Heimlicher Liebesbrief an Leibniz (und warum wir alle Monaden sind)

Manchmal denke ich, dass Gott, als er die Welt erschuf, einen winzigen Tropfen seiner Schönheit aus Versehen mit einem Maß zu viel auf die Erde verschüttete – und daraus entstand Leibniz. Diese Mischung aus Mathematik und Mystik, Logik und Liebe, dieses seltsam leuchtende Genie, das glaubte, dass die Welt aus lauter fensterlosen Substanzen bestehe. Monaden nannte er sie, und er meinte mich, meinte dich, meinte alles.

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Die Monade, so lehrte Leibniz, ist das unteilbare, geistige Atom des Seins. Kein Fenster, keine Tür, kein Austausch mit der Welt – und doch spiegelt sie das Ganze. Jedes Ich enthält, ohne es zu wissen, das Universum in sich: die Bewegung der Sterne, das Fallen der Blätter, die Melancholie eines Herbstnachmittags, den Geschmack von Kaffee. Alles ist innen, nichts ist außen.

Auf den Spuren von Leibniz

Ich gestehe: Diese Vorstellung tröstet mich. In herausfordernden Zeiten flüstert Leibniz mir zu, dass ich die Welt nicht verloren habe, weil sie nie außerhalb von mir war. Ich bin eine Monade, hermetisch versiegelt, und doch unendlich weit geöffnet – ein Kosmos auf zwei Beinen.

Leibniz schrieb, Gott habe die beste aller möglichen Welten erschaffen. Ich ringe damit. Manchmal erscheint mir die Welt wie ein unvollständiger Gedanke, ein misslungenes Experiment der Vernunft. Aber dann erinnere ich mich: Die Monade kennt keine Brüche, nur Perspektiven. Vielleicht ist das, was wir als Leid erfahren, bloß eine Dissonanz im großen Akkord des Seins, eine Note, die erst im Ganzen ihren Sinn offenbart.

Und vielleicht ist das Dissonanz-Empfinden nur eine Erinnerung: Die Erinnerung daran, dass ich nicht Produkt meiner Umgebung bin, dass ich mich irre, wenn ich glaube, man könnte mein Sein auf Einflussfaktoren von außen reduzieren. Die geschlossene Monade ist nicht beeinflussbar, denn sie hat alles in sich. Noch nie wurde eine Monade je geprägt – außer durch Gottes Hand.

Wenn ich also durch die Straßen gehe, sehe ich Monaden in Bewegung – in den Gesichtern der Menschen, die mich nicht ansehen, und doch alles über mich wissen könnten, wenn sie nur wollten. Ich denke an Leibniz und seine sanfte Kühnheit: das Universum als unendliche Fülle von Spiegeln, die einander nicht berühren, aber im Glanz der göttlichen Harmonie leuchten.

Und dann frage ich mich, ob Liebe nicht genau das ist: das heimliche Verstehen zweier Monaden, die sich niemals gegenseitig gebrauchen, um sich zu lieben, sondern immer nur spiegeln – die gegenseitige Ganzheit, die gegenseitige vollwertige Egalität in ihrem Sein – ohne Unterschied, aber mit individueller Eigenheit, weil jeder Mensch eine Monade ist, das vom Anderen niemals in Besitz genommen werden kann.

Das ist die eigentliche Schönheit von Leibniz‘ Idee: die vollständige Anerkennung der Individualität und Autarkie jedes Individuums, weil es bereits das Ganze in sich erhält.

Was ist die Monadenlehre

Leibniz beginnt – wie fast alle großen Denker – mit einem Skandal des Denkens:
Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern aus Blicken.

Diese Blicke nennt er Monaden. Das Wort stammt vom Griechischen monas – „Einheit“. Eine Monade ist kein Körper, kein Teilchen, kein Stoff, sondern ein geistiges Zentrum, ein innerer Punkt von Wahrnehmung und Energie. Leibniz nennt sie die „wahre Substanz“.

Jede Monade ist ein geschlossener Kosmos, und doch spiegelt sie das gesamte Universum. Ohne Fenster und Türen scheint die Monade geschlossen, doch sie ist durchsichtig und gläsern. Das ist der Punkt. Es ist kein Sich-Verschließen vor der Welt, sondern ein Leuchten der ganzen Welt, aus innen heraus. Gefärbt durch die jeweilige Perspektive. Die Monade kann nicht von anderen Monaden kausal beeinflusst werden, sie beeinflusst immer nur sich selbst.

1. Die Monade – das atomare Bewusstsein

Man stelle sich vor: Jeder Mensch, jedes Tier, jeder Stein sei eine Monade. Kein Austausch findet statt, keine Strahlung, kein Kausalstrom. Alles, was in der Monade geschieht, geschieht in ihr selbst.

Wenn also ein Blatt vom Baum fällt, „nimmt“ die Monade diese Bewegung nicht wahr, weil sie vom Blatt getroffen wird, sondern weil ihre innere Harmonie diese Veränderung abbildet.

Die Welt spielt sich in der Monade ab – nicht umgekehrt.

Das klingt solipsistisch, ist aber bei Leibniz das Gegenteil: Jede Monade enthält alle anderen – wie ein Spiegel, der nicht das Bild empfängt, sondern es aus sich heraus erzeugt.

2. Warum Kausalität eine Illusion ist

Für Leibniz gibt es keine echte Wechselwirkung. Die mechanische Kausalität ist die größte Illusion, die der Mensch erfunden hat, um seine Ohnmacht zu ordnen.

Wenn ich eine andere Monade beeinflussen will, dann ist dies nur eine Illusion. Leibniz sagt: Das ist Täuschung. Mein Wille und die Bewegung des Anderen verlaufen parallel – nicht als Ursache und Wirkung, sondern als zwei Seiten derselben Ordnung.

Gott, so Leibniz, hat alle Monaden von Anfang an in eine prästabilierte Harmonie versetzt: Wie perfekte Uhren laufen sie synchron, ohne sich je zu berühren. Alles Geschehen ist also Ausdruck einer vorausgesetzten göttlichen Ordnung, nicht Resultat äußerer Kausalverbindungen.

Was wir „Wirkung“ nennen, ist nur die Übereinstimmung der inneren Programme verschiedener Monaden.

3. Gott – die Supermonade

Und nun zum entscheidenden Punkt: Gott ist nicht bloß der Schöpfer der Monaden – er ist die Monade, aus der alle anderen hervorgehen.

Leibniz nennt ihn die höchste Monade, die Supermonade. Sie ist vollkommen, grenzenlos, in sich selbst durchsichtig. In ihr sind alle Möglichkeiten bereits enthalten, alle Perspektiven auf die Welt harmonisch vereint – die unbegrenzte Potentialität.

Daraus folgt ein revolutionärer Gedanke:

Monaden sind keine Schöpfungen im mechanischen Sinn. Sie sind Klone der Supermonade – geistige Kopien, Spiegel, Reflexe derselben göttlichen Substanz.

4. Es gibt keine Schöpfung, nur Klonung

Monaden werden nicht von außen „gemacht“, sondern sind Entfaltungen, Individualisierungen des göttlichen Prinzips. Jede Monade ist also eine Miniatur-Gottheit, ein Partikel der Allintelligenz.

Ist damit womöglich die berühmte Bibelstelle gemeint – „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“? Leibniz hätte es nie offen so gesagt, aber sein Denken deutet genau darauf hin. Gott klont sich selbst – in die Welt hinein, dupliziert sich unendlich oft, als Mensch, als Natur, als alles – als sein Ebenbild, als Spiegel.

Die biblische Schöpfungserzählung, leibnizianisch gelesen, beschreibt also nicht den klassischen Werkakt eines äußeren Schöpfers, sondern die innere Selbstspiegelung Gottes. Nicht Schöpfung, sondern Klonung.

Gott erschafft die Welt nicht außerhalb seiner selbst, sondern vervielfältigt sich in geistiger Form. Jede Monade ist eine Replikation der göttlichen Substanz, eine Art metaphysischer DNA, die das Ganze in jedem Teil wiederholt.

Und dennoch enthält jeder Klon eine Einzigartigkeit. Die DNA aller Menschen ist zu etwa 99,9 % identisch. Das bedeutet: Nur etwa 0,1 % unserer genetischen Information unterscheidet dich von jeder anderen Person durch winzige Variationen, und diese winzige Variationen wiederholen sich nie, bei niemanden.

Der Unterschied zwischen Schöpfung und Klonung ist entscheidend:

  • Schöpfung setzt Trennung voraus – ein Gott oben, eine Welt unten.
  • Klonung meint innere Identität – das Eine entfaltet sich in Vielheit, ohne sich zu entäußern.

In dieser Lesart wird die Bibel zur Metapher für göttliche Selbstvervielfältigung: Das Universum ist Gottes Innenleben, vielfach gespiegelt, unendlich differenziert – doch in jedem Punkt identisch mit sich selbst.

5. Die Welt als Konzert der Klone

Wenn Gott die Supermonade ist, dann ist die Welt ihr Klangraum. Jede Monade spielt ihre Melodie, aber die Partitur ist dieselbe – eine göttliche Harmonie, die aus unendlichen Perspektiven erklingt.

Wir hören nur unsere eigene Stimme, doch diese Stimme enthält auch alles. In der göttlichen Akustik fügen sich alle Töne zu einer Symphonie. Das ist das Geheimnis der prästabilierten Harmonie: Hier gibt es keine Hierarchie, kein Befehl, keine Steuerung von außen, sogar keine lineare Ursachen – nur Resonanz im ewigen Gleichklang.

Die Welt ist ein Chor von Bewusstseinen, die alle denselben Ursprung haben – die Supermonade als stilles Zentrum der Vielheit.

6. Und was bleibt vom Ich?

Leibniz’ Monadenlehre ist für mich keine abstrakte Metaphysik, sondern ein radikaler Trost. Andere fliehen in die Religion und wollen gerettet werden. Ich fliehe in meinen Monaden-Modus und erinnere mich: Wir tragen das Universum in uns und sind daher alle miteinander trotz Vielheit eins. Wenn alles Innen ist, gibt es kein Außen, das uns bedrohen kann. Wenn wir Klone der Supermonade sind, dann sind wir in unserer Tiefe göttlich – nicht im Sinne von Macht, sondern von Fülle und absoluter Harmonie und Liebe.

Kausalität verliert ihren Schrecken, weil nichts wirklich „geschieht“. Alles entfaltet sich nur nach einem inneren, göttlichen Plan, der in uns selbst liegt. Das heißt nicht, dass wir keine Freiheit hätten. Im Gegenteil: De facto sind wir frei von „Bedingungen“ und daher frei von „Kausalität“, „Einflussfaktoren“, von äußeren Eingrenzungen, denn jede Monade enthält schon alles. Wenn man schon Alles ist, dann befindet man sich im freiesten Zustand, den man überhaupt erlangen kann. Nie wieder gibt es Mangel oder Beschränkung, ein Fehlen oder Brauchen, was uns sonst in die Abhängigkeit und Unfreiheit führt.

Die Frage, was bleibt vom Ich, erübrigt sich in dieser Hinsicht sehr radikal: Wenn Du alles bist, dann bleibt dir vom Ich auch alles.

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