Leibniz (1646–1716) widmete sich der Frage, was Ursache und Wirkung wirklich bedeuten, welche Arten von Ursachen existieren und wie Substanzen kausal wirken können, obwohl sie „fensterlos“ und in sich abgeschlossen sind. Zentral für sein Verständnis sind dabei die Monaden, die als grundlegende, selbstgenügsame Einheiten der Realität wirken.
Für diese Darstellung habe ich den Artikel „Leibniz on Causation“ von der Stanford Encyclopedia of Philosophy verwendet. Diese Seite ist eine renommierte, frei zugängliche wissenschaftliche Online-Enzyklopädie, die von Akademikern geschrieben und kontinuierlich aktualisiert wird.
Mein Artikel fasst im Folgenden die spannende wissenschaftliche Analyse von Leibniz’ Kausaltheorie zusammen und gibt einen strukturierten Überblick über seine Konzepte, seine Kritik klassischer Modelle und seine Ideen zur Vorherbestimmten Harmonie.
Ablehnung herkömmlicher Kausalmodelle
Leibniz prüft zunächst klassische Modelle der Kausalität und lehnt sie teilweise ab. Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen Ansätze, die Ursache und Wirkung zu mechanistisch oder linear betrachten:
a) Physischer Einfluss (Physical Influx)
Dieses Modell besagt, dass eine Substanz direkt auf eine andere wirkt, indem Eigenschaften übertragen werden. Leibniz kritisiert dies, da Substanzen für ihn keine „Fenster“ haben, durch die etwas ein- oder austreten könnte. Jede Substanz folgt allein aus ihrem eigenen Wesen.
b) Okkasionalismus
Hier bewirkt Gott jedes Ereignis direkt, während endliche Substanzen keine eigene kausale Kraft besitzen. Nach diesem Modell wäre jede Veränderung in einer Substanz lediglich der Anlass („Okkasion“) für Gottes Eingreifen. Leibniz lehnt diese Sicht ab, weil sie mehrere Probleme aufwirft: Zum einen reduziert sie die Substanzen auf passive, vollständig abhängige Einheiten, wodurch deren innere Aktivität und Autonomie verloren geht. Zum anderen macht sie Gott zu einem permanenten Wunderwirker, der wirklich jedes einzelne Ereignis, so klein es auch sein mag, verursachen müsste.
c) Parallelismus / Prästabilisierte Harmonie (Pre‑established Harmony)
Leibniz’ eigenes Modell geht davon aus, dass Substanzen einander nicht direkt beeinflussen, da sie „fensterlos“ sind und nur aus sich selbst heraus wirken. Stattdessen entwickelt sich jede Substanz gemäß einem von Gott vor der Schöpfung festgelegten Plan, der ihre inneren Kräfte und Zustandsfolgen bestimmt. Jede Monade verfügt über ein vollständiges inneres Konzept, das nicht nur ihre eigene Entwicklung festlegt, sondern zugleich mit allen anderen Monaden harmoniert, sodass die Welt in geordneter Kohärenz verläuft.
In diesem Modell sind sowohl die Substanzen selbst als auch Gott als Urmonade kausal relevant: Die Substanzen wirken autonom aus sich heraus, während Gott als Urmonade die Prästabilisierte Harmonie arrangiert und sicherstellt, dass alle Entwicklungen zusammenpassen. Diese Sichtweise wird als Concurrentismus bezeichnet, weil die kausalen Rollen von Gott und den Substanzen gleichzeitig wirksam sind, jedoch auf unterschiedliche Weise: Gott als universelle Ordnungskraft und die Monaden als selbstaktive Träger ihrer eigenen Effekte.
Intrasubstantielle vs. intersubstantielle Kausalität
Leibniz unterscheidet zwischen Kausalität innerhalb und zwischen Substanzen und entwickelt dabei ein differenziertes Verständnis davon, wie Ereignisse zustande kommen:
Intersubstantielle Kausalität
Die direkte Verursachung zwischen verschiedenen Substanzen lehnt er ab, da dies eine unzulässige Übertragung von Eigenschaften voraussetzen würde.
Intrasubstantielle Kausalität
Veränderungen innerhalb einer Substanz werden ausschließlich durch ihre eigenen inneren Kräfte erklärt. Diese Kräfte erzeugen Zustandsfolgen, ohne dass etwas von außen eingreift. Ursache und Wirkung sind also in derselben Substanz lokalisiert. Er befürwortet die intrasubstantielle Kausalität.
Gottes Rolle in Leibniz’ Kausalität
Gott ist die Urmonade vor allen anderen Monaden und bleibt bei Leibniz zentral, auch wenn Substanzen autonom wirken. Er ist der Urheber der Harmonie zwischen den Substanzen und sorgt dafür, dass ihre inneren Abläufe perfekt zusammenpassen, vergleichbar mit einem Uhrwerk, dessen Zahnräder von Anfang an synchronisiert sind. Gott ist damit eine kausale Grundursache, aber nicht die unmittelbare Ursache jeder einzelnen Wirkung, wie es der Okkasionalismus annimmt.
Arten von Ursachen bei Leibniz
Leibniz unterscheidet drei Arten von Ursachen, die über die rein mechanistische Effizienzkause hinausgehen:
- Finale Ursachen: Der Zweck oder das Ziel einer Veränderung. Jede Substanz strebt danach, sich gemäß ihrem höchsten Gut zu entwickeln.
- Effiziente Ursachen: Dinge, die eine Wirkung hervorbringen. Bei Leibniz sind dies die inneren aktiven Kräfte der Substanzen, die ihre eigenen Veränderungen bewirken.
- Formale Ursachen: Die Struktur oder das innere Konzept einer Substanz, das bestimmt, wie sich ihre Veränderungen entfalten.
Leibniz verbindet diese Ursachen zu einem holistischen Kausalmodell, in dem Effizienz, Form und Zweck zusammenwirken, um die Entwicklung der Substanzen zu erklären. Jedoch sind alle drei Ursachen intrasubstantiell, das heißt sie wirken innerhalb der Monade. Die Monade braucht keine äußeren Einflüsse, um sich zu entwickeln.
Beispiel: Menschliches Handeln
Wenn ein Mensch handelt, wird seine Entscheidung nicht durch einen äußeren Stoß verursacht. Vielmehr bestimmen seine inneren Kräfte, Wahrnehmungen und sein Wille – also effiziente, formale und finale Ursachen – seine Handlung. Gleichzeitig sorgt Gottes prästabilisierte Harmonie dafür, dass diese Handlung mit der Weltlage konsistent ist.
Zusammenfassung der zentralen Einsichten
Leibniz’ Kausaltheorie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es gibt keine direkte Wechselwirkung zwischen Substanzen; die Rolle Gottes ist die Harmonisierung der Substanzen zueinander; Substanzen wirken durch ihre eigenen inneren Kräfte kausal aktiv; Ursache und Effekt liegen innerhalb derselben Substanz; und die Ursachen lassen sich in effizient, formal und final unterscheiden.
Welche Chance bietet Leibniz‘ intrasubstantielle Kausalmodell?
Die Kausalität bei Leibniz verbindet auf faszinierende Weise Metaphysik, Determinismus und Freiheit. Die Zustände einer Substanz folgen streng deterministisch aus ihrem inneren Wesen und den in ihr wirkenden Kräften, sodass jede Entwicklung logisch aus der Natur der Monade hervorgeht. Gleichzeitig schränkt dieses Modell die individuelle Freiheit nicht ein, sondern macht sie gerade möglich: Jede Substanz handelt aus ihren eigenen Kräften heraus und trifft Entscheidungen auf Grundlage ihres inneren Konzepts.
Sie wird dabei nicht mechanisch von äußeren Einflüssen gesteuert, sondern ihre Handlungen ergeben sich aus ihrem eigenen, selbstbestimmten Wesen. So verbindet Leibniz in seinem Kausalmodell eine deterministische Struktur der Welt mit einem Konzept der Freiheit, in dem jedes Individuum – jede Monade – autonom agiert, während dennoch eine universelle Ordnung gewahrt bleibt.



