Was ist christlicher Atheismus? Die These von Slavoj Žižek

veröffentlicht am 17. Februar 2026 in: , ,

Wenn Slavoj Žižek vom „christlichen Atheismus“ spricht, dann klingt das zunächst wie ein bewusst gelegter Stolperstein, über den sowohl fromme Christen als auch selbstbewusste Atheisten gleichermaßen fallen sollen, denn wie kann etwas zugleich christlich und atheistisch sein, ohne sich selbst aufzuheben oder in eine bloße rhetorische Provokation zu verwandeln? Und doch liegt gerade in dieser scheinbaren Unmöglichkeit der eigentliche Kern seiner Überlegung, denn Žižek will weder einfach behaupten, dass Gott nicht existiert und damit die Sache für erledigt erklären, noch will er das Christentum verteidigen, indem er es gegen moderne Kritik immunisiert, sondern er versucht vielmehr zu zeigen, dass das Christentum, wenn man es nicht sentimental, moralistisch oder metaphysisch verkürzt, sondern radikal ernst nimmt, selbst zu einer Form des Atheismus führt, die nicht außerhalb, sondern innerhalb seiner eigenen Struktur entsteht.

Der gewöhnliche, sagen wir einmal „aufklärerische“ Atheismus begnügt sich in der Regel mit der Feststellung, dass es keinen personalen Gott gibt, der im Himmel residiert, Gebete erhört und die Geschicke der Welt lenkt, und dass religiöse Vorstellungen historisch gewachsene Konstruktionen sind, die psychologische Bedürfnisse befriedigen, soziale Ordnung stabilisieren oder Machtverhältnisse legitimieren; und aus dieser Perspektive erscheint Religion als etwas, das man zwar historisch verstehen, aber letztlich hinter sich lassen sollte, weil Wissenschaft, Rationalität und säkulare Ethik die Aufgaben der Religion längst übernommen haben. Žižek stimmt dieser Diagnose insofern zu, als auch er nicht an einen allmächtigen transzendenten Gott glaubt, doch im Unterschied zu vielen Atheisten verwirft er das Christentum nicht als bloßen Irrtum, sondern betrachtet es als eine symbolische und philosophische Konstellation, die selbst bereits die Auflösung jener traditionellen Gottesvorstellung in sich trägt, die der Atheismus bekämpft.

Der Dreh- und Angelpunkt seiner Interpretation ist die Kreuzigung, und hier liest er das Ereignis mit einer Radikalität, die sowohl konservative Theologen als auch religionskritische Rationalisten irritiert, denn wenn Jesus am Kreuz ruft: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, dann hört Žižek darin nicht nur den Ausdruck menschlichen Leidens, sondern die dramatische Szene einer göttlichen Selbstverlassenheit, in der Gott nicht mehr als allwissende, souveräne Instanz über dem Geschehen steht, sondern in das Geschehen selbst hineingezogen wird und darin seine eigene Transzendenz verliert. In dieser Lesart stirbt am Kreuz nicht nur ein Mensch, der als Sohn Gottes interpretiert wird, sondern Gott selbst als metaphysische Garantieinstanz, als „großer Anderer“, der dem Universum letztlich Sinn und Ordnung verleiht; und was danach bleibt, ist keine verborgene himmlische Souveränität, sondern eine Welt, in der es keine letzte Absicherung mehr gibt.

Hier knüpft Žižek ausdrücklich an Georg Wilhelm Friedrich Hegel an, dessen spekulative Theologie davon ausgeht, dass Gott kein statisches Wesen außerhalb der Welt ist, sondern sich in der Geschichte entfaltet, sich veräußert und im Prozess dieser Entäußerung gewissermaßen „stirbt“, um in der Gemeinschaft der Menschen – im Geist – weiterzuleben. Žižek radikalisiert diesen Gedanken jedoch dahingehend, dass nach dem Tod Gottes keine transzendente Restinstanz übrigbleibt, die im Hintergrund doch noch alles zusammenhält, sondern dass der „Heilige Geist“ als nichts anderes verstanden werden muss als die konkrete, historische Gemeinschaft der Menschen selbst, die ohne metaphysische Garantie Sinn, Moral und Solidarität hervorbringt. Damit verschiebt sich die gesamte Last der Verantwortung auf das menschliche Handeln, und genau darin sieht Žižek die eigentliche Pointe des christlichen Ereignisses.

Zugleich greift er auf Jacques Lacan zurück, insbesondere auf dessen Begriff des „großen Anderen“, um deutlich zu machen, dass Menschen selbst dann, wenn sie sich als Atheisten verstehen, häufig an eine verborgene Instanz glauben, die ihrem Leben Struktur und Sinn verleiht, sei es in Gestalt eines geschichtsphilosophischen Fortschritts, einer objektiven moralischen Ordnung oder einer impliziten Harmonie des Ganzen. Žižeks Kritik an vielen modernen Atheisten besteht gerade darin, dass sie zwar den traditionellen Gott verabschieden, aber an die Stelle des alten Gottes neue, säkularisierte Ersatzgötter setzen, sodass sie gewissermaßen „Atheisten sind, die noch glauben“, weil sie nicht bereit sind, auf jede letzte Garantie zu verzichten. Sein christlicher Atheismus hingegen soll ein Atheismus ohne Hintertür sein, ein Denken, das die Abwesenheit des großen Anderen nicht nur theoretisch behauptet, sondern existenziell anerkennt.

In dieser Perspektive gewinnt auch die Moral eine neue Kontur, denn wenn es keinen Gott gibt, der am Ende Gerechtigkeit herstellt oder Leid kompensiert, dann kann man sich nicht darauf verlassen, dass das Gute letztlich siegt, sondern man muss akzeptieren, dass es keine metaphysische Versicherung gibt, die für Ausgleich sorgt; und gerade deshalb wird Verantwortung radikal, weil sie nicht mehr durch göttliches Gebot oder jenseitige Belohnung gestützt ist, sondern allein aus der Beziehung der Menschen zueinander hervorgeht. Die christliche Nächstenliebe erscheint hier nicht als Erfüllung eines göttlichen Befehls, sondern als praktische Konsequenz einer Welt ohne transzendente Garantie.

Dass Žižek mit dieser Position eine beinahe 1-zu-1 Kopie von Georges Batailles Interpretation des atheistischen Christentums wiedergibt, ist vielleicht nicht zufällig, denn auch Bataille versteht den „Tod Gottes“ nicht als simplen Triumph des aufgeklärten Unglaubens über eine naive Religion, sondern als ein innerreligiöses Ereignis, das die religiöse Struktur selbst transformiert und eine endgültige Leerstelle hinterlässt, die nicht durch neue Sicherheiten gefüllt werden kann. Wie Žižek verortet Bataille den Beginn des Atheismus gerade in Hegels Christentum und zeigt, dass Hegel mit seiner Phänomenologie des Geistes nichts anderes beschreibt als Gottes Tod. Für Bataille wie für Žižek bedeutet der Tod Gottes nicht die Befreiung in eine harmonische, rational geordnete Welt, sondern die Konfrontation mit einer offenen, unsicheren Existenz, in der der Mensch ohne transzendente Absicherung lebt und gerade darin seine Freiheit wie auch seine Verletzlichkeit erfährt.

Wenn man also Žižeks „christlichen Atheismus“ in einem etwas ironischen, aber dennoch präzisen Bild zusammenfassen wollte, könnte man sagen, dass hier das Christentum selbst zur Sprengladung wird, die die traditionelle Gottesvorstellung in die Luft jagt, und dass der Atheismus nicht als äußerer Gegner auftritt, sondern als das Ergebnis dieser Explosion selbst. Das Erstaunliche besteht währenddessen darin, dass nach der Detonation nicht bloß ein nihilistisches Trümmerfeld zurückbleibt, sondern die Möglichkeit einer neuen Form von Gemeinschaft, Verantwortung und Solidarität, die gerade aus der Einsicht lebt, dass es keinen letzten kosmischen Garanten gibt. Žižek erscheint wie Bataille als immanenter Denker des Christentums und kritisiert das Christliche nie von außen. Christlich bleibt sein Atheismus insofern, als er sich auf das Ereignis des Kreuzes und dessen radikale Bedeutung beruft; atheistisch ist er, weil er jede Vorstellung eines allmächtigen, transzendenten Gottes verwirft; und paradox ist er deshalb, weil er behauptet, dass das Christentum selbst – wenn man es ohne metaphysische Beschönigung liest – bereits die Wahrheit des Atheismus in sich trägt und diese Wahrheit als Kernbotschaft in die Welt trägt.

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