Eros vs. Agape – Ein Streit in der liberalen US-Demokratie

veröffentlicht am 15. Februar 2026 in: ,

Die folgende Zusammenfassung des Blogartikels „Postliberalismus und Demokratie“ ist der letzte veröffentlichte Text des Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt. Er verstarb im Alter von nur 65 Jahren am 31.12.2025. Mit der Veröffentlichung dieses Beitrags möchte ich nicht nur sichtbar machen, für welche Ideen und intellektuellen Überzeugungen sein Denken stand, sondern den Text zugleich als einen Nachruf auf sein herausragendes und unersetzliches Wirken in der akademischen Landschaft verstanden wissen.

Thomas M. Schmidt war als Wissenschaftler, Lehrer und mein Doktorvater ein unvergleichlicher Geist. Seine außergewöhnliche Denkweise betonte stets die Bedeutung von Differenz, Individualität und Freiheit jedes einzelnen Menschen und für diese Werte stand er mit Nachdruck und Integrität ein – in seiner Forschung, in seiner Lehre und im persönlichen Austausch.

Zur politischen Theologie US-amerikanischer Kritiker der liberalen Demokratie

Der Blogartikel von Thomas M. Schmidt analysiert die politische Theologie US-amerikanischer Kritiker der liberalen Demokratie und zeigt, wie sich in den USA ein Bündnis aus postliberaler Rechter und religiösen Strömungen herausgebildet hat. Entgegen der lange verbreiteten Annahme, religiöse Kritik an der liberalen Demokratie sei vor allem im islamistischen oder evangelikalen Umfeld zu finden, werden zunehmend auch katholisch-theologische Argumente für eine fundamentale Kritik am Liberalismus mobilisiert. Diese Ideen werden inzwischen auch nach Europa exportiert und bilden ein konkretes politisches Programm.

Zentral für diese postliberale Kritik ist die Ablehnung des liberalen Grundprinzips, wonach Gerechtigkeit und individuelle Rechte Vorrang vor kollektiven Vorstellungen des guten Lebens haben. Kommunitaristische und postliberale Denker argumentieren dagegen, dass Identität und moralische Orientierung aus konkreten Vorstellungen eines guten Lebens hervorgehen. Politische Theorie müsse daher auf dem Gemeinwohl und gemeinsamen Tugenden aufbauen, nicht auf abstrakten Rechten. Vertreter wie Adrian Vermeule fordern einen „Gemeinwohl-Konstitutionalismus“, der gute Herrschaft und moralische Ordnung über individuelle Freiheit stellt.

Zugleich wird der Liberalismus als scheinbar neutrales, tatsächlich aber parteiliches Weltbild kritisiert. Religiöse Überzeugungen seien aus der liberal geprägten Öffentlichkeit verdrängt, während der Liberalismus selbst als universales Modell auftrete. In den USA verstärkt sich diese Kritik durch soziale und kulturelle Spannungen zwischen kosmopolitischen Eliten und einer sich abgehängt fühlenden Bevölkerung in ländlichen Regionen. Diese Ressentiments bilden den Resonanzboden für religiösen Postliberalismus.

Die Krise der liberalen Demokratie – unerfüllte Versprechen von Wohlstand, Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Fortschritt – hat diese Entwicklung beschleunigt. Postliberale Denker wie Patrick J. Deenen sehen den Liberalismus als strukturell gescheitert und nicht reformierbar. Stattdessen müsse er überwunden werden. J. D. Vance, stark von Deenen beeinflusst, verkörpert die politische Umsetzung dieser Ideen. Seine Autobiografie „Hillbilly Elegy“ beschreibt das Gefühl kultureller und sozialer Entfremdung und verbindet es mit seiner späteren Hinwendung zum Katholizismus.

Eros vs. Agape

In diesem Zusammenhang interpretiert Vance die augustinische Lehre vom ordo amoris – der Ordnung der Liebe – als abgestufte Hierarchie: Zuerst gelte die Liebe der eigenen Familie, dann der Nachbarschaft, der lokalen Gemeinschaft, den Mitbürgern und erst zuletzt der übrigen Welt. Auf Kritik an der Ankündigung der Trump-Regierung, „illegale Immigranten“ unverzüglich festzunehmen und auszuweisen, reagierte Vance mit dem knappen Hinweis: „Just google ordo amoris.“

Die theologische Debatte über die Bedeutung christlicher Liebe lässt sich freilich nicht durch eine einfache Internetrecherche entscheiden. Wer Liebe im Sinne des christlichen Platonismus als Eros versteht, begreift das Gute als erstrebenswertes Objekt menschlicher Hingabe. Gott erscheint dann als Ziel des Strebens nach Reinheit und Perfektion. Dem steht die paulinische Vorstellung von Liebe als Agape gegenüber. Agape bezeichnet eine horizontale Beziehung zum Anderen – gerade in dessen Bedürftigkeit und Endlichkeit. Hier geht es nicht um ein Objekt des Strebens, sondern um die Anerkennung des Anderen als eigenständiges Wesen, dem Gerechtigkeit widerfahren soll.

Auf ähnliche Überlegungen stützte sich der junge John Rawls in seiner theologischen Abschlussarbeit. Der bedeutendste Vertreter des politischen Liberalismus entwickelte seine Auffassung vom Vorrang der Gerechtigkeit gegenüber Vorstellungen des guten Lebens ursprünglich in theologischen Kategorien. Der Konflikt zwischen Gerechtigkeit und gutem Leben verläuft somit nicht zwischen säkularem und religiösem Denken, sondern innerhalb des religiösen Feldes selbst.

Schmidt plädiert dafür, die Debatte über Religion und die Zukunft der liberalen Demokratie nicht ideologisch motivierten Deutungen zu überlassen. Stattdessen sei eine fundierte theologische und philosophische Auseinandersetzung notwendig, um die Rolle religiöser Ideen in der politischen Gegenwart kritisch zu reflektieren.

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Postliberalismus und Demokratie – Thomas M. Schmidt