Die transzendentale Macht der Dinge – Batailles pointierter Umkehrschluss

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„Wir vergessen, dass unsere Existenz zuinnerst selbst sakral ist und dass es die Dinge sind, die sie transzendieren.“ Diese These von Bataille ist Umkehrung der Bedeutungen und Kritik am klassischen Transzendenzbegriff.

In der traditionellen Philosophie gilt der Mensch als Maßstab der Welt: Durch Vernunft, Moral oder Technik könne er die Welt übersteigen, ordnen und begreifen. Doch Bataille zeigt, dass die klassische Vorstellung von Transzendenz das Sakrale verfehlt. Das, was traditionell als „heilig im Jenseits“ gedacht wird, ist für ihn profane Projektion – eine Abstraktion, die das Sakrale vom Leben trennt und entleert. Wirklich sakral ist nicht das ferne Transzendente, sondern das, was im Immanenten aufbricht.

Bataille kehrt die Vorstellung um: Transzendenz ist kein Hineingleiten und Überschreiten in Heiliges, sondern das Gegenteil, ein Akt der Profanisierung – und zugleich Ausdruck unserer Entfremdung vom immanenten Erleben. Die Dinge transzendieren uns, weil sie unser unmittelbares, immanentes Erleben übersteigen, indem wir uns selbst und unser Leben funktionalisieren und den Dingen Macht zuschreiben.

Die Transzendenz der Dinge ist dabei nicht nur ontologisch, sondern existenziell. Sie zeigt, wie sehr unser Selbstverständnis und unsere Wahrnehmung der Welt durch unsere eigene Identifikation mit den Dingen geprägt sind. Wir lassen zu, dass die Dinge unser Leben bestimmen, dass ihr Nutzen, ihre Funktionalität oder symbolische Macht über unsere eigenen Bedürfnisse, unsere Kreativität und unsere Lebendigkeit gestellt werden. In diesem Sinne wird die Welt funktionalisiert, während das unmittelbare, echte Leben in den Hintergrund tritt.

Transzendenz ist eine menschliche Fähigkeit: Sie ermöglicht es uns, Gegenstände als voneinander getrennte Dinge wahrzunehmen, ihnen Gestalt und Bedeutung zu verleihen und abstrakte Vorstellungen über sie zu entwickeln. Wir betrachten uns selbst als Figuren in Relation zu den Dingen oder wenden diese Vorstellungen auf andere Objekte an. Darum sind Dinge selten einfach nur Gegenstände, sondern ideologisch aufgeladen durch unsere Vorstellungen, Absichten, Ideen, und (im ungünstigsten Fall) aufgeladen durch Macht.

Diese Fähigkeit führt dazu, dass wir uns so sehr in die Dinge verlieben, dass wir sie in unserer Vorstellung zu Göttern, Autoritäten und Maßstäben unseres Lebens erheben.

Die Profanisierung des Menschen und die Erhebung der Dinge als Autorität über uns sind also nicht von den Dingen selbst ausgegangen, sondern Ausdruck unserer eigenen Projektionen und Kräfte. Menschliche Existenz transzendiert sich in die Dinge hinein. Der subjektive Selbstwert des Lebendigen haftet nun an der äußeren Gegenstandswelt.

Diese Dingwelt ist zwar durch uns konstruiert, aber den wahren, inneren Wert des Lebendigen können wir nicht transzendieren. Das ist der springende Punkt, den Bataille deutlich machen will.

Die Transzendierung der Dinge führt soweit, dass wir uns damit nicht nur entwerten, sondern uns selbst für Dinge halten, die man verwerten, gebrauchen und nutzen kann – je nach Macht, Bedürfnis und Interesse.

Bataille kritisiert damit nicht nur den klassischen Transzendenzbegriff, sondern auch die Art und Weise, wie der Mensch sein Leben auf die Funktionalität von Dingen reduziert. Indem wir die Dinge als über uns stehend wahrnehmen, verleihen wir ihnen Macht über uns selbst, während unsere eigene Existenz und unser unmittelbares Erleben marginalisiert werden. Wahres Leben besteht für Bataille darin, diese Projektionen zu erkennen und zu durchbrechen – ohne andere Lebewesen und Menschen vollständig zu instrumentalisieren und zu verdinglichen auf der einen Seite, und ohne den Dingen eine größere Macht über unser Leben zuzuschreiben auf der anderen Seite.

Denn wir klammern so sehr an den Wert von „Dingen“, dass wir mehr Angst und Sorge haben, sie zu verlieren und uns damit selbst zu entwerten, als dass wir sie souverän meistern und gestalten.

Die Souveränität liegt in unserer Immanenz. Das Sakrale, so wie Bataille es treffend beschreibt, liegt nicht in der Transzendenz des Jenseits, der Vernunft, der Dinge oder der digitalen Welt, sondern tief im Innersten des Menschlichen verborgen. Es ist die dunkle, unmittelbare Kraft des Lebens selbst. Erst wenn wir verstehen, dass unsere Existenzfähigkeit nicht länger von den Dingen abhängt, sondern von unserer Menschlichkeit und dem Dasein überhaupt, können wir diese Kraft bewusst erfahren und ein Leben führen, das nicht durch die Herrschaft der Dinge bestimmt wird, sondern durch die bewusste Erfahrung unserer eigenen Immanenz.

Und vielleicht gelingt es uns so, anderen Menschen zu begegnen, ohne sie sofort in unserem „Dingbewusstsein“ in eine Schublade zu stecken, sondern sie zuerst als echte, lebendige Wesen zu achten – als souveräne Individuen, wie wir selbst.

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