Eine vergessene Philosophin – Anne Conways monistische Substanztheorie

Anne Conway (1631–1679) lebte in einer Zeit, in der Philosophie nahezu ausschließlich von Männern betrieben wurde – öffentlich, akademisch, institutionell. Sie selbst hatte keinen keinen offiziellen philosophischen Status. Und doch gehört diese bemerkenswerte Frau zu den tiefgründigsten metaphysischen Denkerinnen des 17. Jahrhunderts.

Geboren als Anne Finch in England, wuchs sie in einem gebildeten, aristokratischen Umfeld auf und zeigte früh ein außergewöhnliches philosophisches Interesse. Entscheidend geprägt wurde sie durch ihre intensive Korrespondenz mit Henry More, einem der sogenannten Cambridge Platonists, deren Denken einen Mittelweg zwischen mechanistischem Materialismus und orthodoxem Christentum suchte – einen Weg, den Anne Conway später eigenständig und radikal weiterentwickelte.

Ihr Leben war von chronischer Krankheit und starken Schmerzen durchzogen. Diese körperlichen Leiden, die insbesondere von ständigen Migräneattacken geprägt waren, begleiteten sie ihr Leben lang. Kurz vor ihrem Tod konvertierte sie zum Quäkertum, einer religiösen Bewegung, die auf das innere Licht, die Gleichheit aller Menschen und die unmittelbare Erfahrung Gottes setzte. Mit dieser Konversion entsetzte sie ihre Familie und ihr Umfeld – doch sie ließ sich davon nicht beirren und folgte zeitlebens tapfer ihrem eigenen Weg, trotz all der Hindernisse, gegen die sie immer wieder ankämpfen musste.

Was Anne Conway geprägt hat

Anne Conways Denken entstand im Spannungsfeld mehrerer philosophischer und religiöser Strömungen. Besonders prägend war ihre entschiedene Auseinandersetzung mit dem Cartesianismus. René Descartes’ scharfe Trennung von Geist als denkender Substanz und Materie als ausgedehnter Substanz erschien ihr philosophisch unhaltbar. Die Frage, wie zwei vollkommen verschiedene Substanzen überhaupt miteinander interagieren könnten, wurde für Conway zu einem zentralen Problem, das sie zu einer grundlegenden Neukonzeption der Wirklichkeit führte.

Zugleich stand ihr Denken in der Tradition des Neuplatonismus, den sie vor allem durch Henry More kennenlernte. Aus ihm übernahm sie die Vorstellung einer lebendigen, hierarchisch gegliederten Wirklichkeit, in der alles Seiende miteinander verbunden ist und sich in unterschiedlichen Graden der Vollkommenheit entfaltet. Diese metaphysische Stufenordnung wurde durch kabbalistische Einflüsse vertieft, mit denen Conway insbesondere über Franciscus Mercurius van Helmont vertraut wurde. Aus der Kabbala gewann sie die Idee einer aus der göttlichen Quelle hervorgehenden, dynamisch gestuften Welt, in der Vermittlung, Emanation und innere Verwandtschaft aller Wesen eine zentrale Rolle spielen.

Hinzu kam ihre religiöse Erfahrung, die untrennbar mit persönlichem Leid verbunden war. Für Conway war die Frage nach Gott, Welt und Seele immer auch die Frage nach der Möglichkeit von Sinn, Gerechtigkeit und Entwicklung angesichts realen Schmerzes.

Ein einziges Werk von großer Sprengkraft

Anne Conways gesamtes philosophisches Denken ist in einem einzigen Werk überliefert, das den Titel „The Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy“ trägt. Dieses Werk wurde zunächst unter einem Pseudonym veröffentlicht. Erst nach ihrem Tod war es in lateinischer Sprache und später auf Englisch auch unter ihrem Namen zugänglich. Lange Zeit wurde es eher als religiös-mystischer Text gelesen, sodass seine systematische metaphysische Bedeutung unterschätzt wurde. Erst in der neueren Forschung erkannte man, dass Conway hier eine der konsequentesten Alternativen zur frühneuzeitlichen Metaphysik entwirft. Trotz seines vergleichsweise geringen Umfangs stellt das Werk einen tiefen Eingriff in die Grundannahmen des damaligen philosophischen Denkens dar.

Die zentralen philosophischen Annahmen Anne Conways

Im Zentrum von Anne Conways Philosophie steht die radikale Ablehnung des Substanzdualismus. Für sie besteht die Wirklichkeit nicht aus zwei grundsätzlich verschiedenen Substanzen, sondern aus einer einzigen, geistig-lebendigen Substanz, die sich in unterschiedlichen Graden manifestiert. Materie ist in diesem Sinne nicht tot, ebenso wenig ist Geist körperlos. Vielmehr ist alles Seiende lebendig, jedoch nicht alles in gleichem Maße vollkommen. Materielle Dinge sind für Conway stark verdichtete Formen geistiger Realität, keine eigenständige ontologische Kategorie.

1. Alles besteht aus einer Substanz

Die Welt ist keine zweifache Ordnung aus Geist und Materie, sondern eine kontinuierliche Skala. An ihrem höchsten Punkt steht Gott als vollkommen geistiges, unveränderliches Sein – eine Substanz, die in allem gegenwärtig ist, auch im Leib und in der Materie.

§ 3. Er ist auch in einem eigentlichen und wirklichen Sinne eine Substanz oder ein Wesen, das sich von seinen Geschöpfen unterscheidet, obwohl er nicht von ihnen geteilt oder getrennt ist; sondern in höchstem Maße und auf engste Weise in allen gegenwärtig ist; doch so, dass sie weder Teile von ihm sind noch in ihn verwandelt werden können, noch er in sie: Er ist auch in einem wahren und eigentlichen Sinne der Schöpfer aller Dinge, der ihnen nicht nur ihre Form und Gestalt gibt, sondern auch Sein, Leben, Leib und alles andere Gute, das sie haben. 

Gott als Substanz ist der Schöpfer aller anderen Wesen, die er durch seine Ideen erschafft – und die Ideen sind mit seiner eigenen Substanz wesensgleich. Die geschaffenen Wesen als Ideen sind nicht so vollkommen wie Gott selbst. Sie sind veränderlich, lernfähig und leidensfähig. Die Veränderlichkeit ist der Unterschied zur Unveränderlichkeit Gottes.

§.6. In Gott ist eine Idee , die sein Abbild ist, oder ein Wort, das in ihm existiert; die in Substanz oder Wesen eins und dasselbe ist mit ihm, durch die er nicht nur sich selbst, sondern alle anderen Dinge erkennt, und nach der, ja durch welche Idee oder welches Wort, alle Dinge gemacht und geschaffen wurden.

2. Alles ist auf potentielle Entwicklung ausgelegt

Ein zentraler Gedanke in Anne Conways Philosophie ist, dass Veränderung nicht primär physikalisch, sondern vor allem geistig zu begreifen ist. Alles Seiende trägt die Möglichkeit der Wandlung in sich und ist damit grundsätzlich auf Verbesserung hin offen. Das Universum erscheint bei ihr nicht als statisches Uhrwerk, sondern als lebendiger, dynamischer Prozess geistiger Entwicklung. Daraus folgt die Annahme, dass alles potentiell in allem enthalten ist, da die Wirklichkeit als eine kontinuierliche Skala gedacht wird, auf der Bewegung und Verwandlung in beide Richtungen – zu höherer wie zu niedrigerer Vollkommenheit – jederzeit möglich bleiben.

§ 5.  [Wir] sehen, dass die Natur in all ihren Vorgängen ihre Ordnung beibehält; daher wird ein Tier aus einem anderen gebildet und eine Art geht aus einer anderen hervor; sowohl wenn sie zu einer höheren Vollkommenheit aufsteigt als auch wenn sie zu einem niedrigeren Zustand und einer niedrigeren Bedingung absteigt: Wenn aber gesagt wird, dass alle Geister in einem Körper enthalten sind, nicht tatsächlich in ihren verschiedenen Wesenheiten, sondern nur potenziell…; dann muss man zugeben, dass der Körper und all diese Geister ein und dasselbe sind; das heißt, dass ein Körper in sie verwandelt werden kann; so wie wir sagen, dass Holz potenziell Feuer ist, das heißt, in Feuer verwandelt werden kann; Wasser ist potenziell Luft, das heißt, es kann in Luft umgewandelt werden. 

In den darauffolgende Paragraphen 7 bis 9 stellt Anne Conway ausführlich die ontologischen Grundlagen ihres Systems dar. Sie argumentiert, dass die Wirklichkeit nicht aus getrennten, heterogenen Substanzen besteht, sondern aus einer einzigen lebendigen Substanz, die sich in unterschiedlichen Graden der Vollkommenheit manifestiert.

Conway betont, dass zwischen den höchsten geistigen Wesen und den niedrigsten körperlichen Formen kein ontologischer Bruch besteht. Stattdessen existiert eine kontinuierliche Abstufung von immer dichterer, gröberer, weniger vollkommener Realität. Materie ist daher nicht tot oder rein mechanisch, sondern ein stark verdichteter Zustand derselben geistig-lebendigen Substanz. Aus diesem Grund besteht zwischen allen Wesen eine innere Verwandtschaft.

In diesen Paragraphen entwickelt Conway auch erstmals die Idee, dass diese abgestufte Ordnung beweglich ist. Wesen können sich innerhalb dieser Skala verändern, indem sie zu höheren oder niedrigeren Graden der Vollkommenheit gelangen. Diese Möglichkeit des Wandels ist grundlegend für ihre Ablehnung eines starren, fixierten Weltbildes und bereitet ihre spätere Lehre von moralischem Aufstieg und Abstieg vor.

3. Ewigkeit vs. Unendlichkeit – Die Schöpfung

Anne Conway unterscheidet grundlegend zwischen Ewigkeit und Unendlichkeit. Während die Ewigkeit die zentrale Eigenschaft Gottes ist, kommt den Geschöpfen und allem Geschaffenen keine Ewigkeit zu, wohl aber eine Form von Unendlichkeit. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Geschöpfe nicht aus der Ewigkeit selbst heraus erschaffen wurden, da Ewigkeit im eigentlichen Sinn nur Gott zukommt. Geschöpfe haben vielmehr einen Anfang und sind deshalb veränderlich. Diese Veränderlichkeit zeigt sich in der Zeit, die nichts anderes ist als die Abfolge der Bewegungen und Zustände geschaffener Wesen. Für die Geschöpfe ist die Zeit in diesem Sinne unendlich, insofern sie keiner festen Grenze unterliegt und die Möglichkeit der Wandlung stets offen bleibt – als fortdauernder Prozess von Entstehen, Vergehen und neuer Entwicklung.

§.3. Wurde die Schöpfung aus der Ewigkeit oder aus dem Unvergänglichen geschaffen? Wenn mit Ewigkeit und Unvergänglichkeit eine unendliche Anzahl von Zeiten gemeint ist, so wurde die Schöpfung in diesem Sinne aus dem Unvergänglichen geschaffen. Wenn aber eine solche Ewigkeit gemeint ist, wie sie Gott selbst besitzt, sodass die Geschöpfe Gott gleich oder gleich ewig sind und keinen Anfang der Zeit haben, so ist dies falsch: Denn sowohl die Geschöpfe als auch die Zeiten (die nichts anderes sind als aufeinanderfolgende Bewegungen und Vorgänge der geschaffenen Wesen) hatten einen Anfang. Ist Gott oder der ewige Wille Gottes die Antwort? Und warum sollte es irgendjemandem seltsam erscheinen, dass die Zeit in ihrer Gesamtheit oder Universalität als unendlich bezeichnet werden kann, wenn doch selbst der kleinste vorstellbare Zeitabschnitt eine Art Unendlichkeit in sich birgt? Denn wie es keine Zeit gibt, die so groß ist, dass nicht eine größere gedacht werden könnte, so gibt es auch keine Zeit, die so klein ist, dass nicht eine kleinere denkbar wäre; denn der sechzigste Teil einer Minute kann in sechzig weitere Teile unterteilt werden, und diese wiederum in weitere, und so weiter bis ins Unendliche.

4. Das Böse existiert metaphysisch nicht

Letztlich folgt auch aus ihrer Ablehnung des Substanzdualismus eine Ablehnung eines metaphysischen Kampfes zweier gleich starker Mächte. Gott ist für Conway das einzige absolute Prinzip. Alles andere ist der Ursubstanz untergeordnet und von ihr abhängig. Das Böse ist daher keine Gegenmacht zu Gott, sondern ein relativer Zustand innerhalb der geschaffenen Ordnung. Selbst dort, wo sie von bösen Geistern spricht, versteht sie diese nicht als absolut böse Wesen, sondern als unentwickelte, unvollkommene Geister, die sich in einem niedrigen Entwicklungsgrad befinden und prinzipiell der göttlichen Ordnung wieder angenähert werden können.

5. Gott lenkt nicht – er liebt

Gott schließlich ist in Anne Conways Denken kein äußerer Lenker, der die Welt mechanisch steuert und die Materie von außen anstößt. Er wirkt auch nicht durch zeitliche Eingriffe, sondern dadurch, dass alles Seiende ständig an ihm teilhat und er alles Lebendige durchdringt.

Anne Conway als Vordenkerin Leibniz’

Gottfried Wilhelm Leibniz bezeichnet Anne Conway mit Recht als eine seiner philosophischen Vordenkerinnen. In Conways Metaphysik wird die Wirklichkeit als eine einzige lebendige Substanz gedacht, die sich in unterschiedlichen Graden der Vollkommenheit entfaltet und niemals in tote Materie zerfällt.

Leibniz greift diese Grundidee auf, löst sie jedoch aus dem Substanzmodell und entwickelt sie in seinem eigenen Konzept der Monaden weiter. An die Stelle einer gestuften Substanz setzt er eine Vielheit geistiger Einheiten, die jeweils aus sich selbst heraus tätig sind. Gemeinsam ist beiden Ansätzen die Ablehnung äußerlicher, mechanischer Kausalität sowie die Überzeugung, dass alles Seiende ein inneres Prinzip von Aktivität und Wahrnehmung besitzt.

Was bei Conway noch als graduelle Abstufung einer gemeinsamen Substanz gedacht wird, erscheint bei Leibniz als System selbstständiger Monaden, die jeweils eine eigene Perspektive auf die Welt haben.

6. Bedeutung und Nachhall

Anne Conway war ihrer Zeit in mehrfacher Hinsicht voraus. Sie entwickelte eine nicht-dualistische Metaphysik, lange bevor solche Ansätze philosophisch akzeptiert wurden. Sie verband Ethik, Metaphysik und Ontologie zu einem einheitlichen Denkraum und verstand Leiden nicht als Widerspruch zur göttlichen Ordnung, sondern als Moment von progressiver Entwicklung. All dies entwickelte Norway ohne offizielle Anerkennung ihrer Philosophie und ohne akademische Autorität, allein aus der Kraft ihres mutigen Denkens heraus.

Ihr beachtliches Werk ist online verfügbar und kann hier auf Englisch gelesen werden:
The Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy

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Leibniz‘ Monadologie
Leibniz‘ Kausalität