Philosophisches Prinzip des Nichtwissens
Nichtwissen ist kein bloßes Fehlen von Wissen. Es ist eine vieldeutige, schwer fassbare Figur in der Landschaft des Denkens – eine Leerstelle, die zugleich Möglichkeit, Grenze und Widerstand bedeutet.


Während Wissen sich artikuliert, misst und ordnet, verweist das Nichtwissen auf das, was sich der Artikulation entzieht. Es ist die dunkle Seite des Logos – das Schweigen, das dem Sprechen Bedeutung verleiht.
In der Geschichte der Philosophie wurde Nichtwissen mal als Mangel, mal als Tugend, mal als Gefahr verstanden. Doch das Wort selbst trägt verschiedene Schichten, Semantiken, die sich nicht auf eine einzige Bedeutung reduzieren lassen.
a) Nichtwissen als Unaufgeklärtheit
In seiner alltäglichen Form bezeichnet „Nichtwissen“ zunächst einen Zustand des Nicht-Informiert-Seins: Man weiß (noch) nicht, wie etwas funktioniert, welche Ursache ein Ereignis hat, welche Fakten zutreffen. Dieses Nichtwissen ist kontingent und prinzipiell aufhebbar – es kann durch Wissen ersetzt werden. Es ist das Nichtwissen des Forschers vor der Entdeckung, des Kindes vor dem Lernen, des Unaufgeklärten vor der Erkenntnis. Hier ist Nichtwissen Mangel, ein Defizit, das beseitigt werden soll.
b) Nichtwissen als Privatsphäre
Eine zweite Bedeutung betrifft die soziale Dimension: das Nichtwissen anderer über uns. In diesem Sinn wird Nichtwissen zu einer Schutzform, zur Bedingung der Intimität, des Eigenen, des Geheimnisses. Privatsphäre ist ein strukturiertes Nichtwissen: Andere wissen nicht, was ich denke, fühle oder tue – und sollen es auch nicht wissen. Hier ist Nichtwissen keine Schwäche, sondern eine Grenze, die Individualität und Freiheit ermöglicht. Das Unwissen der anderen schützt mein Inneres.
c) Nichtwissen als echtes Nichtwissen
Es gibt jedoch Formen des Nichtwissens, die nicht durch Wissen aufgehoben werden können – weil sie grundsätzlich sind. Es ist das Nichtwissen angesichts des Todes, des Ursprungs, des Absoluten. Dieses Nichtwissen verweist auf das Unverfügbare, das sich prinzipiell der Erkenntnis entzieht. In der Mystik, bei Sokrates („Ich weiß, dass ich nichts weiß“), oder bei Kant (die „Dinge an sich“) ist dieses Nichtwissen keine Unwissenheit, sondern Einsicht in die Grenze des Wissbaren. Das „echte Nichtwissen“ ist also nicht Mangel, sondern Bewusstsein der Grenze, eine Form von Wissen über das Nicht-Wissen-Können.
Die Modalitäten des Nichtwissens
Nichtwissen-Wollen
Dies bezeichnet eine bewusste Entscheidung, etwas nicht wissen zu wollen – aus Angst, Bequemlichkeit oder ethischer Erwägung. Der Mensch will sich der Verantwortung entziehen, die Wissen mit sich bringt („Wer weiß, ist auch verantwortlich“). Es ist das Nichtwissen des Ignoranten, aber auch das desjenigen, der aus Mitgefühl oder Achtung verzichtet, in fremde Sphären einzudringen (etwa in die Geheimnisse anderer).
Nichtwissen-Können
Hier zeigt sich die Grenze der Erkenntnisfähigkeit. Das Subjekt stößt an die Schranken seiner Vernunft, Sprache oder Wahrnehmung. Dieses Nichtwissen ist nicht willentlich, sondern strukturell: Wir können bestimmte Dinge nicht wissen – sei es, weil sie jenseits unserer Erfahrung liegen, sei es, weil das Wissen selbst widersprüchlich wird (wie in der Quantenphysik oder der Theologie).
Nichtwissen-Dürfen
Diese Form ist sozial oder politisch bedingt. Sie entsteht, wenn Wissen durch Macht verboten wird – etwa durch Zensur, Geheimhaltung oder Tabu. Hier wird Nichtwissen zur Disziplinierung, ein erzwungener Zustand, der das Verhältnis von Wissen und Macht enthüllt (Foucault). Das „Nichtwissen-Dürfen“ verweist somit auf die politische Dimension des Wissens: Wissen ist nie neutral, sondern immer sozial geregelt.
Nichtwissen als philosophisches Prinzip
Schließlich kann Nichtwissen auch als Grundprinzip des Denkens verstanden werden. Jede Erkenntnis setzt eine Leerstelle voraus, aus der sie sich erhebt. Philosophie beginnt mit dem Staunen, das wiederum aus Nichtwissen erwächst. In dieser Lesart ist Nichtwissen nicht das Ende, sondern der Ursprung des Fragens. Es ist die produktive Unruhe, die Denken in Bewegung setzt und die Grenzen des Erkennbaren markiert und aufzeigt, warum diese Grenze nicht durch formales Wissen überschritten werden kann. Hier mündet das Nichtwissen in die Erfahrung des Unmöglichen.
HIER GEHT ES ZU TEIL 2: Die Erfahrung des Unmöglichen



