Wie ein Glas Wasser Gott beschreibt – Oder: Was trägt uns überhaupt?
Gibt es Gott – oder zumindest etwas, das allem zugrunde liegt? Diese Frage steht im Zentrum der Arbeit von Alex O’Connor, einem der bekanntesten jungen Philosophie-YouTuber der Gegenwart und Host des Podcasts Within Reason.


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Früher bezeichnete er sich selbst als „edgy atheist“, also als polemischen Religionskritiker. Heute ist sein Ansatz deutlich differenzierter: Er nimmt religiöse Argumente ernst, ohne sich einer bestimmten Tradition zu verschreiben. O’Connor ist also weder klassischer Atheist noch gläubiger Theist. Er nimmt eine philosophisch fundierte Position zwischen Skepsis und Offenheit ein.
Wer ist Alex O’Connor?
Alex O’Connor ist ein britischer Philosophie-YouTuber, Podcaster und öffentlicher Intellektueller. Bekannt wurde er durch tiefgehende Gespräche über Religion, Ethik, Sinn, Nihilismus und Gott – oft mit renommierten Philosophen, Theologen und Wissenschaftlern. Seine Stärke liegt darin, Argumente fair darzustellen, auch dann, wenn er ihnen am Ende nicht zustimmt.
Das stärkste Argument für Gott: Die erste Ursache – neu gedacht
O’Connor hält das Erste-Ursache-Argument für das stärkste philosophische Argument zugunsten der Existenz Gottes – allerdings nicht in seiner populären, vereinfachten Form.
Zwei Arten von Kausalität
Er unterscheidet zwischen zeitlicher (horizontaler) Kausalität, bei der Ursache auf Ursache in der Zeit folgt (z. B. Dominosteine, Eltern und Kinder), und hierarchischer Kausalität, bei der Ursachen im hier und jetzt gleichzeitig wirken.
Die Glas-Metapher als fundamentaler Grund
Alex O’Connor verwendet das Beispiel eines mit Wasser gefüllten Glases, um eine zweite Form der Kausalität zu veranschaulichen:
Wir stellen uns ein Glas mit Wasser vor: Wie wir sehen, wird das Wasser vom Glas gehalten. Das Glas wiederum wird von einer Hand gehalten. Die Hand wird vom Arm gehalten. Der Arm wird von der Schulter gehalten. Die Schulter vom Körper. Der Körper wird vom Stuhl gehalten. Der Stuhl vom Boden usw.
Alex zeigt in seinem Glas-Beispiel, dass keines dieser Dinge aus sich heraus eine erste kausale Kraft hat, denn jede Ebene leiht ihre Fähigkeit, etwas zu halten, von einer tieferen Ebene. Daraus folgt:
Wenn alles nur geliehene kausale Kraft besitzt, dann muss es etwas Fundamentales geben, so Alex, das selbst nicht mehr leiht – sondern trägt.
Diese Ursache, so spekuliert er weiter, wirkt nicht nur am Anfang, sondern erhält das Universum ständig im Sein.
Alex verneint die Aristotelische Auffassung von Gott als „unbewegter Beweger“ und Erste Ursache, die das Universum vor Milliarden von Jahren angestoßen habe. Seiner Auffassung nach müsse man sich Gott eher als etwas vorstellen, das das Universum kontinuierlich aufrechterhält.
Das Argument führt zu der Idee eines notwendig existierenden, fundamentalen Prinzips – einer ersten, anhaltenden Ursache, die nie aufgehört hat, eine Erste-Ursache zu sein – eher ein Träger als ein Beweger.
Reicht das schon für den Gott der Religionen?
Nein, sagt O’Connor. Dieses Argument zeigt nicht automatisch, dass diese erste Ursache persönlich, gut oder liebend ist oder sich für Menschen interessiert.
Um das zu begründen, brauche es weitere philosophische Schritte, etwa bei Thomas von Aquin oder Aristoteles. Dort landet man bei einer immateriellen, zeitlosen, raumlosen Ursache, die man plausibel „Gott“ nennen kann – aber nicht muss.
O’Connor betont, dass es kein einzelnes Gottesargument gibt, sondern nur eine kumulative Fallführung.
Das stärkste Argument gegen Gott: Das Problem des Leidens
So offen O’Connor für metaphysische Argumente ist – ebenso ernst nimmt er das stärkste Gegenargument: das Leid.
Evolution und unvorstellbares Leiden
Das Leben auf der Erde entstand durch Evolution via natürlicher Selektion. Diese Selektion beruhte auf Überleben der Stärksten, Tod, Krankheit, Konkurrenz und Milliarden Jahre menschliches, tierisches Leid. 99,9% aller Arten sind ausgestorben und noch heute sterben Tiere und Menschen.
Wenn Gott allmächtig und liebend ist und dieses System bewusst gewählt hat, dann wirft das schwerwiegende Fragen auf. Besonders problematisch sind für ihn das unermessliche Tierleid. Gerade Tiere haben keinerlei Hoffnung auf Erlösung oder Sinn.
Kein logischer Widerspruch – aber ein starkes Unbehagen
O’Connor sagt klar: Dieses Argument widerlegt Gott nicht logisch. Aber es macht einen liebenden, allgütigen Gott schwer verständlich.
Für viele Menschen ist das emotional und philosophisch das überzeugendste Gegenargument.
Zwischen Theismus, Deismus und Atheismus
O’Connor lehnt den klassischen Deismus ab – also die Idee eines Gottes, der das Universum erschafft und sich dann zurückzieht.
Wenn es einen Gott gibt, so O’Connor, dann muss er jetzt existieren und jetzt tragen.
Seine bevorzugte Haltung ist eine Form von philosophischem Agnostizismus:
Ich glaube, dass es möglicherweise etwas Fundamentales gibt – aber ich weiß nicht, was es ist.
Diese Haltung teilt er sowohl mit offenen Gläubigen als auch mit reflektierten Atheisten.
Fazit: Ernsthaft denken statt einfache Antworten
Alex O’Connor steht für eine seltene Position im öffentlichen Diskurs:
- offen für religiöse Argumente
- kritisch gegenüber religiösen Gewissheiten
- respektvoll gegenüber Zweifel
Sein Ansatz ist nicht apologetisch, sondern explorativ und auf kritische Selbstprüfung ausgerichtet. Jenseits von naivem Glaubensgehorsam und ebenso unreflektiertem, dogmatischem Atheismus eröffnet sich ein begrifflicher Raum für ernsthafte philosophische Suche, in der Zweifel, Offenheit und intellektuelle Infragestellung ihren legitimen Platz haben.
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