die dich grundsätzlich von deiner Transformation abhalten könnten.
Es wäre eine Verkürzung zu glauben, der Mensch müsse diese Entwicklungen eigenständig hervorbringen, denn vieles davon geschieht gleichsam von selbst, wie ein organischer Prozess, der sich unterhalb der bewussten Steuerung vollzieht. In diesem Sinne lassen sich auch jene Häutungsvorgänge verstehen, von denen Nietzsche metaphorisch spricht, als Transformationen, die sich zunächst unsichtbar im Inneren vorbereiten und erst dann sichtbar werden, wenn eine frühere Gestalt des Selbst nicht mehr tragfähig ist, sodass Veränderung weniger als willentliche Neuerfindung erscheint, sondern als das Sichtbarwerden einer Entwicklung, die längst unter der Oberfläche begonnen hat.
Betrachtet man diese Bewegungen im Denken von Derek Parfits Überlegungen zur personalen Identität, könnte sich zudem zeigen, dass solche Transformationen nicht lediglich Veränderungen innerhalb eines fixierten Selbst darstellen, sondern Übergänge zwischen unterschiedlich stark verbundenen psychologischen Zuständen. Was wir gewöhnlich als fortbestehende Person begreifen, ließe sich demnach lediglich über eine jeweils graduelle Verbundenheit mit früheren Versionen des Selbst verstehen. Mit manchen Versionen fühltest du dich wahrscheinlich sehr verbunden, während diese Verbundenheit zu anderen Versionen möglicherweise deutlich schwächer ausgeprägt ist. In der Verbindung der Perspektiven Nietzsches und Parfits wird dieses verschränkte Doppelleben des Werdens sichtbar. Es zeigt, dass sowohl eine Notwendigkeit innerer Transformation als auch die damit verbundene Fragilität personaler Kontinuität zum Wesen menschlicher Existenz gehören und die menschliche Werdung im Verborgenen transformieren.
*Zitat: „So wie man uns jetzt erzieht, bekommen wir zuerst eine zweite Natur: und wir haben sie, wenn die Welt uns reif, mündig, brauchbar nennt. Einige wenige sind Schlangen genug, um diese Haut eines Tages abzustoßen: dann, wenn unter ihrer Hülle ihre erste Natur reif geworden ist.“ (Friedrich Nietzsche)




