Erotik und sakrale Kommunikation – Bataille und Nietzsche im Vergleich

In On Nietzsche, insbesondere in den biographischen Passagen, entwirft Georges Bataille eine phänomenologische Annäherung an das, was sich als christliche Affekterotik beschreiben lässt. Obwohl er sich selbst als „heftig religiösen“ Atheisten bezeichnet, wird deutlich, wie nachhaltig das Christentum sein Denken geprägt hat.

Innerhalb der christlichen Erfahrungswelt arbeitet Bataille spezifische Formen des Erotischen heraus, die auf einer Psychologie des Tabus beruhen und tiefer in einer sakralen Lebensökonomie verankert sind, als Nietzsche dies in seiner Kritik am Christentum wahrgenommen hat. Über diesen christlichen Horizont hinaus entwickelt Bataille schließlich einen verallgemeinerten, ontologischen Begriff der „Sünde“, den er als notwendige Dimension erotischer Existenz versteht. Sünde ist dabei nicht moralisch zu begreifen, sondern bildet die konstitutive Voraussetzung sakraler Kommunikation.

Bataille zielt folglich nicht auf eine Abschaffung des Christentums, sondern auf eine postmoralische Aneignung seiner erotischen Strukturen als privilegierten Zugang zum Sakralen. Sakrale Erfahrung ist für ihn durch spezifische affektive Konstellation aus Zerrüttung, Schuld und Angst gekennzeichnet. Diese Affekte verlieren ihren moralischen Sinn und gewinnen eine eigenständige, religiös-erotische Bedeutung.

Die durch Sünde vermittelte Form der erotischen Kommunikation betrifft sowohl spirituelle als auch körperliche Erfahrungsbereiche. Sie kann innerhalb der Ehe, der Institution oder der kirchlichen Macht wirksam werden, ebenso aber in deren privaten Bereichen, etwa im Laster oder in mystischen Erfahrungen jenseits kirchlicher Strukturen.

Batailles Verständnis erotischer Verausgabung steht damit in deutlichem Gegensatz zu Nietzsches Ideal eines angstfreien und gesunden Subjekts. Während Nietzsche Angst vor Sexualität als Ausdruck von Schwäche oder Degeneration pathologisiert, betont Bataille die Notwendigkeit einer nicht-neurotischen, sakralen Angst als Voraussetzung für Erfahrungen. Gerade an den Stellen, wo Nietzsche zum Kulturarzt avanciert, greift Bataille dezidiert ein: In der Erotik ist eine Reinigung, Gesundung und Heilung wie in einem medizinischen Verfahren nicht möglich – schon allein die Vorstellung, es gäbe eine reine Sexualität, würde ins Absurde führen, denn Erotik ist per se die Aufhebung jeglicher Reinheit oder Sauberkeit.

Im Christentum erkennt Bataille somit ein verstörendes Wissen um die psycho-sexuellen Bedingungen sakraler Erfahrung, das Nietzsche aufgrund seines normativen Gesundheitsideals verfehlt. Anstatt Sexualität zu „heilen“ oder von Schuld zu befreien, radikalisiert Bataille die Überwindung des Christentums, indem er dessen moralisches Selbstverständnis kritisiert und zugleich auf seine fortbestehende Bindung an die Erotik des Sakralen verweist. Gerade Batailles Verzicht auf eine genealogische Kritik ermöglicht es ihm, im christlichen Paradigma jene Spuren einer atheistischen Religiosität wahrzunehmen, die Nietzsche selbst überhört.

Bataille bleibt seinem eigenen Stil als immanenter Denker streng verpflichtet und rührt daher explizit christliche Begriffe selbst nicht an. Während Nietzsche eine direkte Kritik übt und so gut wie alles, was das Christentum hervorgebracht hat, mit prinzipieller Entschiedenheit ins Gegenteil verkehrt und demgegenüber die antike und ideale Religion der Griechen hervorhebt, geht Bataille noch weiter: Er sticht den Finger direkt in die Wunde, und von dort aus entfaltet er eine Art sakrale Erotik, die alles andere als rein, gesund und geschönt erscheint. Nietzsche steht dem Christentum kämpferisch und ablehnend gegenüber, setzt ihm das Dionysische entgegen, Bataille dagegen versucht das Christentum in seiner dunkelsten Tiefe zu durchforschen.

Er erkennt in der christlichen Mystik und sogar in der Kreuzigung Spuren echter religiöser Erfahrung, die mit Verausgabung, Opfer und Heiligkeit verbunden sind. Er anerkennt damit auch eine religiöse Wahrheit, die für ihn in der Verbindung mit einer erotischen Sakralität steht. Im Vergleich ist Nietzsches Kritik begrenzend, da er das Christentum häufig ausschließlich als lebensfeindlich und krankhaft beschreibt.

Bataille ist dabei mit Sicherheit kein Christ. Provokativ beschreibt er seine „wahre Kirche“ als Bordell und macht damit deutlich, dass ihn nicht Moral oder Reinheit interessieren, sondern Grenzerfahrungen, Scham, Verbot und Überschreitung. In diesem Punkt steht Nietzsche dem „Reinheitsideal“ der christlichen Religion sogar näher, insofern er die Vorstellung einer heiligen und reinen Sexualität aus dem religiösen Kontext der Ehe herauslöst und Reinheit ausdrücklich unabhängig von religiösen Konnotationen verstanden wissen will.

Batailles Haltung wirkt trotzdem beunruhigend, da sie nah an jener kranken Moralität steht, die Nietzsche selbst scharf kritisiert. Nietzsche schätzte Selbstkontrolle und eine souveräne Haltung gegenüber den Trieben, während Batailles Denken stark von Ideen der Schuld, des Schmutzes und Verbots geprägt bleibt. Bleibt Bataille dann nicht gerade in jener christlichen Denkweise gefangen, die Nietzsche überwinden wollte? Nietzsche hoffte nach dem Tod Gottes auf eine neue Unschuld im Verhältnis zum Körper und zur Sexualität, doch Bataille scheint diese Hoffnung nicht zu teilen.

Diese grundlegende Differenz zeigt sich besonders in der Deutung des christlichen Ereignisses der Kreuzigung. Nietzsche sieht in ihr vor allem Schuld, Grausamkeit und moralische Manipulation. Bataille hingegen versteht die Kreuzigung als ein sakrales Ereignis, in dem die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben wird. In der gegenseitigen Verletzung, im gemeinsamen Blutvergießen, wird eine ursprüngliche Einheit wiederhergestellt. Die Kreuzigung ist für Bataille kein moralisches Opfer, sondern ein Akt gefährlicher Kommunikation, die von Dunkelheit und rationaler Unverständlichkeit geprägt ist. Das ist das Wesen der sakralen Kommunikation, das sich jeglicher Verstehbarkeit im moralischen sowie logischen Sinne entzieht.

„‚Kommunikation‘ ist Liebe … Kommunikation selbst ist schuldig … Kommunikation geht notwendigerweise durch Angst … Ist nicht das Böse oder die Sünde die Grundlage der Kommunikation? … das Sakrale ist immer gefährlich“

In Batailles Deutung der Kreuzigung bleibt ein Moment unausgesprochen, das jedoch für das Verständnis seiner Konzeption sakraler Kommunikation von zentraler Bedeutung ist: Es geht hier um das Wirksamwerden einer Macht, die sich rationaler Durchdringung entzieht – die Macht der Liebe. Diese ist nicht im Sinne alltäglicher oder moralischer Definitionen zu verstehen, sondern als eine übergreifende, überwältigende Kraft, die nur in ihrem radikalsten Sinn begriffen werden kann. Liebe erscheint hier als unbedingt, das heißt als eine Kraft, die nicht an Bedingungen, Kriterien oder Zuschreibungen von Liebenswürdigkeit gebunden ist.

Bedingungslose Liebe meint demnach nicht die Zuwendung zu dem, was angenehm, vertraut oder moralisch akzeptabel ist, sondern gerade die Öffnung gegenüber dem, was dem Verständnis, dem Geschmack oder der ethischen Billigung widerspricht. Grausamkeit, Schuld, Gewalt und Abscheulichkeit markieren genau jene Zonen, in denen sich erweist, ob Liebe ihrem Begriff gerecht wird. Eine Liebe, die hier ihre Grenze findet, wäre selektiv – und damit eher Ausdruck individueller Präferenz als Liebe im strengen Sinne. Die Macht der Liebe weitet sich auf alles aus, nicht nur auf das, was man als angenehm und ethisch korrekt empfindet.

Vor diesem Hintergrund kann man sehen, warum sich diese sakrale Kommunikation ausgerechnet im Tod und in der Gewalt ereignet.

Für Bataille hängt Erotik unter anderem eng mit den Bildern zusammen, die der Mensch von sich selbst hervorbringt. Das christliche Imaginäre entwirft den Menschen als von Schmutz, Schuld und Niedrigkeit gezeichnetes Wesen, das sich vor dem Göttlichen erniedrigt. Beschämt wird dabei insbesondere die triebhafte, exzessive Natur des Menschen, die als unrein und gefährlich gilt.

Gleichzeitig legt Bataille offen, dass gerade dieser verdrängte und beschämte Bereich nicht dem Heiligen entgegengesetzt ist, sondern mit ihm zusammenfällt. Das Heilige ist nicht das Gegenteil des Triebhaften, sondern dessen Erscheinungsform. Es ist dieses doppelte, ambivalente Wesen des Menschen, das sich im Akt der Gewalt in seiner unberechenbaren Größe zeigt. Die sakrale Kommunikation ereignet sich dort, wo sich das Subjekt der Erfahrung einer nicht wirklich verstehbaren Gewalt aussetzt.

Ohne diese Ambivalenz wäre das Sakrale nicht das, was es ist. Gerade die Verbindung von Anziehung und Schrecken, von Liebe und Grausamkeit, von Hingabe und Zerstörung konstituiert seine spezifische Qualität. Diese Struktur ist nicht auf das Christentum beschränkt, sondern tritt in religiösen Überlieferungen unterschiedlichster Kulturen immer wieder hervor.

Die Verbindung von Sakralem und Sexualität ist keineswegs eine Erfindung Batailles. In vielen frühen ostasiatischen und indischen Kulturen gehörten beide von Anfang an zusammen. Das Heilige wurde nicht vom Körper getrennt gedacht, sondern gerade dort verortet, wo das Leben am intensivsten, aber auch am verletzlichsten ist.

Ein bekanntes Beispiel ist das Chakra-System. Das sogenannte Sakralchakra liegt im Unterleib, in unmittelbarer Nähe der Geschlechtsorgane. Es steht für Lebenskraft, Begehren und schöpferische Energie. Das Sakrale ist hier nicht „oben“ angesiedelt, sondern an einem Ort, der mit Lust, Abhängigkeit und Kontrollverlust verbunden ist.

Dieser Bereich markiert den tiefsten und dunkelsten Punkt menschlicher Erfahrung. Das Sakrale zeigt sich demnach nicht im Überstieg aus dem Körper, sondern im Abstieg in jene Zonen, die rationaler Durchdringung und moralischer Einhegung widerstehen.

Zugleich betrifft Erotik unser inneres Verhältnis zu uns selbst. Sie ist für den Menschen mehr als ein Vorgang der Fortpflanzung und mehr als ein bloßes Hungersignal, das dem Überleben dient. Erotik ist eine tief verwurzelte psychologische Suche, die sich niemals vollständig erfüllen lässt. Sie zielt auf Nähe, Auflösung und Verschmelzung, ohne je zu einem endgültigen Ziel zu gelangen.

„Während das Wissen jeden Riß zu flicken versucht, besteht das Nichtwissen darin, die Öffnung, die wir schon sind, offen zu halten. Die Wunde in und von unserer Existenz nicht zu verbergen, sondern darzubieten“ 

Das ist das Geheimnis, auf das Bataille zielt: Erotik ist ein Nichtwissen über uns selbst und über unser Dasein. Dieses Geheimnis lässt sich mit funktionalem Wissen nicht auflösen – mit jener einzigen Wissensform, die wir uns aneignen können, um die Welt beherrschbar zu machen. Erotik entzieht sich diesem Zugriff. Sie verweigert sich dem Verstehen, sie bleibt dunkel.

Was wir sehen können, ist ihre dunkle Heiligkeit, ihre Nähe zum Göttlichen. Und auch Gott kann uns bei Bataille immer nur in dieser Schleierhaftigkeit begegnen. Das Göttliche ist der Trieb selbst: eine Macht, die uns fortreißt, ohne dass wir je wirklich über sie verfügen. Es ist eine Gewalt, die in uns wirkt, nicht etwas, das wir besitzen.

Gerade der Gewalt- und Machtaspekt zeichnet Erotik aus. Selbst wenn jemand glaubt, souverän über seinen Trieb zu verfügen, braucht er für diesen Trieb den Anderen. Erotik ist niemals unschuldig. Immer ist jemand dem Trieb ausgesetzt, immer soll jemand für ihn verfügbar sein, immer fällt jemand – unweigerlich – zum Opfer, selbst wenn dies als gegenseitig ausgegeben wird. Bataille bezeichnete Prostituierte aus diesem Grund auch als „Heilige“. Denn auch er stellt die Frage, inwiefern das Gegenüber des Triebsubjekts tatsächlich freiwillig ist, wenn es sich einfach hingibt – selbst dann, wenn daraus kein eigener Gewinn entsteht. Hier werden prekäre Grenzen überschritten. Diese Situationen eindimensional zu vereinfachen und zu glauben, die eigene Lust spiegle sich vollständig im Anderen wider, ist eine Illusion. Allzu oft schlagen wir, wenn wir uns triebhaft durchsetzen wollen, lediglich tiefer in die Wunde des Anderen hinein.

Für einen einsichtigeren und nicht vereinfachenden Umgang miteinander schlägt Bataille daher vor, sich dieser Risse und Wunden bewusst zu werden, statt sie weiter zu verdrängen:

„Ich schlage vor, es als ein Gesetz anzusehen, daß die Menschen nur durch Risse und Wunden verbunden sind: dieser Gedanke kann für sich eine gewisse logische Kraft beanspruchen. Wenn sich Elemente mit dem Ziel verbinden, ein Ganzes zu bilden, geschieht dies um so leichter, wenn jeder durch einen Riß in seiner Integrität einen Teil seines Seins zugunsten eines kommunialen Seins einbüßt.“

Aber gerade diese Wunde im Zeichen der Offenheit ist die göttliche Zone. Sie verbirgt sich nicht im Erhabenen, sondern in der größtmöglichen Intimität – in den Tiefen des Körpers.

Um Bataille in dieser Hinsicht zu verstehen, ist entscheidend, dass er von einer Doppelpoligkeit des Bewusstseins ausgeht. Das menschliche Bewusstsein ist selbst von einem inneren Riss durchzogen: ein Spalt, der uns aus der Immanenz heraushebt und uns in eine Form von Transzendenz versetzt. Wir leben nicht wie die Tiere – nicht wie Wasser im Wasser. Wir bewegen uns nicht mit selbstverständlicher Intimität durch die Welt, sondern stehen ihr gegenüber. Die Welt erscheint uns als etwas Vorhandenes, als Objekt, obwohl wir in ihr leben. Genau dieser Abstand trennt uns von einer unmittelbaren Verbundenheit mit ihr.

Dieser Bruch ist es, der uns von jener Intimität abschneidet, die das tierische Leben kennzeichnet. In Batailles Vision taucht daher die Vorstellung auf, dass der Mensch vielleicht eines Tages zurückkehren könnte – zu jener „unerwachten Intimität“ der Tiere, die vollständig in der Welt leben und nicht hinter oder vor der Welt, wie wir es tun.

Doch was hieße das eigentlich? Die Beziehung zur Erotik lässt sich nicht einfach heilen, wie es Nietzsche vorschwebte, weil wir selbst das Problem sind. Wir selbst müssten erst „geheilt“ und „geflickt“ werden – das heißt: die Trennung und Distanz in unserer eigenen Wahrnehmung überwinden. Erst dann wäre so etwas wie Heilung überhaupt denkbar. Aber wie sähe Erotik unter diesen Bedingungen noch aus?

Ich vermute, sie würde sich vollständig erfüllen – und genau deshalb verschwinden. Denn ein menschliches Leben, das in einer solchen „erwachten Intimität“ (in Abgrenzung zur unerwachten Intimität der Tiere) vollständig integriert wäre, wäre wieder ganz. Und in dieser Ganzheit gäbe es keine Suche nach der verlorenen Intimität mehr.

DAZU PASST AUCH:

Sünde und Transgression in der Subjektphilosophie Georges Batailles

19. Januar 2026