Der Störenfried namens Geist: Eine Skizze zu Žižeks Geistbegriff

Slavoj Žižek gehört zu den wenigen zeitgenössischen Philosophen, die mit unverfrorener Selbstverständlichkeit Begriffe wiederbeleben, die viele längst im Archiv der Metaphysik vermuten: Wahrheit, Subjekt, Negativität – und eben Geist.

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Doch Žižek tut das nicht aus Treue zur Tradition. Sein Geistbegriff ist eine Zumutung, eine theoretische Achterbahnfahrt, die mehr mit Psychoanalyse als mit Esoterik zu tun hat. Um den Geistbegriff zu verstehen, muss man den Weg nach Žižek über drei Achsen verfolgen: Hegel, Lacan, und die marxistische Ideologiekritik.

1. Geist: Nicht im Besitz, sondern erfahrbar im Effekt

Žižek beginnt mit einer Provokation: Der Geist ist nicht das Innerlichste des Menschen, nicht der Ort souveräner Selbstpräsenz. Er ist nicht in unserem Besitz, es ist nichts, worüber das Subjekt verfügen könnte. Vielmehr ist Geist das, was uns widerfährt, was uns entgleitet, was uns in eine Struktur einspannt, die älter, umfassender und unheimlicher ist als jede persönliche Erfahrung.

Damit wendet Žižek sich gegen den kartesianischen Mythos eines selbsttransparenten Ichs. Geist ist für ihn nicht das Licht des Denkenden, sondern eine Art Riss im Sein, ein struktureller Defekt, der das Menschliche gerade dadurch ermöglicht, dass er es destabilisiert.

2. Hegel: Geist als Negativität

Žižeks wichtigste theoretische Bezugsfigur ist Hegel. Aus der Phänomenologie des Geistes übernimmt er weder die metaphysische Vollendung noch die teleologische Struktur, sondern die radikale Negativität des Geistes. Für Hegel ist Geist kein substantielles Etwas, sondern ein Prozess, in dem sich das Subjekt über sich selbst hinaus treibt, indem es seine eigenen Gewissheiten negiert.

Žižek radikalisiert diese Idee: Geist ist das Selbst, das sich ständig gegen sich selbst wendet, das sich nur über Widersprüche, Fehler, Risse konstituiert. Das harmonische, souveräne Bewusstsein ist eine Fiktion; der Geist existiert nur als instabiler Prozess.

3. Lacan: Das Subjekt als Spalt

Von Lacan übernimmt Žižek die entscheidende These, dass das Subjekt ein Effekt der Sprache ist – genauer: ein Effekt ihres Mangels, ihrer Brüche. Der Mensch ist kein autonomes Wesen, das Sprache benutzt; er ist ein Produkt der symbolischen Ordnung, die ihn „von außen her“ formt.

Damit erhält der Geist eine beinahe gespenstische Qualität: Er ist ein fremder Agent in uns, der durch sprachliche und kulturelle Strukturen spricht, die wir nie vollständig kontrollieren.

4. Marx: Ideologie als Geist-Gespenst

Darüber hinaus bezieht sich Žižek auf Marx – nicht im Sinne eines ökonomistischen Materialismus, sondern als Ideologiekritiker. Geist ist bei Žižek immer auch kollektiver Wahn, eine gesellschaftliche Fiktion, die Menschen unbewusst handlungsleitend prägt. Das macht seine Theorie gleichzeitig politisch und unruhig: Geist ist der Ort, an dem gesellschaftliche Strukturen in psychische Realitäten überspringen.

5. Geist als Störung: Žižeks Pointe

Aus diesen drei Traditionen – Hegel, Lacan, Marx – entsteht Žižeks eigene Figur des Geistes:

Geist ist Störung.

Nicht inneres Licht, sondern ein Hintergrund-Rauschen, eine Fehlfunktion, ein strukturiertes Unbehagen. Der Geist ist das, was in Naturprozess nicht aufgeht und als unerklärlicher Riss überhaupt Freiheit ermöglicht. Der Geist ist für ihn das Unheimliche in und an uns, das uns fremd und zugleich zutiefst vertraut ist. Der Geist ist somit eine paradoxe Figur: Er ist der Ort, an dem wir zugleich am weitesten von uns selbst entfernt und zugleich am stärksten wir selbst sind.

Žižek versteht die Störung und Fehlfunktion des Geistes nicht pathologisch im Sinne einer Krankheit. Vielmehr ist seine störende Statur darauf ausgerichtet, ständig im Clinch mit Natur und Kultur zu stehen – eine Art nie ruhende Irritation, welche uns ständig in einer ambivalenten Misere hält. Doch daraus, so Žižek, erwächst unsere Produktivität und Kreativität.

6. Warum dieser Geist für Menschen immer relevant ist

Žižek insistiert darauf, dass gerade unsere Gegenwart, die digitalisiert, hypermedial, ideologisch pluralisiert ist, ein Denken braucht, das Geist nicht als Substanz, sondern als Konfliktfeld begreift. Geist ist die Kraft, die uns zwingt, mit dem Nicht-Identischen, dem Unabgeschlossenen, dem Exzess zu leben.

In anderen Worten: Weil wir Menschen aufgrund des Geistes „Verrückte“ sind, und nicht einfach nur vernünftig, sind wir diese konfliktreichen Wesen geworden, die wir sind: stets politisch, ethisch, denkend – nicht im Sinne von Harmonie und Gleichklang, sondern im Sinne von Kampf. Kampf mit uns selbst, Kampf mit der Welt, Kampf mit den Symbolen und Ideologien, die uns formen.

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