Was ist philosophische Praxis im Alltag?

Philosophie wird oft als etwas Abstraktes verstanden: als Theorien, Texte, historische Systeme. Doch ursprünglich war Philosophie etwas anderes – eine Praxis des Lebens. Sie stellte nicht zuerst die Frage „Was ist wahr?“, sondern „Wie soll ich leben?“.

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Philosophische Praxis knüpft an diese ursprüngliche Bedeutung an. Sie versteht Philosophie nicht als bloßes Denken über die Welt, sondern als bewusste Arbeit am eigenen Denken, Fühlen und Handeln.

Philosophie als Lebensform

In der Antike war Philosophie keine akademische Disziplin, sondern eine Lebensweise. Sokrates stellte Fragen auf dem Marktplatz, die Stoiker übten Gelassenheit im Alltag, Epikur dachte über Lust, Freundschaft und Maß nach, und die Skeptiker trainierten das Aussetzen vorschneller Urteile. Nicht zuletzt war Platon der Vorläufer der heutigen akademischen Philosophie, weil er Konzepte über den Geist, das Denken, den Kosmos und das Leben vorstellte.

Philosophie bedeutete:

  • Selbstprüfung statt Wissensanhäufung
  • Übung statt bloßer Erkenntnis
  • Haltung statt Dogma

Moderne philosophische Praxis

Im 20. Jahrhundert wurde dieser Ansatz neu belebt. Daraus entstand die philosophische Praxis im heutigen Sinn: Gespräche mit professionellen Philosoph/innen, die Menschen bei existenziellen, ethischen oder lebenspraktischen Fragen begleiten.

Typisch für diese Form sind:

  • philosophische Gespräche statt Therapie
  • Klärung von Begriffen, Überzeugungen und Werten
  • sokratisches Fragen und Hebammentechnik (der Gesprächspartner verhilft wie bei einer Geburt zu eigenen Einsichten)
  • dient nicht der Diagnose oder Heilung von psychischer Belastung

Die klassische philosophische Praxis ist dialogisch: Sie lebt vom Gegenüber, vom Gespräch, von der gemeinsamen Untersuchung von Denkweisen.

Ein neuer Ansatz: Philosophische Praxis im Alltag – ohne professionelle Begleitung

Doch philosophische Praxis muss nicht zwangsläufig an ein Gespräch gebunden sein. Wenn Philosophie eine Lebenspraxis ist, dann kann sie auch im eigenen Alltag stattfinden, unabhängig von Beratung, Coaching oder institutionellem Rahmen. Hier setzt ein neuer, ergänzender Ansatz an: philosophische Praxis als selbständige Alltagsübung.

Was heißt das konkret?

Philosophische Praxis im Alltag bedeutet, das eigene Leben zum Gegenstand des Denkens zu machen – systematisch, bewusst und regelmäßig. Nicht in der Art, dass man neue große Theorien entwirft, sondern in der Anwendung philosophischer Einsichten als Akt in den Alltag. Dazu eignet sich die Philosophie deswegen, weil sie selbst eine Diszpilin ist, die die folgenden methodischen Schritte befolgt:

  • innehalten
  • unterscheiden
  • befragen
  • klären
  • reflektieren

1. Selbstbefragung

Philosophische Praxis im Alltag könnte mit folgenden Fragen beginnen:

  • Warum reagiere ich so?
  • Was halte ich hier für selbstverständlich?
  • Welche Werte stehen hinter meiner Entscheidung?
  • Woher kommen meine Sehnsüchte oder Bedürfnisse?
  • Warum glaube ich etwas, woher kommt die Überzeugung?

2. Begriffsarbeit im Alltag

Viele Konflikte, die wir erleben, entstehen aus unklaren Begriffen: Was meine ich eigentlich mit „Erfolg“, „Verantwortung“, „Freiheit“? Warum haben bestimmte Werte für mich eine größere Bedeutung als für andere? Meinen wir vielleicht das Gleiche und stehen uns begrifflich und sprachlich im Weg? Über all diese Fragen kann man mit philosophischer Betrachtung sehr gut sinnieren. Philosophische Praxis heißt daher auch, die eigenen Worte nicht nur zu prüfen, sondern auch ernst zu nehmen.

3. Unterscheidungen treffen

Ein zentrales philosophisches Werkzeug ist das Unterscheiden zwischen:

  • Gefühl oder Bewertung?
  • Wunsch oder Bedürfnis?
  • Fakt oder Interpretation?

4. Übungen statt bloßer Einsicht

Eine einzige wirkliche Erkenntnis kann transformierend wirken. Ein einziger Gedanke kann einen Menschen plötzlich verändern. Das kenne ich von meinem Leben. Doch lässt sich dieser Moment auch wiederholen? Nicht alle Menschen sind Berufsphilosophen und diese transformative Leistung der philosophischen Disziplin ist glücklicherweise nicht nur den „Experten“ überlassen – alle Menschen können sich der Vorzüge der Philosophie bedienen, sofern sie Zeit und Muße haben, sich damit zu beschäftigen. Mit speziellen Übungen können wir transformative Einsichten verstärken, um langfristig eine stabile und innere Haltung zu entwickeln, z. B. durch:

  • tägliche Reflexion
  • bewusste Perspektivwechsel
  • Beobachtung eigener Reaktionsmuster

5. Entwicklung einer inneren Haltung

Philosophische Praxis zielt nicht auf Optimierung, sondern auf Orientierung und die Entwicklung einer inneren Haltung:

  • Gelassenheit im Umgang mit dem Unkontrollierbaren
  • Verantwortlichkeit für das eigene Denken
  • Bereitschaft zur Selbstkorrektur

3. Was die Philosophische Praxis im Alltag nicht ist

In einer Zeit ständiger Beschleunigung, permanenter Meinungen und äußerer Reize bietet philosophische Praxis im Alltag etwas Seltenes: innere Klärung, Wahrheit, Authentizität, nicht zuletzt wenigstens mit sich selbst.

Philosophische Praxis ist

  • nicht therapeutisch, sondern begleitend
  • nicht belehrend, sondern fragend
  • nicht anmaßend, sondern ermöglichend
  • nicht autoritär, sondern selbstverantwortlich
  • nicht exklusiv, sondern inklusiv
  • nicht religiös, sondern authentisch und existenziell

In der philosophischen Praxis sind wir in erster Linie auf uns selbst geworfen – und gerade deshalb hilft sie, uns selbst als eine wichtige Instanz in unserem eigenen Leben zu ergründen, zu verstehen und zu prüfen. Ein Leitsatz könnte lauten: Prüfe dich selbst, bevor es andere ständig tun. Verstehe dich selbst, bevor dir andere glaubhaft machen wollen, wer oder was du bist. Je näher du an dir selbst dran bist, desto näher bist du auch an anderen. Mit Verständnis und Wohlwollen, zugleich mit genügend kritischer Distanz, fähig zu unterscheiden zwischen wahrscheinlichen Deutungen und bloßen Zuschreibungen, zwischen eigenen Überzeugungen und fremden Erwartungen.

So wird philosophische Praxis zu einer Schule der Selbstverantwortung. Sie stärkt nicht das Ego, sondern die gerechte Urteilskraft; nicht die Gewissheit, sondern die Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Wer sich selbst prüft, muss weniger verteidigen. Wer sich selbst versteht, kann anderen offener begegnen – ohne sich in Vorurteilen zu verlieren.

Philosophische Praxis bedeutet in diesem Sinne nicht Rückzug aus der Welt, sondern eine vertiefte Weise, in ihr anwesend zu sein.

Dazu passt auch: >>> Philosophie vs. Psychologie – Was ist der Unterschied?

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