Monismus, Dualismus und Leib-Seele-Dualität: Grundmodelle philosophischer Ontologie

Woraus besteht eigentlich unsere Wirklichkeit? Das ist eine der grundlegendsten Fragen der Philosophie. Sie betrifft explizit die Suche nach der essentiellen Struktur alles Gegebenen: Woraus ist die Wirklichkeit gemacht und wie ist sie aufgebaut?

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Seit der Antike lassen sich unterschiedliche Antworten auf diese Frage unterscheiden, die sich zu ontologischen Grundmodellen verdichtet haben. Zu den einflussreichsten zählen der Monismus und der Dualismus.

Vertreter der Monismus- und der Dualismus-Ontologien gehen von der Annahme aus, dass es stabile Grundprinzipien oder Substanzen gibt, aus denen sich alles Seiende erklären lässt. In der neueren Philosophie sind jedoch zunehmend Modelle entwickelt worden, die diese Substanzannahme selbst infrage stellen und Wirklichkeit nicht mehr als Ding-, sondern als Kraft-, Prozess-, Relations- oder Ereigniszusammenhang begreifen.

Dualismus: Zwei irreduzible Prinzipien

Der Dualismus geht davon aus, dass die Wirklichkeit aus zwei grundsätzlich verschiedenen und nicht aufeinander reduzierbaren Bereichen besteht. Das klassische Beispiel hierfür ist René Descartes, der zwischen res cogitans (dem denkenden, geistigen Ding) und res extensa (dem ausgedehnten, körperlichen Ding) unterscheidet. Geist und Materie sind bei ihm ontologisch verschieden und folgen unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten. Der Mensch erscheint entsprechend als Verbindung zweier Substanzen, deren Verhältnis erklärungsbedürftig bleibt.

Auch frühere oder alternative dualistische Modelle lassen sich benennen. Platon wird häufig als Dualist gelesen, insofern er zwischen der sinnlich wahrnehmbaren Welt und der intelligiblen Welt der Ideen unterscheidet. In der Religionsgeschichte finden sich radikale Formen des Dualismus etwa im Manichäismus oder in gnostischen Systemen, in denen Gut und Böse oder Geist und Materie als gleichursprüngliche Gegenspieler auftreten. Gemeinsam ist diesen Positionen die Annahme einer fundamentalen Trennung, die nicht vollständig aufgehoben oder vermittelt werden kann.

Leib-Seele-Dualität

Die ontologische Grundannahme des Dualismus findet ihren paradigmatischen Ausdruck in der klassischen Leib-Seele-Dualität. In dieser Perspektive wird der menschliche Leib als materielles, ausgedehntes Objekt verstanden, während die Seele oder der Geist als immaterielles, denkendes Prinzip gilt. Beide Bereiche unterliegen unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten und sind ontologisch voneinander getrennt, auch wenn sie im Menschen faktisch miteinander verbunden erscheinen. Die Leib-Seele-Dualität macht damit deutlich, wie sich ontologische Trennungen unmittelbar in anthropologischen Fragestellungen niederschlagen.

Monismus: Eine letzte Wirklichkeit

Im Gegensatz dazu vertritt der Monismus die These, dass es letztlich nur eine Wirklichkeit oder ein Grundprinzip gibt. Unterschiede und Gegensätze werden nicht als ontologisch letztgültig verstanden, sondern als Erscheinungsformen oder Momente eines einheitlichen Ganzen. Ein paradigmatischer Vertreter ist Baruch de Spinoza, der von einer einzigen Substanz ausgeht, die unendlich viele Attribute besitzt. Geist und Materie sind bei ihm keine getrennten Substanzen, sondern unterschiedliche Weisen, ein und dieselbe Substanz zu erfassen.

Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel wird häufig als Monist eingeordnet, allerdings in einem spezifischen Sinn. Bei ihm ist die Einheit der Wirklichkeit kein statischer Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis eines dialektischen Prozesses. Gegensätze wie Subjekt und Objekt oder Denken und Sein werden nicht einfach negiert, sondern in einer höheren Einheit vermittelt. Der Monismus ist hier dynamisch und prozessual, bleibt aber auf die Idee einer letztlichen Einheit verpflichtet.

In modernen materialistischen Versionen des Monismus wird die Wirklichkeit auf physische Prozesse und Materie zurückgeführt. Alles, was existiert – inklusive Geist, Bewusstsein oder Denken – wird hier als Ergebnis materieller Vorgänge interpretiert. Vertreter:innen finden sich in naturwissenschaftlich orientierten Strömungen, philosophischem Materialismus und marxistischer Theorie. Ziel ist es, die Welt auf eine einzige ontologische Kategorie – die Materie – zu reduzieren.

Arthur Schopenhauer nimmt eine Zwischenstellung ein. Metaphysisch vertritt er einen Monismus, insofern er den „Willen“ als einheitliches inneres Wesen der Welt begreift. Erkenntnistheoretisch unterscheidet er jedoch scharf zwischen der Welt als Vorstellung und der Welt als Wille. Der Leib ist dabei der unmittelbare Ausdruck des Willens in einem Individuum, aber nicht alles; die Welt besteht als Vorstellung und der Wille ist die metaphysische Grundlage, die über den Leib hinausgeht. Die Wirklichkeit erscheint uns demnach dual, ist aber in ihrem Wesen einheitlich. Schopenhauer ist damit kein Substanzdualist, sondern ein Monist, der eine duale Erscheinungsstruktur voraussetzt.

Leib-Seele-Dualität

Monistische Positionen reagieren auf diese Trennung, indem sie Leib und Seele nicht als eigenständige Substanzen begreifen, sondern als unterschiedliche Erscheinungsweisen einer einheitlichen Wirklichkeit. Je nach Ausprägung werden psychische Phänomene entweder als Funktionen materieller Prozesse interpretiert oder Leib und Geist als gleichrangige Ausdrucksformen eines gemeinsamen Grundprinzips verstanden.

Pluralismus: Leibniz’ Monadologie

Eine eigenständige Position nimmt Gottfried Wilhelm Leibniz ein, der weder dem Dualismus noch dem Monismus eindeutig zugeordnet werden kann. Leibniz vertritt einen ontologischen Pluralismus. Nach seiner Monadologie besteht die Wirklichkeit aus unendlich vielen einfachen Substanzen, den sogenannten Monaden. Diese sind unteilbar, immateriell und qualitativ voneinander verschieden. Jede Monade stellt eine eigene Perspektive auf die Welt dar und ist in sich abgeschlossen.

Zwischen den Monaden besteht keine direkte kausale Wechselwirkung. Ihre Übereinstimmung erklärt Leibniz durch die Annahme einer prästabilierten Harmonie, die von Gott eingerichtet wurde. Die Welt bildet somit eine geordnete Einheit, ohne auf eine einzige Substanz zurückgeführt zu werden. Leibniz’ Pluralismus unterscheidet sich sowohl vom Monismus Spinozas, der alle Differenzen in einer Substanz aufhebt, als auch vom Dualismus, da er nicht von zwei gegensätzlichen Prinzipien ausgeht, sondern von einer Vielzahl eigenständiger Einheiten.

Leib-Seele-Dualität

Leibniz ersetzt die Leib-Seele-Dualität durch eine nicht-kausale Entsprechung zweier Ebenen. Stattdessen verlaufen ihre Zustände parallel und aufeinander abgestimmt.

Grenzen von Monismus und Dualismus

Trotz ihrer Unterschiede teilen Monismus und Dualismus eine grundlegende Annahme: Beide denken Wirklichkeit in Kategorien von Substanz. Die zentrale Frage lautet jeweils, wie viele Grundsubstanzen es gibt – eine, zwei oder gegebenenfalls mehrere. Kritiker:innen haben darauf hingewiesen, dass diese Fragestellung selbst problematisch ist, da sie Identität, Stabilität und Abgrenzbarkeit voraussetzt. Wandel, Konflikt, Instabilität und historische Dynamik lassen sich innerhalb eines substanzontologischen Rahmens oft nur unzureichend erklären.

Gerade im 19. und 20. Jahrhundert entstehen daher Positionen, die nicht eine alternative Antwort auf die Substanzfrage geben, sondern diese Frage selbst zurückweisen.

Nicht-substanzielle Alternativen: Kraft, Prozess, Relation, Werden

Ein zentrales alternatives Modell verzichtet auf die Annahme stabiler Träger des Seins und begreift Wirklichkeit stattdessen als Geschehen. Häufig wird hierfür der Begriff der Prozessontologie oder relationalen Ontologie verwendet. Statt von Dingen oder Substanzen auszugehen, stehen Kräfte, Prozesse, Relationen, Ereignisse oder Dynamiken im Mittelpunkt.

Friedrich Nietzsche ist ein prominenter Vertreter dieser Denkweise. Er kritisiert ausdrücklich den Substanzbegriff und versteht Wirklichkeit als Spiel von Kräften, ohne dahinter ein einheitliches Sein anzunehmen. Identitäten erscheinen bei ihm als vorläufige Stabilisierung dynamischer Verhältnisse. Ähnlich argumentieren Henri Bergson mit seiner Philosophie der Dauer oder Alfred North Whitehead mit seiner Prozessmetaphysik, in der Ereignisse die grundlegenden Einheiten der Wirklichkeit bilden.

Auch Georges Bataille lässt sich in diesem Kontext einordnen, wenngleich sein Ansatz weniger systematisch ist. Er kritisiert totalisierende Einheitsentwürfe ebenso wie feste Dualismen und richtet den Fokus auf das Heterogene, das Ausgeschlossene und Nicht-Integrierbare. Wirklichkeit erscheint bei ihm nicht als harmonische Ordnung, sondern als instabiler Zusammenhang, der sich jeder endgültigen Fixierung entzieht. Sein Denken umfasst die Polarität als Kräftedynamik. Gegensätze wie homogen und heterogen, profan und heilig oder Arbeit und Verschwendung wirken als spannungsvolle Pole, die sich gegenseitig bedingen und ineinander übergehen.

Um diese unterschiedlichen Ansätze zusammenzufassen, bietet sich die Bezeichnung nicht-substanzielle Ontologie an. Sie bezeichnet keine einheitliche Theorie, sondern eine gemeinsame Haltung: den Verzicht auf stabile Grundträger zugunsten eines Denkens in Relationen, Prozessen und Werdensformen. Dieses Modell stellt eine dritte ontologische Grundoption dar, die sich weder im Monismus noch im Dualismus erschöpft.

Leib-Seele-Dualität

Nicht-substanzielle Ansätze problematisieren schließlich nicht nur die Substanzfrage, sondern auch die Leib-Seele-Dualität selbst. Leib und Bewusstsein werden hier nicht als getrennte Entitäten verstanden, sondern als miteinander verflochtene Dimensionen dynamischer Prozesse, in denen Identität und Differenz stets prekär bleiben.

Fazit: Frage bleibt unbeantwortet

Die Frage nach der Beschaffenheit unserer Wirklichkeit gehört zu den zentralen Problemstellungen der Philosophie und wird klassisch unter dem Begriff „Ontologie“ zusammengefasst. Traditionell gehören Monismus und Dualismus zu den Grundmodellen der Ontologie und haben die Geschichte der Philosophie über Jahrhunderte geprägt.

Während der Dualismus von einer irreduziblen Zweiheit ausgeht, versucht der Monismus, Differenz in einer letzten Einheit aufzulösen oder zu vermitteln. In den neueren Ansätzen brechen nicht-substanzielle Ansätze mit beiden Modellen, indem sie die Substanzfrage selbst suspendieren. Sie begreifen Wirklichkeit nicht als Sein oder etwas Seiendes, sondern als etwas Geschehendes. Gerade für moderne Debatten über Macht, Subjektivität und Gesellschaft erweisen sich solche Modelle als besonders anschlussfähig.

Dennoch bleibt die grundlegende Frage der Philosophie bestehen, auch wenn nicht-substanzielle Modelle sie zugunsten praktischer Betrachtungen vorübergehend in den Hintergrund rücken: Was ist die Wirklichkeit und woraus besteht sie?

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