Warum Schnee auch schwarz sein kann – 10 Thesen von Leibniz

veröffentlicht am 14. Januar 2026 in: ,
„Schnee ist schwarz.“ - Kaum ein Satz eignet sich besser, um philosophisches Denken zu provozieren. Jeder Mensch weiß, dass Schnee weiß ist. Genau deshalb wirkt die gegenteilige Behauptung absurd. Und doch stammt sie aus der Philosophie – genauer: von Anaxagoras, einem vorsokratischen Denker des 5. Jahrhunderts v. Chr.

Anaxagoras: Schnee, Wahrnehmung und Wirklichkeit

Anaxagoras war einer der ersten Philosophen, der sich systematisch mit der Natur und der Wahrnehmung beschäftigte. Berühmt wurde er unter anderem durch die provokante Aussage „Der Schnee ist schwarz“, mit der er große Diskussionen auslöste. Diese These wurde auch Jahrhunderte später, etwa von Leibniz, wieder aufgegriffen. Um diese Aussage zu verstehen, sind zwei Grundideen entscheidend:

Erstens vertrat Anaxagoras die Auffassung, dass die Dinge keine einfachen Eigenschaften „an sich“ besitzen. Alles enthält Anteile von allem. Zweitens meinte er, dass Wahrnehmung durch Gegensatz funktioniert: Wir erkennen Warmes durch Kaltes, Helles durch Dunkles.

Schnee entsteht aus Wasser. Wasser wiederum erscheint – etwa in der Tiefe oder im Schatten – dunkel. Wenn also Schnee aus Wasser hervorgeht, dann enthält er auch etwas Dunkles. Dass er uns weiß erscheint, liegt an der Art, wie er auf unsere Sinne wirkt. Aus dieser Perspektive kann man daher auch sagen: Schnee ist schwarz.

Wichtig ist: Anaxagoras wollte damit nicht bestreiten, dass Schnee weiß aussieht. Er wollte zeigen, dass Erscheinung und Wirklichkeit nicht identisch sind.

Aristoteles: Kritik am Paradoxon

Aristoteles, der wenige Generationen später schrieb, stand solchen Paradoxien skeptisch gegenüber. Zwar erkannte er ihren didaktischen Reiz, hielt sie aber für begrifflich problematisch.

Für Aristoteles besitzt Farbe eine reale Grundlage in den Dingen selbst, auch wenn sie ohne Wahrnehmung nicht aktualisiert wird. Schnee ist weiß, weil seine Oberfläche das Licht auf bestimmte Weise reflektiert. Zu sagen, Schnee sei schwarz, hält Aristoteles für eine Überdehnung der Sprache. Paradoxe Formulierungen können seines Erachtens nach verwirren und den Blick auf die natürlichen Ursachen verstellen.

Aristoteles ist hierbei sehr streng in seiner Kritik; doch solche Gedankenexperimente sind wichtig, um die Strukturen unserer Wahrnehmung offenzulegen, ohne die wir sonst deutlich weniger über uns selbst erkennen könnten. Damit vertritt Aristoteles eine gemäßigte Position zwischen naivem Realismus und radikalem Skeptizismus.

Die Skeptiker: Zweifel an aller Gewissheit

Ganz anders bewerten skeptische Philosophen wie Sextus Empiricus den schwarzen Schnee. Für sie ist das Beispiel ein willkommenes Argument gegen die Zuverlässigkeit der Sinne.

Wenn selbst das Weißeste als schwarz beschrieben werden kann, dann zeigt das, wie unsicher Wahrnehmungsurteile sind. Die Skeptiker ziehen daraus keinen positiven Lehrsatz, sondern eine methodische Konsequenz: Wir sollten uns des Urteils enthalten. Das Ziel ist nicht Wahrheit, sondern geistige Gelassenheit.

Der schwarze Schnee wird so zu einem Werkzeug der Zweifelkunst.

Leibniz greift das Paradoxon wieder auf

Im 17. Jh. greift Leibniz den schwarzen Schnee wieder auf und diskutiert mit seinem Lehrer Jakob Thomasius in einem Brief seine 10 Hypothesen zum Gedankenexperiment Anaxagoras‘. Welche zehn Hypothesen stellt Leibniz auf?

Die zehn Hypothesen Leibniz’

1. Jede Farbe ist ein Eindruck im Sinnesorgan und keine bestimmte Eigenschaft der Dinge selbst, sondern eine äußere Zuschreibung oder, wie Th. Hobbes es nennt, ein Phantasma.

2. Also gibt es für uns, wenn wir nicht wahrnehmen, keine Farbe.

3. Schwarz ist weniger eine Farbe als vielmehr der Entzug der Farbe; oder wir sagen, wir sähen Schwarz, wenn wir nichts sehen.

4. Alle undurchsichtigen Dinge sind an sich schwarz, gemäß Hypothese 2 in Verbindung mit 3.
Also auch der Schnee. Anaxagoras jedoch wählte gerade diesen Gegenstand, der als der weißeste gilt, um sein Paradoxon umso erstaunlicher zu machen.

5. Farbe ist nichts anderes als ein Eindruck im Auge, der dadurch entsteht, dass leuchtende Atome von einem leuchtenden Körper auf einen undurchsichtigen treffen und von dort zum Auge zurückgeworfen werden.

6. Es gibt drei optische Prinzipien: Feuer, dessen Atome pyramidenförmig sind; Wasser, das verdünnt zu Luft wird, deren Atome kugelförmig sind; Erde, deren Atome würfelförmig sind.

7. Feuer ist das Prinzip des Lichts, Wasser das der Schwärze, Erde das der Farbe. Denn die pyramidenförmigen Atome sind die feinsten, besitzen eine durchdringende Kraft usw., was dem Feuer eigen ist. Feuer und Licht sind aber der Materie nach dasselbe. Die würfelförmigen Atome können sich so miteinander verbinden, dass kein leerer Raum dazwischen bleibt. Sie sind daher die Ursache dafür, dass feurige Atome reflektiert werden, das heißt nach Hypothese 5: der Farbe. Zwischen den kugelförmigen Atomen aber ist sehr viel leerer Raum; sie sind daher die Ursache der Nicht-Reflexion (wo nämlich nichts widersteht, dringen sie eher hindurch, als dass sie reflektiert werden), also der Farblosigkeit, das heißt nach Hypothese 3: der Schwärze.

8. Was immer dünn (locker) ist, ist, wenn es verdichtet wird, in höherem Maße eben dieses. Denn vereinte Kraft ist stärker.

9. Schnee ist verdichtetes Wasser.

10. Also muss Schnee gemäß Hypothese 7 in Verbindung mit 9 und 8 in höchstem Maße auch schwarz erscheinen. Q.E.D.

Quelle*

Erklärungen zu den Hypothesen

Leibniz beginnt mit einer erkenntnistheoretischen Grundannahme: Farbe ist kein Bestandteil der Dinge selbst, sondern ein Eindruck im Sinnesorgan. Ohne Wahrnehmung gibt es keine Farbe. Daraus folgt: Schwarz ist keine positive Farbe, sondern die Abwesenheit von Farbwahrnehmung. Schwarz sehen heißt, nichts sehen. Alle undurchsichtigen Dinge sind daher, an sich betrachtet, schwarz – auch Schnee.

Anschließend verbindet Leibniz diese These mit einer atomistischen Optik. Farbe entsteht durch die Reflexion lichtartiger Atome an festen Körpern. Wo Licht reflektiert wird, entsteht Farbe; wo es hindurchgeht, nicht. Leibniz unterscheidet drei Prinzipien: Feuer (Licht), Erde (Reflexion und Farbe) und Wasser (Durchlässigkeit und Schwärze). Wasser lässt Licht passieren, statt es zurückzuwerfen.

Schnee ist verdichtetes Wasser. Und was verdichtet wird, besitzt seine Eigenschaften in gesteigerter Form. Daher ist Schnee – gemäß dieser Theorie – besonders schwarz. Der Schluss lautet somit: Schnee muss im höchsten Maße schwarz sein.

Was Leibniz zeigen will

Leibniz selbst macht deutlich, dass dieses Argument nicht wörtlich zu nehmen ist. Niemand soll ernsthaft glauben, Schnee sei nur schwarz.

Der Wert des Arguments liegt in etwas anderem: Es zeigt, wie stark unsere Überzeugungen von stillschweigenden Annahmen abhängen. Ändert man diese Annahmen, ändern sich auch die scheinbar selbstverständlichsten Wahrheiten.

Warum dieses Beispiel eine gute Übung zum philosophischen Denken ist

Der schwarze Schnee ist ein ideales Einstiegsbeispiel für philosophisches Denken:

  • Er zeigt den Unterschied zwischen Erscheinung und Wirklichkeit.
  • Er macht deutlich, dass Begriffe wie „Farbe“ nicht so einfach sind, wie sie scheinen.
  • Er führt in zentrale Positionen der Philosophie ein: Realismus, Skeptizismus und Rationalismus.
  • Und er lehrt, dass Philosophie nicht darin besteht, recht zu behalten, sondern die eigene Wahrnehmung immer wieder neu zu prüfen.

Das zeichnet unter anderem die philosophische Disziplin aus: Das Denken beginnt nicht mit Antworten, sondern mit Irritation. Die Behauptung, Schnee sei schwarz, ist genau eine solche Irritation. Sie zwingt uns, über Wahrnehmung, Sprache und Wirklichkeit nachzudenken.

Wer versteht, warum solche Gedankenexperimente Sinn machen, hat bereits einen ersten Schritt ins philosophische Denken getan – selbst wenn er am Ende überzeugt bleibt, dass Schnee natürlich weiß ist.

Quelle: Sämliche Schriften und Briefe Leibniz. Bd. II (Gottfried Wilhelm Leibniz) , S. 4