„Wir sind keine menschlichen Wesen“ – Derek Parfits Infragestellung der Identität

Alle kennen Richard David Prechts populärwissenschaftliches Buch, das sich philosophisch mit der Frage nach dem Selbst auseinandersetzt. Der Titel „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ erreichte in Rekordgeschwindigkeit die Bestsellerlisten. Doch neben diesem Bestseller liefert auch der britische Philosoph Derek Parfit einen lesenswerten Beitrag zur Frage, was personale Identität bedeutet - und ob sie überhaupt das ist, was zählt.

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Mit der provokanten These „Wir sind keine menschlichen Wesen“ behauptet der mittlerweile verstorbene Moralphilosoph Derek Parfit nicht, dass wir keine biologischen Menschen seien, sondern dass unser Selbst nicht mit einem festen, substantiellen Ich identisch ist. Nach Parfit besteht eine Person nicht aus einer unveränderlichen Essenz, sondern aus einem fortlaufenden Bündel psychologischer und physischer Prozesse. Entscheidend für das, was wir gewöhnlich als „Überleben“ verstehen, ist daher nicht die numerische Identität einer Person, sondern die psychologische Kontinuität und Verbundenheit über die Zeit hinweg.

Derek Parfit hat mit seinem Hauptwerk Reasons and Persons eine Theorie vorgelegt, die die Frage nach der personalen Identität und des Überlebens radikal neu beantwortet. Parfit vertritt die These, dass personale Identität nicht das ist, was letztlich zählt. In diese Theorie sind auch moralische Implikationen eingebunden.

1. Das klassische Problem personaler Identität

Traditionell wird das Problem personaler Identität als eine Frage nach notwendigen und hinreichenden Bedingungen formuliert: Unter welchen Bedingungen ist eine Person zu Zeitpunkt t2 dieselbe Person wie zu Zeitpunkt t1? Diese Fragestellung setzt bereits voraus, dass Identität etwas Eindeutiges, Alles-oder-Nichts-Artiges ist. Entweder eine Person ist identisch mit einer früheren Person, oder sie ist es nicht.

In der Philosophiegeschichte wurden verschiedene Antworten entwickelt. 1. Substanztheorien, etwa bei Platon oder Descartes, verorten personale Identität in einer immateriellen Seele, die über alle Veränderungen hinweg gleich bleibt. 2. Körpertheorien, die besonders in materialistischen Ansätzen vertreten werden, knüpfen Identität an die Kontinuität des menschlichen Körpers oder zumindest des Gehirns. 3. Psychologische Theorien, prominent vertreten durch John Locke, betonen dagegen Gedächtnis, Erinnerungen, Bewusstsein und mentale Eigenschaften als entscheidende Kriterien.

Parfit kritisiert alle drei Ansätze. 1. Der Körper allein genügt nicht, um persönliche Kontinuität zu garantieren; 2. eine Seele ist empirisch unbegründet; 3. Erinnerungen sind oft unvollständig oder fehlerhaft. Parfit argumentiert weiter, dass es das Faktum der Identität nicht geben müsse, um unser Überleben und unsere moralischen Intuitionen zu erklären.

2. Kritik an der Seelen- und Substanztheorie

Parfit lehnt Seelentheorien entschieden ab. Sein Hauptargument ist weniger, dass eine Seele unmöglich sei, sondern dass sie philosophisch nutzlos ist. Selbst wenn es eine immaterielle Seele gäbe, könnten wir niemals feststellen, ob dieselbe Seele zu verschiedenen Zeitpunkten fortbesteht. Unsere alltäglichen und moralischen Praktiken würden dadurch nicht besser erklärt.

Darüber hinaus kritisiert Parfit, dass Seelentheorien Identität zu einem völlig verborgenen Faktum machen. Wenn alles, was ich über mich weiß – meine Erinnerungen, meine Überzeugungen, meine Charakterzüge – bestehen bleibt, wäre es dennoch denkbar, dass „meine“ Seele ausgetauscht wurde. Eine solche Möglichkeit, so Parfit, würde unsere Intuitionen über Verantwortung, Schuld und Selbstsorge untergraben. Eine Theorie, die Identität von etwas prinzipiell Unzugänglichem abhängig macht, kann daher nicht erklären, warum Identität für uns praktisch relevant sein sollte.

3. Psychologische Kontinuität und Verbundenheit

Stattdessen wendet sich Parfit der psychologischen Dimension zu. Zentral sind für ihn die Begriffe der psychologischen Verbundenheit und der psychologischen Kontinuität. Psychologische Verbundenheit bezeichnet direkte mentale Beziehungen zwischen zwei Zeitpunkten, etwa wenn eine Person sich an frühere Erlebnisse erinnert, frühere Absichten weiterverfolgt oder stabile Charaktereigenschaften beibehält. Diese Beziehungen sind nicht punktuell, sondern vielfältig und überlappend.

Psychologische Kontinuität liegt vor, wenn über längere Zeiträume hinweg eine Kette solcher Verbundenheiten besteht. Entscheidend ist dabei, dass diese Beziehungen graduell sind. Es gibt keine scharfe Grenze, ab der sie vollständig vorhanden oder vollständig abwesend sind. Eine Person kann sich stark, schwach oder kaum noch mit ihrem früheren Selbst verbunden fühlen.

Parfit betont, dass genau diese Graduierung besser zu unseren tatsächlichen Erfahrungen passt als eine strikte Identitätslogik. Wir wissen aus Fällen von Demenz, Amnesie oder drastischer Persönlichkeitsveränderung, dass die Verbindung zum früheren Selbst schwächer werden kann, ohne vollständig zu verschwinden.

4. Der Reduktionismus

Parfit bezeichnet seine eigene Position als reduktionistisch. Reduktionismus bedeutet hier, dass es keine zusätzlichen Tatsachen über personale Identität gibt, die über physische und psychologische Tatsachen hinausgehen. Alles, was wahr ist über Personen und ihr Fortbestehen, lässt sich vollständig durch Tatsachen über Gehirne, Körper, mentale Zustände und deren Beziehungen erklären.

Das Selbst ist nach dieser Auffassung kein eigenständiges metaphysisches Objekt. Es ist vielmehr ein komplexes Muster von Zuständen und Relationen, vergleichbar mit einem Fluss oder einer Nation. Auch ein Fluss bleibt derselbe, obwohl sich ständig andere Wassermoleküle in ihm befinden. Ebenso bleibt eine Person über die Zeit hinweg bestehen, obwohl sich ihre Bestandteile kontinuierlich verändern.

Dieser reduktionistische Ansatz hat eine entdramatisierende Wirkung: Er nimmt der Identitätsfrage ihren metaphysischen Ernst, ohne unsere praktischen Anliegen zu leugnen.

5. Gedankenexperimente als Prüfsteine unserer Intuitionen

Parfit ist besonders bekannt für seine Gedankenexperimente, mit denen er zeigt, dass unsere Intuitionen über Identität inkonsistent sind.

5.1 Teletransportation

In einem Teletransporter wird der menschliche Körper vollständig zerstört, während an einem anderen Ort eine perfekte Kopie erzeugt wird. Diese Kopie verfügt über dieselben Erinnerungen, Überzeugungen, Pläne und Charakterzüge wie das Original. Intuitiv scheint es vernünftig zu sagen, dass die Person den Transport überlebt hat, auch wenn numerische Identität im strengen Sinn fraglich ist.

Parfit nutzt dieses Beispiel, um zu zeigen, dass das, was wir am Überleben schätzen, nicht die Erhaltung eines numerisch identischen Körpers ist, sondern die Fortsetzung psychologischer Eigenschaften.

5.2 Teilungsfälle

Noch problematischer sind Fälle der Teilung. Angenommen, das Gehirn einer Person wird in zwei funktionsfähige Hälften geteilt, die jeweils in einen neuen Körper transplantiert werden. Beide resultierenden Personen sind psychologisch kontinuierlich mit der ursprünglichen Person verbunden. Da Identität nicht eins-zu-zwei sein kann, folgt, dass die ursprüngliche Person mit keiner der beiden identisch ist – oder mit beiden, was logisch unmöglich ist.

Parfits Schluss ist radikal: Das Überleben dessen, was uns wichtig ist, kann auch dann gegeben sein, wenn Identität nicht erhalten bleibt. Nach der Teilung ist zwar nicht mehr die Identität gegeben, aber dafür immer noch psychologische Kontinuität und Relation der geteilten Person in beiden Hälften.

5.3 Doppelte Fortsetzung

Ein weiteres Beispiel: Es werden zwei Personen gleichermaßen aus einem Individuum herausgenommen. Auch in diesem Fall kann das Konzept der Identität nicht auf eine einzige festgelegt werden. Eine Person kann nicht mit zwei alternativen Personen identisch sein. Wenn jedoch beide Nachfolger psychologisch gleichermaßen aus der ursprünglichen Person hervorgehen, scheint es willkürlich zu behaupten, die ursprüngliche Person sei nur mit einer von beiden identisch oder mit keiner.

Parfit bezeichnet solche Szenarien als Fälle doppelter Fortsetzung. In ihnen scheitert der Identitätsbegriff daran, das zu erfassen, was tatsächlich geschieht. Zwar kann Identität nicht eindeutig fortbestehen, doch psychologische Verbundenheit besteht in beiden Fortsetzungen in hohem Maße. Beide Nachfolger erinnern sich an das frühere Leben, setzen Projekte fort und empfinden sich subjektiv als Fortsetzung derselben Person.

Der entscheidende Punkt ist: Aus Sicht der ursprünglichen Person gäbe es keinen rationalen Grund, eine der beiden Fortsetzungen gegenüber der anderen zu bevorzugen. Alles, was ihr wichtig ist, existiert in beiden weiter. Daraus folgert Parfit, dass Identität nicht das ist, was unser Überleben ausmacht. Überleben kann auch in Form doppelter Fortsetzung bestehen, selbst wenn Identität logisch ausgeschlossen ist.

Diese Einsicht bildet einen der stärksten Stützpfeiler von Parfits These, dass personale Identität kein fundamentales Faktum ist, sondern durch psychologische Relationen ersetzt werden sollte.

6. Identität ist nicht, was zählt

Aus diesen Überlegungen entwickelt Parfit seine zentrale These. Personale Identität ist nicht das, worauf es letztlich ankommt. Entscheidend sind vielmehr psychologische Kontinuität, Verbundenheit und die Fortsetzung unserer Projekte, Beziehungen und Werte.

Die Frage „Werde ich diese Person sein?“ verliert an Bedeutung, wenn alles, was mir wichtig ist, weiterexistiert. Identität wird zu einer leeren oder zumindest sekundären Frage.

7. Ethische Konsequenzen

Diese metaphysische Neubewertung hat tiefgreifende ethische Folgen. Wenn mein zukünftiges Selbst nicht durch eine tiefe metaphysische Identität mit mir verbunden ist, sondern nur durch graduelle psychologische Beziehungen, verliert radikaler Egoismus seine Grundlage. Meine Zukunft unterscheidet sich weniger stark von der Zukunft anderer Menschen.

Auch moralische Verantwortung lässt sich graduell verstehen. Je schwächer die psychologische Verbindung zwischen einem früheren und einem späteren Selbst ist, desto weniger plausibel erscheint es, uneingeschränkte Verantwortung zuzuschreiben. Parfit schlägt damit eine differenziertere Sicht auf Schuld und Strafe vor.

Schließlich unterstützt seine Theorie eine stärker unparteiische Moralauffassung. Wenn die Grenze zwischen mir und anderen metaphysisch weniger bedeutsam ist, wird es plausibler, das Wohl aller gleichermaßen zu berücksichtigen.

8. Kritische Gegenpositionen

Trotz ihrer Eleganz ist Parfits Theorie nicht unumstritten. Renommierte Philosophen haben seine Theorie aus verschiedenen Perspektiven kritisiert:

  • Bernard Williams betont die Verkörperung: Das Selbst sei nicht nur psychologische Zustände, sondern untrennbar mit dem körperlichen Erleben verknüpft. Ein bloß psychologisches Modell vernachlässige die Bedeutung des physischen Seins.
  • Eric Olson vertritt den Animalismus: Identität beruht auf der biologischen Kontinuität des Organismus. Psychologische Merkmale allein reichen nicht aus, um eine Person über die Zeit hinweg zu definieren.
  • Samuel Scheffler und T. M. Scanlon heben hervor, dass moralische Verantwortung, Schuldzuweisungen und soziale Praktiken ein stabiles Verständnis von Identität voraussetzen.
  • Charles Taylor argumentiert aus einer narrativen Perspektive: Das Selbst ist eine Geschichte, die wir uns über unser Leben hinweg erzählen. Ohne narrative Kontinuität bleibt das psychologische Bündel leer.
  • Harry Frankfurt betont die normative Dimension: Personsein ist eng mit der Identifikation mit Werten und Zielen verbunden, nicht allein mit Relationen oder Überzeugungen.

9. Fazit

Derek Parfits Theorie der personalen Identität stellt einen Wendepunkt in der modernen Philosophie des Selbst dar. Indem er zeigt, dass Identität kein tiefes metaphysisches Faktum ist, verschiebt er den Fokus von der Frage nach dem „Wer bin ich?“ hin zu der Frage nach dem „Was ist mir wichtig?“. Seine Antwort lautet: nicht Identität, sondern psychologische Kontinuität, Beziehungen und Werte. Diese Einsicht hilft, unser Selbstverständnis sowie unsere moralischen Intuitionen grundlegend zu überdenken – und macht Parfits Ansatz bis heute philosophisch außerordentlich fruchtbar.

WEITERLESEN: Das Rätsel des Nicht-Identitäts-Problem – Ist unsere moralische Intuition wahr?

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