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Wie Frankreichs philosophische Elite 1977 Pädophilie befürwortete

In den späten 1970er Jahren, auf dem Höhepunkt einer intellektuellen und gesellschaftlichen Umbruchphase in Frankreich, unterzeichneten einige der bedeutendsten Denker ihrer Zeit Petitionen, die heute kaum fassbar erscheinen. Namen, die bis heute als Säulen moderner Philosophie gelten, tauchen in Dokumenten auf, die eine Lockerung oder sogar Abschaffung von Altersgrenzen im Sexualstrafrecht forderten – einschließlich solcher, die Minderjährige schützen sollten.
Was damals als radikale Kritik an staatlicher Repression verstanden wurde, erscheint aus heutiger Perspektive als ein erschreckendes Beispiel dafür, wie weit theoretische Ideologien sich von realen Schutzbedürfnissen entfernen können.
Die Petitionen: Mehr als ein einmaliger Ausrutscher
Entgegen einer verbreiteten Annahme handelte es sich nicht um einen isolierten Vorfall. Zwischen 1977 und 1979 erschienen mehrere Petitionen und offene Briefe in großen französischen Medien wie Le Monde und Libération.
Die erste, im Januar 1977 veröffentlichte Petition, reagierte auf einen konkreten Strafprozess gegen Männer, die sexuelle Beziehungen zu 12- bis 14-jährigen Jugendlichen gehabt hatten. Die Unterzeichner kritisierten die Untersuchungshaft als unverhältnismäßig und stellten grundsätzlich die Legitimität der strafrechtlichen Verfolgung infrage.
Eine zweite, im Mai desselben Jahres an das Parlament gerichtete Petition, ging weiter. Sie forderte nicht nur eine Reform des Sexualstrafrechts, sondern implizierte auch die Infragestellung bestehender Altersgrenzen – unter dem Vorwand, diese seien Ausdruck repressiver und inkonsistenter Moralvorstellungen.
1979 folgte ein weiterer Text, der noch radikaler war und die Verteidigung eines Mannes einschloss, der sexuelle Kontakte mit sehr jungen Mädchen gehabt hatte. Spätestens hier zeigte sich, wie weit Teile dieser Bewegung bereit waren zu gehen.
Die Unterzeichner: Eine Elite unter sich
Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Who’s Who der französischen Intellektuellen-Landschaft. Zu den wichtigsten Namen gehörten:
- Michel Foucault
- Gilles Deleuze
- Félix Guattari
- Jean-Paul Sartre
- Simone de Beauvoir
- Jacques Derrida
- Jean-François Lyotard
- Louis Althusser
- Roland Barthes
Diese breite Beteiligung ist entscheidend: Es handelte sich nicht um eine Randerscheinung, sondern um ein Phänomen innerhalb der kulturellen und akademischen Elite. Gleichzeitig ist ebenso wichtig festzuhalten, dass es auch Gegenstimmen gab. Einige prominente Intellektuelle verweigerten die Unterstützung ausdrücklich, was zeigt, dass die Debatte auch damals umstritten war. Die meisten dieser Prominenten waren Frauen: Marguerite Duras oder Hélène Cixous.
Der ideologische Hintergrund: Befreiung um jeden Preis?
Um diese Episode zu verstehen, muss man den Kontext der Zeit betrachten. Nach den Studentenprotesten von 1968 war Frankreich geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Familie, Schule, Gefängnisse und das Rechtssystem wurden zunehmend als Instrumente sozialer Kontrolle interpretiert.
In diesem Klima entwickelte sich eine radikale Vorstellung von Freiheit – insbesondere sexueller Freiheit. Viele Intellektuelle betrachteten Moral nicht als universelles Prinzip, sondern als Produkt von Machtverhältnissen. Gesetze wurden nicht als Schutzmechanismen verstanden, sondern als Werkzeuge der Unterdrückung.
Einige zentrale Denker argumentierten, dass selbst grundlegende Kategorien wie „Zustimmung“ nicht objektiv seien, sondern gesellschaftlich konstruiert. Daraus wurde teilweise abgeleitet, dass auch Kinder nicht pauschal als unfähig zur Zustimmung betrachtet werden dürften.
Diese Argumentation führte zu einem gefährlichen Verlust von echter Moral: der Ignoranz gegenüber realen Machtasymmetrien und den tatsächlichen Schutzbedürfnissen von Minderjährigen.
Zwei zentrale Beispiele: Foucault und Deleuze
Die zwei wohl bekanntesten Denker sind Foucault und Deleuze. Foucault wird in Frankreich häufig in Schutz genommen, da er innerhalb der intellektuellen Elite nach wie vor Ansehen und Reputation genießt. Nach Angaben seiner Schützlinge war Foucault zunächst gegen die Petition und unterschrieb die erste Petition offenbar nicht, beteiligte sich jedoch an der zweiten.
Michel Foucault: Zweifel – und dennoch Beteiligung
Michel Foucault näherte sich der Frage also nicht mit naiver Zustimmung, sondern mit theoretischer Skepsis. Für ihn war das Strafrecht kein neutraler Schutzmechanismus, sondern Teil eines Systems von Macht und Kontrolle. Auch das Konzept der „Einvernehmlichkeit“ betrachtete er als problematisch, weil es sich juristisch kaum eindeutig bestimmen lasse.
Diese Überlegungen führten bei Foucault durchaus zu Bedenken gegenüber vereinfachten Positionen. Er erkannte, dass Fragen von Sexualität und Macht komplex sind und nicht einfach durch gesetzliche Kategorien geregelt werden können.
Doch trotz dieser Zweifel beteiligte er sich an der Petition.
Gerade darin liegt die Ambivalenz seiner Rolle: Ein Denker, der die Problematik von Machtverhältnissen analytisch durchdrang, unterstützte zugleich eine Initiative, die reale Machtasymmetrien – insbesondere zwischen Erwachsenen und Kindern – nicht ausreichend berücksichtigte.
Aus heutiger Sicht erscheint dies als ein Bruch zwischen theoretischer Sensibilität und politischer Konsequenz.
Gilles Deleuze: Entgrenzung ohne spätere Korrektur
Gilles Deleuze vertrat eine radikalere theoretische Perspektive. In seinem Denken – insbesondere in Zusammenarbeit mit Félix Guattari – wird „Begehren“ als produktive und grundsätzlich freie Kraft verstanden, die durch gesellschaftliche Normen unterdrückt wird.
Aus dieser Sicht erscheint jede Einschränkung von Sexualität als potenziell repressiv. Staatliche Regeln, moralische Grenzen und traditionelle Institutionen werden als Mechanismen der Kontrolle interpretiert. Diese Haltung erklärt, warum Deleuze die Petition unterstützte.
Doch im Unterschied zu Foucault zeigt sich bei ihm ein anderes Problem: Es fehlt nicht nur an einem klaren Schutzkonzept – sondern auch an späterer Selbstkorrektur.
Das Thema verschwindet aus seinem Werk, ohne dass er seine damalige Position öffentlich reflektiert oder revidiert. Er nahm die Problematik letztlich stillschweigend hin, ohne eine erkennbare Korrektur vorzunehmen.
Das Schweigen danach
Bemerkenswert ist nicht nur, dass diese Positionen vertreten wurden, sondern auch, wie wenig sie später aufgearbeitet wurden. Kaum einer der prominenten Unterzeichner hat seine damalige Haltung öffentlich revidiert. Stattdessen verschwand das Thema weitgehend aus ihren späteren Arbeiten.
Erst Jahrzehnte später, insbesondere im Zuge neuer Debatten über sexuellen Missbrauch und Machtstrukturen, wurde diese Episode wieder stärker beleuchtet – und zunehmend kritisch bewertet.
Wer hat eigentlich nicht unterschrieben?
Mir ist positiv aufgefallen, dass der – gerade zu dieser Zeit noch lebende – psychoanalytische Denker Jacques Lacan, der auch zur französischen Elite zählt, die Petition nicht unterschrieben hat. Lacan war stets ein Quergänger, der sich weder dem linken noch dem konservativen Spektrum vollständig zuordnen lässt. Sein tieferes, psychoanalytisches Wissen über die männliche Subjektivität hätte ihn mit Sicherheit davon abgehalten, so eine Petition zu unterschreiben.
In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant zu wissen, ob Lacans naher Freund, Georges Bataille, mit dessen Ex-Frau Lacan dann auch verheiratet war, diese Petition unterschrieben hätte. Die poststrukturalistische Elite, insbesondere Philosophien von Foucault und Deleuze, bauten immerhin in vieler Hinsicht auf Batailles Ideen auf. Als Bataille-Forscherin gehe ich mit sehr großer Sicherheit davon aus, dass er wie Lacan diese Petitionen nicht unterzeichnet hätte.
Wieso? Gerade Bataille war es im hohen Maße bewusst, dass dem Begehren Grenzen gesetzt werden müssen, weil es maßlos und destruktiv ist. Bataille hat Grenzen nie verneint, sondern sie als notwendige Konstitutionsbedingungen für den Selbstwerdungsprozess des Menschen vorausgesetzt. Eine Petition, die eine Aufhebung von Grenzen, gerade gegenüber Minderjährigen gefordert hätte, hätte er aufgrund seiner kritischen, sehr ehrlichen Wahrnehmungen über die männliche Subjektivität und des im erotischen Begehren enthaltenen Gewaltaspekts nicht befürwortet.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass Gilles Deleuze sich gerade nicht für Bataille erwärmen konnte und teils sogar versuchte, ihn in gewisser Weise zu diskreditieren. Dies lässt sich mit Rückblick auf die Petitionen besser verstehen: Bataille spricht in seiner Theorie ins Gewissen – er erinnert daran, dass grenzenüberschreitendes Begehren stets auch in die Grenzen anderer hineinwirkt und dass sich diese dunkle Seite des Begehrens durch intellektuelle Wunschvorstellungen nicht beschönigen lässt. Für Bataille wäre diese Pädophilie-Initiative deshalb auch ein Paradebeispiel für intellektuelle Totalverblendung.




