1965 führten Theodor Adorno und Arnold Gehlen für den damaligen Südwestfunk ein großes Streitgespräch, in dem es um das Spannungsverhältnis zwischen Institutionen und Freiheit ging, dessen Fokus auch auf der Frage lag: Ist die Wahrheit prinzipiell allen zugänglich oder nur den Auserwählten?
Auf dieses Gespräch bin ich durch die Lektüre von Slavoj Žižek gestoßen, der zu dieser Debatte folgendes zitiert:
Die interessante Paradoxie lag darin, dass Adorno, dessen Schriften ohne eine genaue Kenntnis der Hegel’schen Dialektik fast unlesbar sind, sich für die allgemeine Zugänglichkeit der Wahrheit aussprach, während Gehlen (dessen Schriften viel leichter zu lesen sind) erklärte, die Wahrheit sei nur den wenigen Privilegierten zugänglich, da sie für die Masse der normalen Menschen zu gefährlich und zerstörerisch sei.
Man lasse es kurz auf sich einwirken: Adorno, der notorische Feind jeder Simplifizierung, tritt als Advokat der Wahrheit für alle auf – für jene, die ihm in seinen verschachtelten Sätzen kaum folgen können. Und Gehlen, der Anthropologe der „entlastenden“ Institutionen, warnt vor einer Offenlegung der Verhältnisse, die doch sein eigener, geschmeidiger Stil mühelos nahelegt.
Adorno insistiert darauf, dass Wahrheit ein öffentliches Gut sei – nicht weil sie bequem wäre, sondern weil sie nur im gemeinsamen Ringen um Begriffe, im Diskurs der Vielen, Gestalt gewinnt. Wahrheit ist für ihn kein Besitz, sondern ein Prozess der Entschleierung; und wer Wahrheit monopolisieren will, macht sie bereits falsch. Diese Haltung entspringt einer dialektischen Erfahrung: Wenn Aufklärung zur Herrschaft weniger wird, schlägt sie in ihr Gegenteil um.
Gehlen hingegen denkt von der Fragilität des Menschen aus. Wahrheit, so seine Sorge, sei ein starkes Lösungsmittel: Sie zersetzt Traditionen, unterminiert Autoritäten, destabilisiert soziale Routinen. Institutionen existieren nicht, weil sie schön sind, sondern weil sie dämpfen. Freiheit ohne Form führt zur Erschöpfung; Wahrheit ohne geschickte Verschleierung zum kollektiven Nervenzusammenbruch. Dass er diese Warnung mit fast literarischer Klarheit ausspricht, ist die wohl größte Ironie seines Arguments.
Die Frage behält immer noch Aktualität – besonders im Hinblick auf unsere heutige Zeit, wo grundlegende „Wahrheiten“ und „Autoritäten“ nicht mehr als solche akzeptiert werden. Haben alle ein Recht auf Wahrheit – auch wenn sie sie missverstehen, verzerren, missbrauchen? Oder braucht es Zensuren, Gatekeeper, Expertenkorrektive, die vor dem Übermaß an Wahrheit schützen? Zwischen Fake News und Faktentreue, zwischen Expertokratie und Schwarmintelligenz stehen wir an derselben Schwelle wie 1965: der Angst, dass Wahrheit entweder zu schwer oder zu leicht werde.
Politisch betrachtet standen sich hier zwei Denktraditionen gegenüber, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: Adorno, Vertreter der kritischen Theorie und radikaler Demokrat in einem zutiefst skeptischen, elitenkritischen Sinne, vertraute auf die moralische und intellektuelle Emanzipationsfähigkeit des Subjekts – auch auf die Gefahr hin, dass diese Hoffnung immer wieder durch gesellschaftliche Verblendung enttäuscht wird. Gehlen hingegen, ein dezidiert konservativer Autoritätstheoretiker, sah im Menschen ein gefährdetes, überfordertes Wesen, das nur durch robuste Institutionen und hierarchische Ordnungen stabil gehalten werden könne. Wo Adorno die gesellschaftliche Befreiung suchte, vermutete Gehlen bereits den Zerfall; wo Adorno Demokratisierung forderte, plädierte Gehlen für Disziplinierung. Man könnte sagen: Linkshermeneutik traf auf staatsnahe Anthropologie – und beide hatten im jeweils anderen ihren idealen Widerpart.
Doch vielleicht liegt der eigentliche Clou ihres Gesprächs nicht darin, wer recht behält, sondern darin, dass beide ungewollt dieselbe Gefahr markieren. Adorno warnt vor der Lüge der Mächtigen, Gehlen vor der Ohnmacht der Überforderten. Beide benennen – aus entgegengesetzter Richtung – die prekäre Anthropologie der Moderne: dass der Mensch zugleich nach Aufklärung hungert und an ihr erkranken kann.
Meines Erachtens ist die Wahrheit für alle zugänglich – und sie sollte den Menschen auch zugemutet werden. Eine noch viel problematischere Frage als die, ob die Wahrheit jedem zugänglich sein soll, ist jedoch die folgende: „Woher oder wie wissen wir genau, was wahr ist?“
Das Gespräch kann man hier herunterladen:
Freiheit und Institution – Streitgespräch zwischen Adorno und Gehlen – 1965/Südwestfunk



