Batailles Mystikbegriff ist vielschichtig und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf das Verständnis mystischer Erfahrung. Im Folgenden werden ausgewählte Aspekte meiner Dissertation vorgestellt, bevor abschließend eine Zusammenfassung seines neuartigen und mehrdimensionalen Mystikbegriffs erfolgt.

Mystik, Ritual, Opfer
Bataille bezieht sich in seinen Mystik-Analysen auf rituelle Praktiken traditioneller Stammes-Gesellschaften, wie sie in der ethnologischen Forschung beschrieben werden, in denen kollektive Rituale als Momente radikaler Grenzüberschreitung und gemeinschaftlicher Selbstauflösung fungieren. Seine Religionsthese enthält die Idee, dass das Mystische des Rituals sich weiterhin im individuellen Bewusstsein erhält. Wie seine Ausarbeitungen zeigen, werden in Ritualen soziale Regeln und Bindungen bewusst suspendiert, um durch die Überschreitung sozial definierter Grenzen eine intensive gemeinschaftliche Bindung zu stiften.
Die Mystik enthält bereits die Idee des Opfers. In ihrer historischen Dimension hatte die Opferhandlung eine zentrale religiöse Funktion: Sie stellte eine kollektiv inszenierte Umkehrung der profanen Ordnung in eine intime Ordnung dar. Diese rituelle Schaltstelle ermöglichte es Gemeinschaften, sich nicht durch die Einhaltung sozialer Regeln zu verbinden, sondern gerade durch deren temporäre Aufhebung. Wie Bataille zeigt, besteht der Sinn des Opfers darin, eine maximale Nähe zwischen Menschen herzustellen, indem die Dinge und Distanzen, die sie im Alltag voneinander trennen, aufgehoben werden. Dies geschieht symbolisch durch den „Tod“ der profanen Ordnung – jener funktionalen und gegenständlichen Welt, die die Menschen voneinander separiert und ihre Beziehungen durch Nutzen, Rollen und Zwecke strukturiert.
In diesem Sinne bildet die Mystik des Opfers den Kern religiöser Erfahrung. Bataille spricht hier von einem Verlust: dem Verlust der identitären und profanen Ordnung, in der Menschen sich über Funktionen, Besitz oder gesellschaftliche Rollen definieren. Erst in dieser Negation der funktionalen Ordnung eröffnet sich die Möglichkeit einer Erfahrung der Intimität, die für Bataille den eigentlichen Horizont des Religiösen darstellt.
Diese transgressive Aufhebung der profanen Ordnung ermöglicht nach Bataille eine Erfahrung von Kontingenz, die stärker verbindet als geteilte Normen und Nutzenbeziehungen. An die Stelle sozial geregelter Handlungen tritt im Ritual eine Bindung an das Ursprüngliche, Intime und Mythische. Während Caillois einen Rückgang des mythisch-rituellen zugunsten des Mystischen in der Moderne diagnostiziert, interpretiert Bataille diesen Wandel nicht als Verschwinden des Rituals, sondern als dessen Verlagerung: Die ritualtragende, mythische Kohäsion löst sich von äußeren kollektiven Inszenierungen und verdichtet sich im Bewusstsein des Individuums.
Das Mystische erscheint dabei als historischer Bewusstwerdungsprozess des Mythischen selbst und als eigentliche Verwirklichung des Religiösen. Mystische Erfahrung zielt weniger auf transzendente Jenseitsräume als auf eine veränderte Wahrnehmung der Welt, in der das Erlebte in einem neuen, bedeutungsvollen Licht erscheint. Während im rituellen Vollzug eine Umkehrung der Ordnung performativ vollzogen wird, ereignet sich diese Umkehrung in der modernen religiösen Erfahrung innerlich im Bewusstsein des Subjekts. Mystik ist daher für Bataille keine konfessionell gebundene Praxis, sondern die universelle Form religiösen Empfindens und Ausdruck einer souveränen Klarheit des Selbstbewusstseins.
Zentral für diese strukturelle Umordnung ist das Opfer, was das Ritual strukturell auszeichnet. Bataille versteht das Opfer als Sinnbild des Urreligiösen überhaupt, da es die innige Verbindung von Leben und Tod verkörpert. Als Gegenspieler der Produktivität bestimmt er den Verlust als konstitutives Moment des mystischen Prinzips.
Bataille betont immer wieder, dass während einer Opferung das „Ding“ getötet wird, stellvertretend für das eigene Gegenstandsbewusstsein – das Tier, das hergegeben wird, erhält sich weiter in seiner Heiligkeit. Der Tod gilt der Funktion, nicht dem Lebendigen. Dieser Mechanismus bildet sich nicht nur symbolisch, sondern auch empathisch im mystischen Bewusstsein selbst ab. Im Opfer wird die funktionsgebundene Ordnung negiert und eine andere Form von Sinn eröffnet, die sich als intimer und ursprünglicher erweist.
Als Dreh- und Angelpunkt religiöser Bewegungen tritt das Opfer jedoch in der Moderne nicht mehr in aller Klarheit hervor. Doch der heutige Rückblick auf die scheinbar alternativlose Inszenierung des Todes, etwa in der Form der rituellen Tiertötung, demonstriert eindrücklich, wie tragend die Bedeutung des Opfers historisch war. In seiner menschheitsgeschichtlichen Dimension lässt sich das Opferritual als universale Konstante religiöser Praxis kaum übersehen. Zugleich, so Bataille, bleibt das Intime des Opfers dunkel und unergründlich – gerade darin liegt seine religiöse Kraft.
Mit dem Opfer ist dabei stets ein tiefer liegender Aspekt des Menschseins berührt, da die rituelle Umkehrung der Ordnung unweigerlich das Gewissen des Menschen anspricht. Souveräne Subjekte erkennen ihre Mitschuld, wenn sie das eigene Leben und das der anderen auf gegenständliche Nutzbeziehungen reduzieren. Opferrituale erscheinen vor diesem Hintergrund als selbstverantwortende Praktiken, durch die das Ordnungsverhältnis zwischen intimer Existenz und Funktion symbolisch wiederhergestellt wird.
Sie entspringen dem Bewusstsein einer schuld- oder verfehlungsbehafteten Existenz und zielen darauf, eine als verloren empfundene Souveränität zurückzugewinnen. Das mystische Selbstbewusstsein weiß daher, dass es sein funktionales Bewusstsein aufgeben muss, um wahrhaft zu sich selbst zurückzufinden. Diese Funktion ist auch heute noch aktiv, nur nicht mehr in der Art der Opferpraktiken, sondern verdichtet und individualisiert im Bewusstsein – konkret in der mystischen Erfahrung, die Selbstversenkung und Selbstauflösung zum Ziel hat, ohne sich selbst je zu definieren.
Für Bataille zeigt sich in der Moderne und in der Abwesenheit eines Gottes die größte Möglichkeit, echte religiöse Erfahrungen zu machen. Diese zeichnet sich für ihn durch die Erfahrung des Unbestimmten und Unbekannten aus, die sich stets auf jene Dimensionen des Lebens bezieht, welche sich abseits etablierter und durchdefinierter Ordnungen ereignen.
Mystik als Reinform religiöser Erfahrung
Batailles Verständnis von Mystik entzieht sich einer konfessionsgebundenen oder traditionell-religiösen Einordnung. Mystik bezeichnet für ihn weder eine spezifische religiöse Technik noch eine marginale Sonderform religiösen Erlebens, sondern die »universelle Summe […] des religiösen Empfindens aller Zeiten«. In ihrer souveränen Gestalt ist Mystik für Bataille identisch mit der »Klarheit des Selbstbewusstseins«. Damit rückt Mystik in den Mittelpunkt seiner Religionstheorie und wird zugleich von jeder rein dogmatischen oder institutionellen Bindung gelöst.
Batailles kulturgeschichtlicher Zugang beschränkt sich daher nicht auf objektivierte Religionsformen. Sein besonderes Interesse gilt den innerlich verbleibenden religiös-mystischen Ausprägungen, insbesondere der christlichen und buddhistischen Mystik. Diese mystischen Innerlichkeitsströmungen versteht er als »unmittelbare Verwirklichung [und] Vollendung der Möglichkeiten der Religion […]«.
Im Unterschied zur institutionalisierten Religion zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie die klassische Transzendenzvorstellung intuitiv zurückweisen. Der christliche Mystiker strebt zwar die Vereinigung mit einem transzendenten Gott an, hebt diese Transzendenz jedoch in der Erfahrung der Immanenz zugleich wieder auf. Entsprechend begreift Bataille auch den Buddhismus als Religion der »Rückkehr zur Immanenz«. Diese Bewegung wird möglich, weil der Buddhist von einem moralisch-transzendenten Standpunkt ausgehend die Schwelle zur Immanenz überschreitet, indem er alles Weltliche und Dinghafte negiert – einschließlich seiner selbst als individueller Existenz.
In dieser Bewegung der Selbstaufhebung versteht Bataille jede mystische Erfahrung »im Sinne einer Art besonderer Erfahrung« als einen »Übergang vom Subjekt zum Nicht-Subjekt«. Der Tod erscheint dabei als zentrale Erfahrungsdimension des Subjekts, insofern mystische Religionen Tod und Verlust nicht rational aneignen, sondern durch intuitive Selbsterfahrung in der Form des Selbstverlusts erfahrbar machen.
Praktiken wie Meditation und Selbstversenkung bringen diese innere Gewalt der Religionen zum Ausdruck. Sowohl die buddhistische Lehre als auch die christliche Passionsmystik richten sich dabei gegen die Veräußerlichung religiöser Kräfte und wenden sich gegen deren Dogmatisierung und Objektivierung. Die Religionsgeschichte des Christentums macht diese Spannung zwischen Dogmatik und Mystik deutlich sichtbar.
Mystik und Ökonomie
Die historischen mystischen Erfahrungen – so isoliert und selbstbezüglich sie auch erscheinen – tragen vehemente Konsequenzen für ökonomische und gesellschaftliche Ordnungen. In den frühen mystischen Strömungen des Puritanismus bspw. führt die Negation der Welt nicht zur Auflösung der realen Dinge, sondern zu ihrer paradoxen Vermehrung. Da die Dinge nicht aktiv negiert, sondern in der Haltung der mystischen Entsagung ignoriert werden, bleiben sie erhalten und akkumulieren sich.
Bataille knüpft diese Beobachtung an Webers Diagnose der protestantischen Ethik, deren asketische Weltverneinung zugleich die Dynamik eines rationalisierten Wirtschaftssystems befördert. Die Anreicherung der Dinge wirkt gesellschaftlich problematisch, da sie einen reproduktiven Kapitalismus stabilisiert und den Verlustgedanken, der dem Mystischen ursprünglich eingeschrieben ist, neutralisiert.
Als Gegenentwurf entwickelt Bataille eine aktive Form der Mystik, in der sich das Mystische nicht länger passiv von der Welt zurückzieht, sondern die Welt selbst durch zweckfreie und unproduktive Konsumtion negiert. Das moderne mystische Bewusstsein soll demnach in dem Wissen, dass Dinge seine Intimität beschneiden, diese nicht mehr bloß ausblenden, sondern sie aktiv verbrauchen, ohne ihnen einen Zweck zuzuschreiben. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um einen positiven oder negativen Zweck handelt, da die Dinge für das mystische Bewusstsein keinen eigenständigen Bestand besitzen und ihm weder Bedeutung hinzufügen noch entziehen können.
Der Gedanke Batailles dahinter ist, dass sich der Effekt des mystisch-aktiven Negierens gesellschaftlich und wirtschaftlich ausweiten kann, indem Dinge ihre ordnende Funktion innerhalb der Ökonomie verlieren und der Wert des Menschen nicht länger über Besitz, Nutzen oder gegenständliche Maßstäbe definiert wird.
Die Struktur des mystischen Bewusstseins und Souveränität
Die Mystik als Suche nach der verlorenen Intimität gründet für Bataille im spezifisch menschlichen Bewusstsein selbst. Ausgangspunkt ist das zerrissene Bewusstsein, das durch seine eigene Reflexivität einen Bruch zur ursprünglichen Einheit des Lebens erzeugt und damit eine unaufhörliche Suchbewegung in Gang setzt. Im Mystischen tritt diese Struktur des Bewusstseins in ihrer ganzen Konsequenz hervor.
Wie Bataille darlegt, ist die Zerrissenheit nicht äußerlich verursacht. Es ist das eigene Bewusstsein, das einen Keil zwischen sich selbst und der ursprüngliche Einheit des Lebens treibt. Der Abfall aus der Immanenz durch erhöhte Transzendenz des Lebens erzeugt Bewegungen der Rückkehr, die Bataille als Streben nach vollständiger Souveränität beschreibt – als »die Rückkehr des Menschen zur vollständigen und unreduzierbaren Souveränität […], ***die Freiheit im Augenblick ist, unabhängig von einer Aufgabe“.
Im Zuge der Menschheitsgeschichte steigen Rationalisierung, Transzendenz und Bewusstsein weiter, aber damit ebenso die Suche nach Intimität. Diese Suche bleibt jedoch notwendig paradox: „Die Religion, deren Wesen die Suche nach der verlorenen Intimität ist, läuft auf den angestrengten Versuch des klaren Bewusstseins hinaus, ganz zum Selbstbewußtsein zu werden.“ Doch diese Anstrengung ist vergeblich, da das „Verlorengegangene […] sich selbstverständlich nicht außerhalb von ihm [befindet], es ist vielmehr die dunkle Intimität des Bewusstseins selber, von der er sich […] abwendet“.
Die interessante Wendung in seinem Religionsbegriff äußert sich darin, dass das Intim-Göttliche sich gerade dann als Selbstbewusstsein entfaltet, wenn das Transzendenzbewusstsein des Menschen zur Reife gelangt. Was im Selbstbewusstsein dann letztlich strahlt, ist nicht nur das von Bataille kritisierte Gegenständlichkeitsbewusstsein, sondern überhaupt der Gewinn an Bewusstsein bzw. seine Erhöhung im Vergleich zu den Bewusstseinsstufen der vorangegangenen Menschheitsgenerationen.
Der Weg zu einem klaren, souveränen Selbstbewusstsein soll dann über die »Reduktion der Reduktion« erfolgen. Damit meint Bataille, dass die Souveränität der Vernunft der gleichen vehementen Kritik unterliegen muss, die sie selbst hervorgebracht hat. Die Wissenschaft soll auf den Grund ihrer eigenen Beleuchtung blicken, nämlich auf die Entstehung des Selbstbewusstseins in der Subjekt-Objekt-Differenz.
Bataille visiert hier eine »Restitution der intimen Ordnung auf der Ebene des klaren Bewußtseins« an. Das Subjekt, das steigend an Bewusstsein gewinnt, ist demzufolge nicht mehr an die reale Ordnung im Außen gebunden, sofern es anerkennt, dass die Außenwelt lediglich sein Gegenstandsbewusstsein widerspiegelt und sich darin nichts Wesentliches begründen lässt.
Bataille entwickelt das Konzept eines Selbstbewusstseins, das »nichts mehr zum Gegenstand hat«, um der Schwierigkeit zu begegnen, dass sich Intimität nicht objektiv erfassen lässt. Dieses Problem sucht er durch eine Form der Introspektion zu bearbeiten, die die Mittel der Rationalität nicht dazu verwendet, den dunklen Anteil des Bewusstseins – die Intimität – durch das Licht des Vernünftigen zu überblenden, sondern ihn vielmehr mittels einer umgekehrten Rationalität noch deutlicher in ihrer Dunkelheit zu erkennen.
Mystik und Nichtwissen
Umgekehrte Rationalität bedeutet eine Sinnvernichtung und das wissende Aufgeben objektiver Bezüge. Bataille bezeichnet dies als »Nichtwissen« und ist darüber hinaus dezidiert der Auffassung, dass Religion ihrem Wesen nach ebenfalls »Nichtwissen« ist. Dieses Nichtwissen fungiert nicht als bloßer Vorzustand des Wissens, sondern als ein aktives Prinzip, das nicht einfach mit Wissen gefüllt oder geformt werden kann.
In einem Vortrag zur vorgeschichtlichen Religion bringt Bataille das Verhältnis von Religion und Nichtwissen wie folgt zur Sprache:
Zuallererst muß ich folgende Tatsache festhalten: Die Menschen wissen nicht, was die Religion ist […]. Wir wissen, was der Baum ist, das Recht, die Arbeit […]. [E]rkennen können wir auch die Religion: wir unterscheiden sie von Wissenschaft, Politik und Kunst …, aber sobald wir sagen sollen, was sie ist, läßt es jeder von uns bei einer fraglichen Definition bewenden. […] Wenn wir […] [z.B.] die Bestattung oder das Opfer definieren können, folgt daraus noch lange nicht, daß wir sagen könnten, was an der Bestattung religiös ist […]. Im Gegenteil, in dem Augenblick, wo sich uns die Bestattung als ihrem Wesen nach religiös zeigt, verzichten wir darauf zu wissen, was [sie] ihrem Wesen nach ist. Wir erklären nicht mehr, was sie ist, sobald wir sagen, sie sei religiös.
Im mystischen Erleben steht das Nichtwissen im Zentrum – jener Ort, an dem sich das Selbstbewusstsein des Menschen in der klaren Unbestimmtheit seines Wesens entfaltet. Denn wie Bataille immer wieder klarmacht: Unser Wissen bezieht sich lediglich auf Funktionen und Deskriptionen, mit denen wir uns identifizieren; wer wir aber wirklich sind, das wissen wir nicht. Erst nachträglich fügen wir Bedeutungen hinzu und schöpfen Sinn aus dem Erzeugten und Gedachten. Die mystische Erfahrung ist der Nullpunkt des eigenen Bewusstseins – mit dem Unterschied, dass wir diesen Nullpunkt zeitgleich in erhöhten Zuständen der Rationalität anerkennen (bewusst statt unbewusst).
Resümee: Aktive Mystik und die Ökonomie des Verlusts
In der Gegenwart vertieft Bataille die mystische Struktur entscheidend: Mystisches Bewusstsein darf die Welt nicht länger nur kontemplativ negieren, es muss sie aktiv negieren. Während die klassische Mystik die Aufhebung der Welt in erster Linie in der inneren Erfahrung suchte, verlegt Bataille diese Bewegung in die materielle Ordnung selbst. Die mystische Bewegung des Bewusstseins soll sich nicht mehr nur im Rückzug aus der Welt vollziehen, sondern gerade in der Art und Weise, wie der Mensch mit der Welt der Dinge umgeht.
Damit knüpft Bataille an die Struktur des Opfers an, die bereits im rituellen Vollzug sichtbar wurde. Das Opfer zerstört nicht einfach ein Objekt, sondern entzieht es der Ordnung der Nützlichkeit. Es hebt die funktionale Bestimmung der Dinge auf und führt sie in eine andere Sphäre zurück – in jene intime Ordnung, in der das Leben nicht mehr als Mittel zu einem Zweck erscheint. In der Moderne, in der die rituellen Formen des Opfers weitgehend verschwunden sind, bleibt diese Struktur jedoch weiterhin wirksam, allerdings in veränderter Gestalt.
Die mystische Bewegung verlagert sich nun in das Verhältnis des Menschen zur Ökonomie der Dinge. An die Stelle der rituellen Opferhandlung tritt eine Praxis, die Bataille als zweckfreie Konsumtion beschreibt. Der Mensch produziert nicht nur, um zu erhalten oder zu sichern, sondern um Überschuss zu erzeugen. Dieser Überschuss kann jedoch nicht dauerhaft in der Ordnung der Nützlichkeit verbleiben. Er verlangt nach Auflösung, Verschwendung oder Verlust.
In diesem Sinne wird der Verlust selbst zum zentralen Prinzip einer allgemeinen Ökonomie. Während die eingeschränkte Ökonomie der modernen Gesellschaften auf Produktion, Akkumulation und Nutzen ausgerichtet ist, verweist Bataille auf eine umfassendere Ordnung, in der Überschüsse notwendigerweise zerstört oder verausgabt werden. Opfer, Fest, Verschwendung, Exzess und Luxus erscheinen in dieser Perspektive nicht als Randphänomene, sondern als grundlegende Ausdrucksformen menschlicher Existenz.
Die klassische Mystik entzog sich der Welt durch Askese, Rückzug und Enthaltung. Diese Form der Weltverneinung bleibt jedoch für Bataille ambivalent, da sie paradoxerweise zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung beitragen kann. Gerade die asketische Weltverneinung, wie sie etwa in der protestantischen Ethik sichtbar wird, führt nicht zur Zerstörung der Dinge, sondern zu ihrer Akkumulation. Die Dinge werden nicht negiert, sondern lediglich ignoriert – und bleiben daher innerhalb der ökonomischen Ordnung bestehen.
Hier setzt Batailles Idee einer aktiven Mystik an. Das mystische Bewusstsein soll sich nicht länger passiv von der Welt abwenden, sondern die Ordnung der Dinge selbst negieren. Dies geschieht nicht durch moralische Askese oder durch Rückzug aus der materiellen Welt, sondern durch eine Form des Verbrauchs, der sich jeder Zweckbestimmung entzieht.
Die von jeder Nützlichkeit befreite Konsumtion wird bei Bataille daher zum Endzweck. Dinge werden nicht mehr als Mittel behandelt, sondern im Akt ihres Verbrauchs ihrer ökonomischen Funktion entzogen. Konsumtion verliert damit ihren instrumentellen Charakter und wird zu einer Geste der Negation.
In dieser Perspektive richtet sich Batailles Kritik gleichermaßen gegen Kapitalismus und Marxismus. Im Kapitalismus bestimmen die Dinge den Wert des Menschen: Waren strukturieren Begehren, soziale Anerkennung und Identität. Doch auch der Marxismus bleibt für Bataille innerhalb derselben ökonomischen Logik gefangen. Zwar kritisiert er die ungleiche Verteilung der Dinge, doch er hinterfragt nicht die grundlegende Struktur der Produktion und des Nutzens selbst. Die Welt bleibt sinnvoll organisiert – nur anders verteilt.
Beide Systeme bleiben daher innerhalb einer Ökonomie der Zweckmäßigkeit gefangen. Produktion, Arbeit und Gebrauchswert bilden weiterhin die grundlegenden Kategorien, innerhalb derer menschliche Existenz verstanden wird.
Batailles Anspruch geht darüber hinaus. Dinge sollen nicht mehr Träger von Bedeutung, Wert oder Funktion sein. Sie sollen in ihrer reinen Immanenz erscheinen – als das, was sie sind, und nichts darüber hinaus. Diese Entleerung der Dinge von Sinn ist kein nihilistischer Akt, sondern eine Voraussetzung für Emanzipation.
Erst wenn der Mensch aufhört, Dinge zu rechtfertigen, zu erklären oder zu gebrauchen, kann er sich von ihnen lösen. Diese Loslösung ist jedoch notwendig destruktiv, da sie nur dort gelingt, wo das Zweckdenken vollständig gekappt wird.
In der mystischen Selbstverschlingung der Welt – im exzessiven Verbrauch, im reinen Verlust und im bewussten Verzicht auf Sinn – findet das Bewusstsein paradoxerweise zu sich selbst zurück. Nicht als souveränes Subjekt im klassischen Sinne, sondern als Erfahrung reiner Gegenwärtigkeit, jenseits von Nutzen, Bedeutung und Identität.
So kehrt in der aktiven Mystik jene Struktur wieder, die bereits im Opfer sichtbar war: die Aufhebung der funktionalen Ordnung zugunsten einer Erfahrung der Intimität. In der zweckfreien Verausgabung erscheint für Bataille daher eine moderne Form des Opfers – eine Praxis, in der sich das mystische Bewusstsein seiner eigenen Souveränität vergewissert.
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